Sanierung

Die Oberbaumbrücke wird zum Horrorpfad für Fußgänger

Die Oberbaumbrücke wird saniert. Nun gibt es heftigen Streit über die Verkehrsführung. Auch eine neue Lösung überzeugt nicht.

Den knappen Platz unter den Arkaden müssen sich Radfahrer und Fußgänger teilen. Künftig sollen auch die Fußgänger von der Westseite der Brücke hier durch. Der Fußgängerverband Fuss kritisiert das als „dummdreist“. 

Den knappen Platz unter den Arkaden müssen sich Radfahrer und Fußgänger teilen. Künftig sollen auch die Fußgänger von der Westseite der Brücke hier durch. Der Fußgängerverband Fuss kritisiert das als „dummdreist“. 

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Das war knapp. Eine Touristengruppe schlendert unter den Bahn-Viadukten der Oberbaumbrücke entlang. In der Hand den Reiseführer, den Blick fest aufs Handy gerichtet. Da rollen hinter ihrem Rücken Radfahrer mit hohem Tempo heran. Die können gerade noch ausweichen, als einer der Touristen nach links ausschert. Wildes Geklingel und wüste Beschimpfungen sind die Folge.

Solche Szenen dürften sich in den kommenden Wochen auf der Oberbaumbrücke häufen. Die wichtige Verbindung zwischen Friedrichshain und Kreuzberg ist seit Montagmorgen Baustelle. Die beschädigte Fahrbahn muss für 700.000 Euro saniert werden. Die Brücke wird daher fünf Monate lang auf einer Hälfte für die Bauarbeiten gesperrt, auf der anderen Seite steht dann nur jeweils eine Fahrspur pro Richtung zu Verfügung. Seither tobt lautstark der Kampf zwischen den verschiedenen Verkehrsteilnehmern um den knappen Platz.

Auch Kompromiss-Lösung stößt auf Kritik

Auch die von Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) und Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) am Dienstagabend als Kompromiss verkündete Verkehrslösung stößt weiter auf heftige Kritik. Dieser sieht vor, dass die Fahrbahn weiter allein von den Autos genutzt werden darf. Den Radfahrern in Richtung Kreuzberg soll künftig der Gehweg auf der Westseite der Brücke zur Verfügung stehen. Verlierer des Verteilungskampfes sind die Fußgänger. Sie sollen voraussichtlich ab kommender Woche in beiden Richtungen den Gehweg unter den Brücken-Arkaden nutzen, müssen sich diesen Weg aber mit den Radfahrern, die in Richtung Friedrichshain unterwegs sind, teilen. Wer dabei Vorrang hat, ist augenscheinlich: Zwei Drittel der Wegbreite steht den Radfahrern zur Verfügung, ein Drittel den Fußgängern.

Gehweg für Fußgänger teilweise nur 60 Zentimeter breit

Deren Lobby-Verband Fuss e.V. bezeichnet die Lösung als „dummdreist, aber aussichtslos“. Dummdreist sei das, weil der Senat ausgerechnet den umwelt- und stadtfreundlichsten Verkehrsteilnehmern fast allen Raum nehmen wolle. Aussichtslos sei es, weil vielen Berlinern und Touristen das Gehweg-Verbot auf der Westseite der Brücke „schnurz“ sein werde. „Sie werden einfach die Wege weiter benutzen, ob amtlich gesperrt oder nicht“, sagte Fuss-Sprecher Roland Stimpel. Den Gehweg unter dem U-Bahn-Viadukt bezeichnete er dabei als „Horrorpfad. Er sei höchstens 1,50 Meter breit, neben Pfeilern und Obdachlosen-Lagern würden den Fußgängern teilweise weniger als 60 Zentimeter zur Verfügung stehen. Viele Pflastersteine seien lose, Scherben und Müll würden auf dem Weg liegen, aus Nischen würde es nach Urin stinken. „Glaubt beim Senat wirklich jemand, dass die vielen tausend Fußgänger vor der Brücke Schlange stehen, im Gänsemarsch den Ekelweg nehmen und an den Engstellen über Entgegenkommende klettern? Im anarchischen echten Leben auf der Brücke werden sie einfach mehr Raum nehmen, ob legal oder nicht“, so Vereinssprecher Stimpel.

Fußgänger und Radfahrer werden gegeneinander ausgespielt

Doch auch die Organisation Changing Cities, deren Mitglieder einst den Radfahrer-Volksentscheid initiierten, kritisiert die neue Verkehrsführung. Gemeinsam mit dem ADFC hatten sie am Dienstag zu einer Sitzblockade aufgerufen, in deren Ergebnis Senat und Bezirk Korrekturen ankündigten. Der Schwarze Peter werde in der Hierarchie der Verkehrsteilnehmer nur weiter nach unten gereicht. „Zu Fuß Gehende und Radfahrende gegeneinander auszuspielen, ist keine Lösung! Das Mobilitätsgesetz schreibt eindeutig vor, dass Rad- und Fußverkehr sowie ÖPNV Vorrang vor dem Kfz-Verkehr haben“, sagte Dirk von Schneidemesser von Changing Cities.

Elsenbrücke kann nicht für Umleitung genutzt werden

Senatorin Günther bezeichnete die Situation als „sehr misslich“. Normalerweise hätte man die Oberbaumbrücke für die Dauer der Sanierung für den Autoverkehr gesperrt. Doch weil die Elsenbrücke wegen gravierender Schäden durch einen Neubau ersetzt werden muss, sei auch diese derzeit halbseitig gesperrt. Daher dürfe kein zusätzlicher Autoverkehr auf die Brücke verlagert werden. Bei der geplanten Lösung auf der Ostseite der Oberbaumbrücke sollen Fuß- und Radweg mit sogenannten Leitboys „deutlich“ abgetrennt werden. „Wir versuchen, die Sicherheitsstandards so hoch wie möglich zu setzen“, sagte Günther.