Zeichen jüdischen Lebens

Synagoge in Kreuzberg wird wieder aufgebaut

Erstmals wird in Deutschland eine Synagoge in ihrer historischen Gestalt wieder aufgebaut. Das Projekt bekommt viel Unterstützung.

Berlin. Wo sich heute noch Anwohner in einer kleinen Grünanlage erholen und Kinder der benachbarten Schule auf dem Bolzplatz kicken, soll bald ein weithin sichtbares Zeichen für die Renaissance jüdischen Lebens in Berlin und in ganz Deutschland entstehen. Die Pläne für den Wiederaufbau der in der Reichspogromnacht 1938 ausbrannten und im Krieg von einem Bombentreffer zerstörten Synagoge am Fraenkelufer nehmen immer weiter Gestalt an. Die Synagoge war eine der größten der Stadt. Die Reste mit der vergleichsweise gut erhaltenen Hauptfassade wurden Ende der 50er-Jahre gesprengt, erhalten blieb nur ein Seitenflügel mit dem Betraum für Jugendliche, den die Gemeinde heute nutzt.

Ein Förderverein arbeitet seit einigen Monaten an dem Projekt, das der SPD-Fraktionsvorsitzende Raed Saleh im November 2017 mit einem Zeitungsbeitrag angeschoben hatte. Am Montag traf sich erstmals das hochkarätig besetzte Kuratorium. Das Gremium zeigt, welch breite Unterstützung der Wiederaufbau des 1916 errichteten Bethauses inzwischen genießt.

Unter anderem ist Verlegerin Friede Springer dabei, der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Eric Schweitzer, der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD), Friedrichshain-Kreuzbergs grüne Bürgermeisterin Monika Herrmann, Gideon Joffe, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, der Linken-Politiker Gregor Gysi, Hamburgs Ex-Bürgermeister Ole von Beust, der frühere DGB-Bundesvorsitzende Michael Sommer und FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja. Die Familie des Synagogen-Architekten Alexander Beer ist durch Antony Colman aus London vertreten, einem Großcousin von Beers inzwischen fast 90 Jahre alten Tochter Beate Hammett.

Die Idee entstand bei einem Hummus-Essen in Neukölln

Hinzu kommen Politiker aus dem Abgeordnetenhaus und Vertreter der Fraenkelufer-Gemeinde, die sich seit Jahren zu einem wichtigen Treffpunkt für die wachsende jüdische Community in der östlichen Innenstadt entwickelt hat. Auch Muslime sind vertreten – durch Pinar Cetin, die sich früher an der Neuköllner Sehitlik-Moschee engagierte, ehe ein konservativer Rollback ihr und ihrem als Imam wirkenden Mann Pro­bleme machte. In der ersten Sitzung wählte das Kuratorium Saleh zum Vorsitzenden.

Der Spandauer Politiker mit palästinensischen Wurzeln warb für den Wiederaufbau: „Wir haben in Deutschland Schlösser und Kirchen wieder aufgebaut, warum nicht auch Synagogen“, sagte der Sozialdemokrat. Es sei „eine Frage des Anstandes zu zeigen, wie wichtig uns jüdisches Leben ist.“ Es sei Teil „unserer Leitkultur“. Die Idee war bei einem Hummus-Essen in Neukölln entstanden, zu dem sich Saleh und einige Gemeindemitglieder vor fast vier Jahren getroffen hatten.

Nina Peretz aus der Fraenkelufer-Gemeinde wünscht sich vor allem mehr Platz für die wachsende Gemeinschaft, die stark vom Zuzug aus Israel und den USA nach Berlin profitiert. Deshalb wird der Neubau wohl die klassizistische Fassade mit den vier wuchtigen Säulen wiederbekommen, aber wohl kaum den Betsaal mit einst fast 2000 Plätzen. Stattdessen soll eine Kita in dem Gebäude unterkommen, eine Bi­bliothek, ein koscheres Café, womöglich ein Coworking-Space.

Die Gemeinde wird ihre Bedürfnisse benennen. Auf dieser Grundlage sollen dann Architekten Entwürfe liefern, die moderne Anforderungen und historische Anmutung in Einklang bringen. Die Simulation, die den Neubau in hellem Weiß zeigt, ist eine Arbeit des Architekten Kilian Enders, sie soll aber nichts von einem noch zu startenden Wettbewerb vorwegnehmen. Bezirksbürgermeisterin Herrmann sagte zu, es werde keine Probleme mit der Genehmigung geben, das bezirkseigene Grundstück stehe zur Verfügung. Auch die Nachbarn seien für das Projekt, so die Bürgermeisterin: „Sie freuen sich, dass die Synagoge wiederaufgebaut wird.“

Unternehmer Schweitzer nannte die Idee ein „großartiges Zeichen gerade in Zeiten von wachsendem Antisemitismus“. Er selbst wolle „Spenden einsammeln“, sagte der Chef des Recycling-Unternehmens Alba: „Das Projekt tut Berlin sehr gut.“ Der Regierende Bürgermeister Müller schätzt an der Initiative besonders, dass „mitten in einem sehr gemischten Wohnquartier wieder jüdisches Leben sichtbar“ wird.

International wird der Wiederaufbau beobachtet. Dabei interessiert viele, dass sich ausgerechnet ein Politiker muslimischen Glaubens mit palästinensischen Wurzeln dafür engagiert. „Das Projekt ist auch für die Familie sehr wichtig“, sagte Antony Colman, der extra aus London eingeflogen war. Seine in Australien lebende Großcousine wurde 1939 im Alter von neun Jahren mit einem der letzten Kindertransporte nach England geschickt und überlebte – anders als ihre Eltern – den Holocaust. Er mache jetzt im Kuratorium mit, um diese persönliche Geschichte zu erzählen.

Jüdische Gemeinde braucht eine Sekundarschule

Gideon Joffe von der Jüdischen Gemeinde sagte, er sei froh, dass „so etwas gebaut wird“. Bisher befänden sich die meisten Treffpunkte für den Dialog zwischen Juden und Nichtjuden im Westen der Stadt. Er mahnte jedoch, nicht den aus Sicht der jüdischen Gemeinde prioritären Aufbau einer jüdischen Sekundarschule in Mitte gegen die Unterstützung für den Synagogen-Bau aufzurechnen.

Saleh sagte, er hoffe auf einen ersten Spatenstich zum 85. Jahrestag der Pogromnacht 2023. Der Senat hat als ersten Finanzierungsbeitrag aus dem Sonder-Investitionstopf Siwana zwei Millionen Euro in Aussicht gestellt. Die Summe muss aber noch vom Abgeordnetenhaus gebilligt werden. Insgesamt wird mit Gesamtkosten von 20 bis 30 Millionen Euro gerechnet.

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