Es war früher Abend, als die zwei Frauen in ihrem Pkw nichts ahnend vor einer roten Ampel warten, als plötzlich wie aus heiterem Himmel neben ihnen ein 15 Meter hoher Baum umstürzt und auf das Auto kracht.
Durch die Wucht des Aufpralls wird das Fahrzeug nahezu völlig zerquetscht. Dass die Insassen lebend und nur leicht verletzt aus dem Wrack geborgen werden können, grenzt nach Angaben eines am Unglücksort eingesetzten Feuerwehrmannes an ein Wunder.
Womit niemand mitten in einer Großstadt ernstlich rechnet, das geschah am Montagabend gegen 20.40 Uhr in Kreuzberg an der Kreuzung Großbeerenstraße / Obentrautstraße.
Bilder vom Unglücksort lassen ahnen, was ein umstürzender Baum mit eineinhalb Metern Stammdurchmesser mit einem Pkw und dessen Insassen anrichten kann. Die Feuerwehr musste Spezialgerät einsetzen, um die Frauen zu befreien. Die 47 Jahre alte Fahrerin wurde ins Benjamin-Franklin-Klinikum eingeliefert, ihre 40 Jahre alte Beifahrerin kam ins Krankenhaus Friedrichshain. Beide hatten Glück im Unglück und waren nur leicht verletzt.
Einsatzkräfte der Feuerwehr mussten den Baum zunächst in mehrere Einzelteile zerschneiden, um die Unglücksstelle überhaupt räumen zu können. Die Kreuzung war mehr als drei Stunden für den gesamten Verkehr gesperrt, bis die Bergungs- und Aufräumarbeiten endlich abgeschlossen waren. Neben dem völlig demolierten Auto der beiden Frauen wurden auch noch zwei in der Nähe geparkte Wagen durch das ausladende Astwerk des Baumes erheblich beschädigt.
Sorgfältige Untersuchungen
Am Tag nach dem Unfall stand die Untersuchung der Ursache im Vordergrund. Für die Polizei ist der Fall mit der Unfallaufnahme zunächst abgeschlossen, auch die Feuerwehr hat ihre Arbeit erledigt. Die Hauptzuständigkeit liegt jetzt beim Bezirksamt Kreuzberg. Mitarbeiter haben bereits am Dienstagvormittag mit einer sorgfältigen Untersuchung des Unfallortes begonnen, endgültige Ergebnisse liegen bislang allerdings noch nicht vor.
In Kreuzberg hat man bereits Erfahrung mit solchen Vorfällen. Vor eineinhalb Jahren stürzte an der Möckernstraße, einer Parallelstraße der Großbeerenstraße ebenfalls ein Baum um und landete auf einem Taxi. Das Fahrzeug wurde wie auch der Pkw der beiden Frauen am Montag völlig zerstört. Ein Ast durchbohrte eine Seitenscheibe des Taxis und verfehlte den Fahrer nur um Haaresbreite. In den Resten des umgestürzten Baumes stellten Experten Wurzelfäule fest, eine häufige Ursache für das plötzliche und völlig unerwartete Umstürzen von Bäumen.
Nach diesem Vorfall kündigte das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg eine Intensivierung seiner Kontrollen an, eine Ankündigung die am Dienstag zu vielen kritischen Fragen an die Adresse der Behörde führte. „Ich kann kein grobes Versagen meiner Behörde erkennen“, sagte Bezirksstadtrat Hans Panhoff, der die Abteilung Umwelt, Verkehr und Grünflächen leitet. Eine Verantwortung für den Unfall schloss er demnach nicht grundsätzlich aus. Worin ein Fehler der Arbeit des Bezirksamt liegen könnte, ließ er aber offen.
Kranke Wurzeln könnten Schimmel verursacht haben
Der fast hundert Jahre alte Baum sei von der Behörde jedes Jahr kontrolliert worden, zuletzt im Juli 2012, ohne dass ein Schaden hätte festgestellt werden können. Im Jahr 2009 gab es ein Gutachten, das einen Kronenschnitt vorsah, weil sich das Gewicht der Krone auf eine Seite verlagert hatte.
Bisher sieht es nach Angaben von Panhoff so aus, als wären die Wurzeln des Baumes krank gewesen. „Möglicherweise wurden sie bei Bauarbeiten gekappt und es bildete sich Schimmel.“ Das könne schon etliche Jahre zurückliegen. Da sich Schimmel unsichtbar ausbreite, sei er für die Mitarbeiter des Bezirksamts nicht erkennbar. Ein Gutachter soll nun die genaue Ursache für den Unfall überprüfen. An Stamm und Krone des Baumes seien bislang keine Schäden festgestellt worden.
Auch der Unfall mit dem Taxi vor eineinhalb Jahren war laut Panhoff auf verschimmelte Wurzeln zurückzuführen. Trotz der Häufung umgestürzter Bäume in seinem Bezirk gibt er sich gelassen. „Man kann nicht sagen, dass bei uns jedes Jahr ein Baum umfällt.“ Insgesamt müsste sich der Bezirk um 15.000 Straßenbäume kümmern.



