Vor dem geschlossenen ICC haben sich am Dienstagabend so viele Menschen versammelt wie schon lange nicht mehr. Und auch auf der gegenüberliegenden Straßenseite, am S-Bahnhof Messe Nord/ZOB, stehen sie. Insgesamt vielleicht 300 Leute aller Altersklassen. Viele mit Kamera. Alle mit Handy. Sie warten auf die deutschen und amerikanischen Kampfflugzeuge, die am Dienstagabend das Messegelände in Formation überfliegen sollen. Anlass dafür ist der 250. Unabhängigkeitstag der USA, der am 4. Juli gefeiert wird.
Eine Vorab-Veranstaltung richtete die Amerikanische Botschaft bereits am Abend in den Messehallen aus. Und so sollten die Flugzeuge auch gegen 19.15 Uhr im Formationsflug über das Messegelände fliegen. In nur 300 Metern Höhe und mit 300 Knoten, das entspricht 555,6 km/h.
Ankunft der Kampfjets verzögert sich – Spannung steigt unter den Wartenden
Um 19.15 Uhr war die Ankunft angekündigt. Die Masse wird langsam nervös. Es ist ein bisschen wie im berühmten Loriot-Sketch: Ja, wo fliegen sie denn? Und immer wieder Fehlalarme bei den Wartenden: Mal ist es ein lautes Auto, das man für den Schall der Überschallflugzeuge hält, oder ein Vogelschwarm in der Ferne sieht aus wie Flugzeuge. Um 19.20 Uhr ist es dann so weit. Sie kommen also noch pünktlich aus Richtung Nordosten – zumindest wenn man die Maßstäbe der Deutschen Bahn anlegt, wo ein Zug erst ab 5,59 Minuten als verspätet gilt.
Als Erstes fällt auf: Sie sind überraschend leise. Vielleicht liegt es aber auch nur am Verkehr, der sich über die Neue Kantstraße und den Messedamm quält.
Eurofighter und F-16: Deutsch-amerikanischer Überflug fasziniert Berlin
Für die Bundeswehr sind es zwei deutsche Eurofighter, für die USA zwei Flugzeuge vom Typ F-16. Der Eurofighter ist der modernste Kampfjet der Bundeswehr, er erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von bis zu 2000 km/h. Dank seiner Leistung kann er direkt nach dem Start fast senkrecht in die Höhe fliegen. Die F-16-Kampfjets sind älter, aber ähnlich schnell. Doch nicht nur für Symmetrie-Freaks sieht die Vierer-Formation in Pfeilkopf-Ausrichtung lückenhaft aus. Aber vielleicht ist das auch eine gute Metapher für das deutsch-amerikanische Verhältnis derzeit.
Doch die Berliner, den Amerikanern traditionell verbunden, haben sich im Westen der Stadt versammelt, wie einst zu Mauerzeiten beim Tag der offenen Tür der Amerikaner auf dem Flughafen Tempelhof, um den Überflug zu sehen. Sie betrachten die Flugzeuge, filmen und fotografieren sie, wie sie nach Südwesten entschwinden, werden immer kleiner links vom ICC, bis sie nur noch wie Mücken wirken.

Die Planung für diesen Flug hat das taktische Luftwaffengeschwader 73 vor einer knappen Woche begonnen, verrät Oberstleutnant Stephan Borchert der Morgenpost. Das Geschwader „Steinhoff“ ist in Laage stationiert. 30 Kilometer südlich von Rostock ist es einer von vier Eurofighter-Standorten der Luftwaffe. Dort findet auch die Eurofighter-Ausbildung statt.
Koordination im Berliner Luftraum: Militärische Flüge erfordern genaue Planung
Für das Geschwader war dieser Flug primär organisatorische Arbeit: „Es muss mit den Piloten der anderen Nation koordiniert werden, zum Beispiel Ort und Zeit für das Aufeinandertreffen der Luftfahrzeuge. Zusätzlich ist die Beantragung von Ausnahmegenehmigungen notwendig, um Mindestflughöhen zeitweise herabzusetzen. Der Flug im stark beflogenen Berliner Luftraum erfordert Planung, um keine Luftraumverletzungen zu begehen und kein Hindernis für zivile Flugzeuge darzustellen“, sagt Oberstleutnant Stefan Borchert.

Das eigentliche Fliegen ist nicht so das große Problem. Zumindest für die Profis im Cockpit. Enger Formationsflug und die Zusammenarbeit mit anderen Nationen sei „eine Routineaufgabe“, erklärt Bochert. „Dennoch sollte man Flugbetrieb gerade mit anderen Luftfahrzeugmustern nicht auf die leichte Schulter nehmen.“
Insgesamt sollten die Flugzeuge nicht länger als 5 Minuten über dem Stadtgebiet von Berlin sein. Und so gab es zum Bedauern der Leute am ICC auch keine Schleife, auch wenn es zeitweilig so aussah, als würde das fliegende Quartett noch einmal zurückkommen. „In Frankreich haben sie immer Farben hinten dran“, sagte einer der Zuschauer, fügte dann aber schulterzuckend hinzu, „aber gut, ist ja keine Flugschau“.
Tiefflug bleibt weitgehend unbemerkt – Bürger reagieren gelassen
Während die Bundeswehrflugzeuge schon wieder im Flug zurück nach Laage waren, verblieben die Besucher also ungläubig. „Das war alles? Na ja, wenigstens wir haben uns gut unterhalten“, sagte ein Mann zu seinen beim Warten kennengelernten Gesprächspartnern. Dann entschied er, er wolle mit seiner Frau noch einen Döner essen gehen am Imbiss nebenan. „Der ist immer lecker.“ Ein paar Minuten später steht das Ehepaar doch auf dem S-Bahnhof. „Die haben die Preise erhöht, dann eben nicht.“
Die Polizei konnte auf Morgenpost-Anfrage noch keine Bilanz über Anrufe von über den Tiefflug irritierten Bürgern geben. „Aber wir haben vorab die Leitstelle informiert, damit sie alle eventuellen Anrufer aufklärt.“ Nicht repräsentative, stichprobenhafte Nachfragen bei im Stadtgebiet verteilten Bekannten haben ergeben, dass die Jets kaum jemand bemerkt hat.



