Stadtleben

Wie sich der Markt am Maybachufer gewandelt hat

Marktleiter Dennis Delfs organisiert den Markt am Maybachufer. „Damals war mehr Neukölln“ sagt der Kreuzköllner.

Ein echter Kreuzköllner: Marktleiter Dennis Delfs kümmert sich um den Markt am Maybachufer. Der 29-Jährige ist der Gegend aufgewachsen und hat den Wandel im Viertel miterlebt.

Ein echter Kreuzköllner: Marktleiter Dennis Delfs kümmert sich um den Markt am Maybachufer. Der 29-Jährige ist der Gegend aufgewachsen und hat den Wandel im Viertel miterlebt.

Foto: Patrick Goldstein

Neukölln/Kreuzberg. Im morgendlichen Durcheinander abgestellter Obstkisten, offen stehender Wagentüren und ausladender Händler mit Schürze und Winterhandschuhen bleibt Marktleiter Dennis Delfs am Stand für wohltuendes Kümmelöl abrupt stehen. „Hast du“, fragt er den jungen Verkäufer Saman betont liebenswürdig, „ein neues Auto?“ Ja, erwidert der. Einen französischen Kombi. „Das weiß ich darum“, sagt Delfs genüsslich, „weil du mir damit vorhin über den Fuß gefahren bist.“

Willkommen in Kreuzkölln, wo selbst der Humor ruppiger ist als anderswo, so rau und scharf wie Wind und Wetter, die an diesem kühlen Markttag am Maybachufer darüber entscheiden, wie das Geschäft der Händler verläuft und wie zerschlagen sie sich am Abend fühlen werden.

Inzwischen schon auf Senatsebene redet die Stadt dieser Tage über die Markthalle Neun, die 1600 Meter entfernt von dieser Uferseite des Landwehrkanals an der Kreuzberger Eisenbahnstraße liegt. Es geht darum, wie sehr oder wie wenig die erlesenen Stände dort auf Bedürfnisse und Portemonnaies der Anwohner eingestellt sind. Bei einem Kieztreffen fand etwa Filmposterhändler Helmut Hamm vom Geschäft gegenüber dem Seiteneingang viel Zustimmung mit der Forderung: „So etwas wie am Maybachufer wünsche ich mir hier in der Markthalle.“

Delfs betreibt Multitasking

Wer den Unterschied an der Seite von Dennis Delfs aus der Nähe erleben will, muss gut zu Fuß sein. Der 28-Jährige hastet unter den Zeltplanen von Händler zu Händler. Dreistufiges Multitasking: Kassieren, Stände zuteilen, Abschleppwagen organisieren. Kümmelhändler Saman reicht eine Dattel mit einem schweren Klecks Sesampaste darauf. Kalorien, das stärkt.

Dann weiter. Delfs wird von einem Tross Händlern verfolgt, die kaum Schritt halten können und an seinen Lippen hängen, während er mit ausladender Armbewegung auf Freiflächen weist: „Hier? Wäre das passend?“. Wer kein Stammmieter ist, hat die Möglichkeit, am Markttag nach einem Platz zu fragen. Eine junge Schmuckhändlerin aus seinem Gefolge nimmt dankend an.

Delfs Telefon klingelt. „Muss ich mal Steinbock rufen“, sagt er und zeigt nebenbei der 49-jährigen Jeanette aus Ecuador, wo sie heute ihre weißen Panamahüte verkaufen kann, die ihr die Verwandtschaft handgemacht aus der Heimat schickt. „Schöne Geschichte“, sagt Delfs. „Solche Geschichten findet man hier alle paar Meter auf dem Markt.“

Dann steht er vor Steinbock. Es ist, so stellt sich heraus, der Name des Abschleppdienstes, der einen schwarzen SUV davontragen soll. Der Wagen blockiert einen Standplatz. „Glücklicherweise ist der Händler nur freitags da. Aber wäre das an seinem Tag passiert, hätte der mir natürlich vorgeworfen, warum man hier nicht dafür sorgt, dass er arbeiten kann.“

Märkte zu betreiben wird immer schwieriger

Bei aller Romantik eines Bummels am Maybachufer, wie ihn internationale Touristenführer jedem Berlinbesucher empfehlen: Die Aussichten dort sind weniger rosig. „Wochenmärkte zu betreiben wird immer schwieriger, weil es deutschlandweit immer weniger Markthändler gibt“, sagt Nikolaus Fink, 51. In Berlin betreibt sein Unternehmen „diemarktplaner“ elf Standorte. Hört ein Händler auf, werde es zunehmend schwer, einen Nachfolger zu finden, sagt Fink. Wer früher den Betrieb seines Vaters übernommen hätte, sei heutzutage weniger bereit, nachts auf dem Großmarkt Ware zu besorgen und am nächsten Tag bis abends zu verkaufen. Seitdem Fink den Maybachufer-Markt im Jahr 2015 übernahm, ist es ihm immerhin gelungen, die Zahl der Anbieter von 140 auf jetzt 170 bis 180 zu erhöhen.

Das Publikum hat sich geändert

Zu schaffen mache den Händlern in Kreuzkölln, dass sich das Publikum geändert hat. „Früher kamen Leute, die große Mengen gekauft haben.“ Inzwischen seien es die kleinen feinen Quantitäten, die eine gewandelte Anwohnerschaft mit kleineren Familien davonträgt. In den Bezirken, wo sich Anwohner über zügellose Partytouristen beschweren, sind die Berlin-Besucher auf der Suche nach echtem Basar-Flair für Nikolaus Fink ein wichtiger Ersatz für das Wochenmarktgeschäft.

Den Kunden will er es so recht machen wie möglich. „Da bekommen Sie inzwischen 30 verschiedene Apfelsorten von unterschiedlichen Händlern. Ware für jene, die regional und bio wollen und für jene, die den Kofferraum aufmachen und kistenweise kaufen.“ Es ist wohl das Angebot, das Kritiker der Markthalle Neun meinen, wenn sie einen „Markt für alle“ fordern.

„Damals war mehr Neukölln“

Dennis Delfs hat den Wandel unmittelbar erlebt. „Ich bin in der Ecke aufgewachsen“, sagt er und ermahnt einen Händler im Vorübergehen, einen Holzstab seiner Standkonstruktion festzuklemmen, der im Wind auf Kopfhöhe gefährlich hin und her pendelt. Seine Eltern leben noch immer dort. Delfs wohnt inzwischen in Britz und hat einen neunjährigen Sohn. In der Freizeit trainiert er dessen F-Jugend-Fußballteam.

Vergleicht er den Markt seiner Kindheit mit dem, was er dort heute vorfindet, die Händler aus aller Welt, deren Nationalitäten er ohne nachzudenken aufruft, die Dutzenden Sprachen, die spanischen Touristen am Stand des italienischen Schmuckhändlers Michele und die Anbieter von Pulled Pork und Kümmelöl, sagt er: „Es war mehr Neukölln, damals“. Ein wenig Sehnsucht klingt mit.

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