Studie

Alkoholkonsum von Jugendlichen steigt an

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Claudia Ehrenstein

Foto: sm/sa htf/sm / DPA

Schon mit 14 Jahren trinkt jeder fünfte Jugendliche wöchentlich. Die Zahlen steigen und Abhilfe schaffen vor allem wirksamere Kontrollen. Sabine Bätzing, Drogenbeauftragte der Bundesregierung, will dafür auch Jugendliche als Testkäufer einsetzten. Damit stellt sie sich hinter den umstrittenen Vorschlag von Ursula von der Leyen.

Jugendliche sollten als Testkäufer von alkoholischen Getränken mit dazu beitragen, die Einhaltung der Jugendschutzbestimmungen besser zu kontrollieren. Das forderte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing (SPD), zum Auftakt der Tagung „Voll drauf – Neue Formen jugendlichen Alkoholkonsums“ in Berlin. Erst in der vergangenen Woche hatte Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) einen entsprechenden Gesetzentwurf nach massiver Kritik aus Politik und Verbänden zurückgezogen.

Jugendliche Testkäufer könnten eine durchaus sinnvolle Ergänzung zur behördlichen Kontrolle sein, sagte Bätzing und verwies auf erfolgreiche Modellprojekte in verschiedenen Kommunen. Es müssten jedoch bestimmte Bedingungen erfüllt sein. So sollten die Testkäufer älter als 16 Jahre sein. Sie müssten gezielt ausgewählt und geschult werden. Die Testkäufe sollten nur unter behördlicher Aufsicht durchgeführt werden. Bätzing appellierte zugleich an Einzelhandel und Gastronomie, sich an das geltende Jugendschutzgesetz zu halten. Danach dürfen Bier und Wein nur an über 16-Jährige, Spirituosen nur an über 18-Jährige verkauft werden.



Gesellschaft muss genauer hinschauen



Um Kinder und Jugendliche besser vor gesundheitliche Schäden und Suchgefahren durch Alkohol zuschützen, forderte Bätzing auch von Eltern, Lehrern, Jugendbetreuern und Sporttrainern mehr Verantwortung zu übernehmen. Die gesamte Gesellschaft sei aufgerufen, genauer hinzuschauen, wenn Kinder und Jugendliche Alkohol trinken. Denn: „Es gibt dringenden Handlungsbedarf“, sagte Bätzing. Der Alkoholkonsum von Kindern und Jugendlichen steige derzeit wieder kontinuierlich an.

Das Einstiegsalter für regelmäßigen Alkoholkonsum liegt bei 13 Jahren. Jeder fünfte 14-Jährige trinkt bereits wöchentlich. Die Hälfte der 16- bis 17-Jährigen konsumiert mindestens einmal im Monat hochprozentige Spirituosen. Vor allem das so genannte Rauschtrinken habe in den vergangenen Jahren stark zugenommen, sagte Bätzing. Per SMS verabredeten sich die Jugendlichen zum gemeinsamen Besäufnis. Das Rauchtrinken ist zu einem regelrechten Freizeitkult geworden.

Unter Alkoholeinfluss nähmen aber auch Gewalt und Straftaten zu, warnte Bätzing. Die Zahl der Minderjährigen, die die wegen einer akuten Alkoholvergiftung stationär behandelt werden müssten, habe sich innerhalb von fünf Jahren von 9500 auf 19.400 mehr als verdoppelt. Jugendliche sollten lernen, maßvoll und verantwortungsbewusst mit Alkohol umzugehen, forderte Bätzing.



Keine Dumping-Preise für Alkohol



Doch Erwachsene lebten oft ein schlechtes Vorbild vor. Hinzu kämen die leichte Verfügbarkeit von Alkohol nahezu rund um die Uhr und der Gruppenzwang, innerhalb einer Clique mitzutrinken. „Mädchen und Jungen müssen das Selbstbewusstsein und die Kompetenz erlangen, ,nein' zu sagen“, erklärte Bätzing. Um diese Ziel zu erreichen forderte sie, Bier, Wein und Spirituosen nicht zu Dumping-Preisen zu verkaufen. Die Hersteller alkoholischer Getränke sollten konsequent auf Werbung verzichten, die sich an Kinder und Jugendliche wendet.

Das Ausprobieren alkoholischer Getränke gehöre „zu unserem Kulturkreis“, sagte die Bielefelder Psychologin Ulrike Ravens-Sieberer. Diese Test-Phase beginne meist in der Pubertät und ende in den meisten Fällen nach einiger Zeit wieder. „Eine Minderheit aber wird zu Dauerkonsumenten“, sagte Ravens-Sieberer. Ein Prozent der Elfjährigen trinke schon regelmäßig Alkohol.

Beim ersten Rausch sind die Mädchen und Jungen im Durchschnitt rund 13 Jahre alt. Insgesamt sei die Zahl jugendlicher Alkoholkonsumenten zwar in fast allen europäischen Ländern rückläufig. Doch die Zahl derer, die dafür umso intensiver trinken, nehme kontinuierlich zu. Zu dieser Gruppe gehörten vor allem auch Jugendliche, die Alkohol trinken, um mit den Anforderungen des Alltags fertig zu werden. Während der Woche stehen sie in der Schule oder im Job unter Druck, am Wochenende wollen sie dann im Alkoholrausch den Stress vergessen.

Der Berliner Kinder- und Jugendpsychiater Oliver Bilke stellte den Alkoholkonsum Minderjähriger auch in den Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen. Die Zahl der zwölf- bis 13-jährigen Jugendlichen, die wegen Depressionen, Angstzuständen oder dem so genannten Zappelphilipp-Syndrom in Behandlung seien, habe sich in den vergangenen Jahren verzehnfacht. Oft versuchten diese Jugendlichen zunächst, sich mit Alkohol quasi selbst zu therapieren, was dann langsam zu einer chronischen Abhängigkeit führe. Diese Patienten bräuchten andere Hilfe als jugendliche Rauschtrinker, erklärte Bilke.

Alkohol gehöre zwar zur gesellschaftlichen Realität in Deutschland, sagte Bilke. Die Selbstverständlichkeit, mit der Bier, Wein und Spirituosen konsumiert würden, sei jedoch keineswegs normal.