Brückensanierung

So schlimm ist es wirklich auf der Oberbaumbrücke

Große Unfallgefahr: Wegen der Brückensanierung teilen sich Radfahrer den Weg mit Fußgängern - die dort eigentlich nicht hingehören.

Der provisorische Radweg auf der Oberbaumbrücke. Dass man als Fußgänger dort nicht unterwegs sein darf, weiß kaum jemand.

Der provisorische Radweg auf der Oberbaumbrücke. Dass man als Fußgänger dort nicht unterwegs sein darf, weiß kaum jemand.

Foto: Patrick Goldstein

Die drei Besucher aus Bayern, – Vater, Mutter, Tochter –, springen im letzten Moment zurück. „Das ist ein Radweg“, ruft ihnen eine davon schießende Radfahrerin empört aber sichtlich erschrocken zu. Ein Stück weiter läuft ein Fußgänger, die Augen auf das Smartphone gerichtet, ebenfalls auf den Weg. Ein Radfahrer weicht ihm im letzten Moment aus.

Die Auseinandersetzung zwischen Verkehrsteilnehmern hat mit der Oberbaumbrücke einen neuen Brennpunkt gefunden. Im Minutentakt sind dort Fast-Kollisionen zu beobachten.

Radfahrer reagiert gerade noch rechtzeitig

Wegen Straßenbauarbeiten bis November ist die Zahl der Spuren dort reduziert. Nach einigen Fehlversuchen in der Verkehrsführung gelten vor allem in Richtung Kreuzberg seit Ende Mai wichtige neue Regelungen: Autofahrer haben eine Spur für sich. Radfahrer werden über den Fußweg entlang des westlichern Geländes hinüber nach Kreuzberg geführt. Fußgänger benutzen diese Seite weder in die eine noch die andere Richtung. Sie kommen unter den Arkaden unter den Türmen der Oberbaumbrücke voran.

So weit die Theorie. In der Praxis funktioniert es dort nur, weil Fußgänger und Radfahrer vorausschauend unterwegs sind oder gerade noch rechtzeitig reagieren. Dabei laufen auf Friedrichshainer Seite die Fußgänger gar nicht bewusst auf den Radweg. Aber am Ende der East Side Gallery, auf dem kleinen Platz an der Ecke Mühlenstraße, Am Oberbaum, gibt es zwei Lücken in den Absperrungen. Mindestens eine davon ist offensichtlich von jemandem geöffnet worden, der ungehindert vom einem zum anderen Spreeufer gelangen wollte, ohne umständlich unter die Arkaden wechseln zu müssen. Geschlossen wurde der Durchgang danach nicht mehr. So sind es meist Touristen, die mit dem Blick auf die imposante Brücke auf den improvisierten Radweg treten.

„Vielleicht darf ich hier gar nicht fahren“

Auf der Kreuzberger Seite ist die Situation undurchsichtig - und nicht minder gefährlich. Wer dort mit dem U-Bahnhof Schlesisches Tor im Rücken zur Brücke läuft, sieht auf westlicher Seite kein Schild, das darauf hinweist, dass Fußgänger dort keinen Durchgang haben. Es gibt es ein solches Schild, das jedoch in Sichtrichtung einer Seitenstraße steht. Wer frontal auf die Brücke zuläuft, wird nicht gestoppt. Seitens der Senatsverkehrsverwaltung heißt es auf Anfrage der Berliner Morgenpost, entsprechende Schilder seien bestellt.

Fragt man Passanten und Radfahrer, zeigt sich, dass keiner so genau weiß, wie die Regelung auf der Westseite der Brücke ist. Man wurschtelt sich eben irgendwie durch.

Lehrerin Manon beispielsweise, die mit dem Rad unterwegs zu einem Schüler und seinem Praktikumsplatz ist, sagt: „Ich bin aus Friedrichshain kommend über die Brücke gefahren. Dann sah ich, dass auf dem Weg auch Fußgänger liefen. Ich dachte, vielleicht darf ich hier gar nicht sein“, so die 41-Jährige. Wenn sich in Berlin Velofahrer und Fußgänger auf dem Bordstein begegnen, sind es stets Erstere, die sich falsch verhalten. Hier dagegen ist es umgedreht.

Trotzdem läuft sie weiter den Radfahrern entgegen

Die 37 Jahre alte Rita schiebt aus Richtung Kreuzberg ihren Kinderwagen gen Friedrichshain. „Es ist gar nicht ausgeschildert, dass hier nur Radfahrer erlaubt sind“, wundert sie sich. Trotzdem läuft sie weiter den Radfahrern entgegen. Die haben durch die Fahrt von der höher gelegenen Warschauer Brücke ein überdurchschnittliches Tempo. Aber gefragt, warum sie nicht den vorgeschriebenen, sichereren Weg auf der anderen Seite unter den Arkaden nimmt, sagt Rita: „Dort riecht es zu sehr nach Urin.“

Marcel, 38, der rasant auf einem schwarzen Rad unterwegs ist, sagt: „Die Situation ist einfach nur dumm. Wir Radfahrer fahren auf dem schmalen Weg an Fußgängern vorbei. Die motzen, wir motzen. Und ich verstehe die. Wenn Eltern da mit Kind unterwegs sind, haben die natürlich Angst. Radfahrer sollten in beide Richtungen unter den Arkaden fahren.“

Ursprünglich sollten sich während der Brückensanierung Autos und Velos in Fahrtrichtung Kreuzberg bei reduzierter Geschwindigkeit eine Spur teilen. Dann stellte man fest, dass dies auf aus Verkehrssicherheitsgründen nicht erlaubt werden kann. Radfahrer sollten absteigen. Nach Protesten wurde schließlich die aktuelle Regelung angeordnet.