Begegnungszone

Bänke statt Parkplätze - Probesitzen an der Bergmannstraße

An der Bergmannstraße entsteht eine Begegnungszone. Das Projekt ist umstritten. Die Berliner Morgenpost testete die neuen Holzbänke.

Bergmannstrasse Verkehrsberuhigte Zone

Bergmannstrasse Verkehrsberuhigte Zone

Foto: Reto Klar

Berlin. Rund drei Wochen ist es her, dass eines der umstrittensten Verkehrsprojekte in Berlin gestartet wurde. Nun zieren dort, wo einmal Parkplätze waren, zwei große Sitzgelegenheiten aus Holz, auch „Parklets“ genannt, die Bergmannstraße. Wir waren dort zum Probesitzen und haben nachgefragt, wie die geplante Begegnungszone im Bergmannkiez ankommt.

Übersehen kann man sie nicht. Die hellen Holzbänke sind mit dem Rücken zur Straße auf einem Metallgerüst aufgebaut und sollen dort zum Sitzen und Entspannen einladen. Vor den Hausnummern 11 und 99 ist es auch am sonnigen Mittwochvormittag auf den ersten Blick ruhig um die Sitzgelegenheiten. Es riecht nach frischem Holz, die Bänke sind bis auf ein bisschen Laub, ein Papiertaschentuch und eine leere Verpackung sauber und leuchten im Sonnenlicht. Vor mir springt ein kleines Mädchen auf den Holzhockern, die neben den Bänken aufgestellt sind, hin und her. Leute kommen, Leute gehen. Wenige bleiben lange sitzen. Das Parklet gegenüber im Schatten bleibt leer.

Nicht das Gefühl, auf der Straße zu sitzen

Aus dem Bekleidungsgeschäft gegenüber klingt türkische Musik. Verkäuferin Nülifer Sen hat die Parklets am vergangenen Sonnabend das erste Mal wahrgenommen. „Da waren sie total vermüllt, obwohl direkt daneben ein Mülleimer steht“, sagt die 43-Jährige. Bei dem wechselhaften Wetter der letzten Tage habe sich kaum jemand dort hingesetzt.

„Im Sommer wird es bestimmt voll, ich denke, das wird hier gut angenommen“, sagt sie. Karla Reinemer (67) ist mit ihrem Mann und ihren Enkeltöchtern extra anderthalb Stunden aus Buch angefahren, um sich die Sitzbänke anzuschauen. Ein Freund hat sie gebaut und konzipiert. „Die sind toll. Das Einzige, was hier fehlt, sind ein paar Pflanzen“, sagt Karla Reinemer, nachdem sie mit Enkeltochter Milla (8) Selfies auf dem Parklet geschossen hat.

„Ich finde die Idee großartig, die Parklets sollte es überall geben“, sagt Florian Höper. Der 31-Jährige, der sich neben mich gesetzt und telefoniert hatte, wohnt in der Nähe der Bergmannstraße und hat auch sein Büro in der Gegend. „Es gibt hier zu wenig Naherholungsgebiete. Hier kann man sich zwanglos hinsetzen, ohne Geld ausgeben zu müssen“, sagt der Unternehmer. Um wirklich zu entspannen, geht er aber lieber in den Park. „Hinter mir rauschen die Autos vorbei, das ist mir auf Dauer zu laut hier“, sagt er.

Richtig entspannen kann man so nah an den Autos nicht

Selbst mit dem Rücken zur Fahrbahn habe ich durch das massive Holz und die hohe Lehne nicht das Gefühl, auf der Straße zu sitzen. Etwas ungewohnt ist es trotzdem und richtig entspannen kann ich nicht. Das Verkehrsrauschen, der Blick auf die Passanten, die ihrerseits größtenteils unbeeindruckt an dem Parklet vorbeilaufen und das Treiben vor den Geschäften und umliegenden Restaurants machen mich unruhig.

„Der Verkehr sollte hier verboten werden“, sagt Niko Herrmann (34) auf dem Weg in seine Mittagspause. Seiner Meinung nach müsse man sich entscheiden: Autos weg oder Straße ohne Sitzgelegenheiten. „Das ist sonst nichts Halbes und nichts Ganzes. Es fehlt der Stadt an attraktiven Fußgängerzonen“, sagt er.

Gewerbetreibende beschwerten sich über die Parklets

Ein Obdachloser mit einer Bierflasche bleibt kurz stehen und sagt dann, dass es auch ihm zu laut ist an der Straße und er sich lieber in den Park setzt. Marie-Claude Glombitza hat es sich mit einer Zeitung und einer Limonade gemütlich gemacht. „Ich finde die Idee gut, aber mir gefällt nicht, wie das Projekt gegen den Willen der Anwohner durchgedrückt wurde“, sagt sie. Anstelle der sperrigen Holzmöbel, die pro Stück 50.000 Euro kosten, hätten ihr mehrere kleinere Sitzbänke in der Fußgängerzone gereicht.

„An das 30er-Tempolimit halten sich viele nicht, die rasen hier durch“, sagt die 44-Jährige, die an der Bergmannstraße wohnt. Da die Straße durch die „Parklets“ verengt ist, werde häufig gehupt. Davon ist am Mittwochvormittag nichts zu hören, dafür stehen zwischenzeitlich sieben Autos in zweiter Spur. Es fehle an Parkplätzen und Toiletten, sagt mir Günter (63), ein anderer Anwohner.

Es gab viel Lärm um das Herzensprojekt von Verkehrssenatorin Regine Günther (für Grüne), vor allem Gewerbetreibende beschwerten sich im Vorfeld über den Wegfall der Parkplätze. „Begegnungszone, nein danke“ habe es laut dem Berliner Mieterverein in vielen Schaufenstern rund um die Bergmannstraße geheißen. Von einem „künstlichen Eingriff in eine quicklebendige Straße“ sei unter Anwohnern die Rede gewesen. Die Senatsverkehrsverwaltung hofft, dass die Parklets in den kommenden Wochen angenommen werden. Anwohner können in den nächsten Monaten die Parklets bewerten und Anregungen geben – im Herbst startet dann die einjährige Testphase für die Umgestaltung der Bergmannstraße in eine Berliner Begegnungszone. Zeit genug für alle, selbst einmal Probe zu sitzen.

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