Kottbusser Tor

"Der Drogenhandel ist wie ein Unternehmen organisiert"

Polizeidirektorin Sylvia Döbrich über die Strukturen am „Kotti“ und warum sich der Kampf gegen Drogen dort als schwierig gestaltet.

Eine Polizeistreife kontrolliert am Kottbusser Tor einen mutmaßlichen Drogendealer

Eine Polizeistreife kontrolliert am Kottbusser Tor einen mutmaßlichen Drogendealer

Foto: dpa Picture-Alliance / Paul Zinken / picture alliance / Paul Zinken/d

An kaum einem anderen Ort in Berlin prallen soziale Unterschiede und Interessen so hart aufeinander wie am Kottbusser Tor. Im Interview spricht die Polizeidirektorin Sylvia Döbrich über Gentrifizierung, menschliche Not und kriminelle Machenschaften am "Kotti".

Was sind die größten Herausforderungen am Kottbusser Tor?

Sylvia Döbrich: Das Kottbusser Tor ist der Inbegriff eines Schmelztiegels. Hier finden sich so viele Interessen in einer besonderen baulichen Situation. Täglich sind hier Tausende Menschen mit unterschiedlichsten Motivlagen unterwegs: Manche wollen zur Arbeit, andere abtauchen in die Kreuzberger Szene. Manchmal nehme ich mit einem Lächeln zur Kenntnis, dass der Eindruck erweckt wird, das Problem mit den Drogen am Kottbusser Tor sei ein komplett neues. Die Realität ist, dass hier seit Jahrzehnten ein schwieriges Umfeld existiert – soziale Probleme, hohe Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit. Dadurch entsteht eine gewisse Grundaggressivität, oft wegen menschlicher Not. Am Kottbusser Tor kommen diese Faktoren so stark zusammen wie an kaum einem anderen Platz in Berlin. Trotz mittlerweile einiger schicker, angesagter Burgerläden – das ist ein bisschen kosmetisch verklärt. Dass die Grundstruktur dennoch problematisch ist, liegt auf der Hand.

Berlins gefährliche Orte: Kottbusser Tor

Am Kottbusser Tor gibt es massive Probleme mit der Drogenkriminalität. Die Zahl der Straftaten hat sich binnen zehn Jahren verdoppelt.
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Vor einigen Jahren hatten die Tschetschenen die kriminelle Szene am Kottbusser Tor fest im Griff.

Tschetschenen waren tatsächlich eine Zeit lang ein großes Problem. Jetzt wurden sie verdrängt. Entweder durch Konkurrenz zu anderen Gruppen, die da präsent sein wollen oder auch durch polizeilichen Einfluss.

Und wie sieht es heute aus? Stimmt es, dass es unter den Dealern derzeit viele Geflüchtete gibt, die von kriminellen Bandenspeziell für diesen Zweck angeworben wurden?

Nein, das kann man nicht pauschal sagen. Was immer gilt für kriminalpolizeiliche Phänomene, ist, dass die Anfälligkeit armer, sozial isolierter Menschen, die keine Arbeit und soziale Bindung haben, stärker ausgeprägt ist. Zum Stichwort Fluchtbewegung nach Deutschland, nach Berlin: Es gibt natürlich viel mehr Menschen in der Hauptstadt. Die findet man in Teilen der Kriminalität, die in der Stadt passiert, wieder – das ist ganz normal. Ein Teil der Wahrheit ist, dass überwiegend junge Männer nach Deutschland kommen. Und junge Männer sind auch in Deutschland die Problemgruppe für die Polizei, weil sie bei der Begehung von Straftaten überproportional vertreten sind. Wir haben mit 22-jährigen Frauen ungefähr 0,0 Probleme, was die Kriminalität in dieser Stadt angeht. Bei 22-jährigen Männern aber schon sehr hohe.

Straßendealer stehen am Ende der Kette. Wenn man aber ein paar Ebenen höher geht, wer zieht da die Strippen?

Es gibt wie in jedem Klischee tatsächlich eine Hierarchie. Der Drogenhandel ist klar strukturiert, die Verantwortlichen organisieren sich wie ein Unternehmen – nur illegal. Weil viel Geld zu verdienen ist, wollen viele in diesem Teich fischen. Verschiedene Ethnien sind an dieser Stelle aktiv, unter anderem Menschen mit türkischen oder arabischen Wurzeln.

Können Sie grob beschreiben, wie diese Gruppen vorgehen und in welchem Verhältnis sie zueinander stehen?

Diejenigen, die "4Blocks" gesehen haben: Die Serie bildet das Thema ziemlich zutreffend ab. In Einzelfällen nehmen wir wahr, dass es eine Art der Aufteilung bestimmter Örtlichkeiten gibt: Ihr die Hasenheide, wir den Görlitzer Park. Wir Kokain und ihr die weichen Geschichten. Und ihr die Clubs und wir die Restaurants. Das ist aber keinesfalls ein Phänomen, das konsequent und stadtweit flächendeckend wahrnehmbar ist. Wär es so, dann wäre unsere Arbeit einfacher. Klar ist, dass es ein Riesenmarkt ist, und dass jeder eine Nische sucht, in der sich viel Geld verdienen lässt.

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