Es klingt wie das Drehbuch für einen Agententhriller: Eine Spezialeinheit des US-Geheimdienstes NSA könnte von der US-Botschaft neben dem Brandenburger Tor in Berlin-Mitte die mutmaßliche Handy-Überwachung von Bundeskanzlerin Angela Merkel gesteuert haben.

Es bestehe der Verdacht, dass für die Operation die diplomatische Vertretung genutzt worden sei, berichtete die „Welt“ unter Berufung auf hochrangige Sicherheitskreise in Berlin. Der Sprecher der US-Botschaft, Peter Claussen, wollte das demnach weder bestätigen noch dementieren. Er habe dazu „keine Informationen“, wird er zitiert.

Betrachten Berliner und Touristen den wuchtigen Neubau am Pariser Platz nun mit anderen Augen? Als sichtbaren Teil all der unangenehmen Wahrheiten, die Edward Snowden über die US-Spitzelei enthüllt?

Als Standort wäre die Botschaft für Einsätze à la James Bond zumindest sehr gut geeignet: Seit 2008 steht sie ganz nah am Herzen des politischen Zentrum Berlins. Der Reichstag mit seiner gläsernen Kuppel, das Kanzleramt und die Abgeordnetenhäuser liegen nur einen Steinwurf entfernt – samt Sichtachsen über die Pferderücken der Quadriga hinweg.

Amerikaner wollten ein Teil Deutschlands sein

„Wir hätten ja auch mitten im Wald bauen können. Aber wir wollten ein Teil Deutschlands sein. So offen wie möglich“, hat der damalige US-Botschafter William Timken kurz vor der Eröffnung der Botschaft gesagt.

Sicherheit und Offenheit – das war von Anfang an ein Widerspruch, mit dem sich die USA und Berlin in Sachen Botschaft auseinandersetzen mussten, insbesondere seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001.

Kann die Visitenkarte eines Landes an so prominenter Stelle unter diesen Umständen überhaupt entstehen? Denn der Pariser Platz mit der gläsernen Akademie der Künste, der französischen Botschaft, dem wiedererbauten Liebermann-Haus von Josef Paul Kleihues und der Bank nach den Plänen Frank O. Gehrys gilt als Berlins „Showroom“ für Nachwendearchitektur.

Erwünscht: eine Art Sahnehäubchen

Das Grundstück der Amerikaner, bereits in den 1930er-Jahren erworben, war die letzte offene Lücke. Erwünscht: eine Art Sahnehäubchen.

Was dann entstand, nach jahrelangen Diskussionen, der Verlegung der Behrenstraße nach Süden, hinter den Sichtschutzwänden der am besten gesicherten Baustelle der Hauptstadt, hat nicht nur viele Berliner entsetzt. Es war ein beinahe festungsartiger Bau mit heller Sandsteinfassade und Fenstern aus grünem Panzerglas.

„Der Bau sieht aus, als ob eine Nation vom Weltpolizisten zum Selbstverteidiger geworden ist“, sagte damals der Architekturkritiker Gerwin Zohlen. „Das Gebäude wirkt von außen merkwürdig uninspiriert und ist erstaunlich lieblos ausgeführt.“ Gesamturteil: langweilige Sicherheitsarchitektur, die nicht in das Zentrum einer europäischen Hauptstadt passe.

Das könnte allerdings auch daran gelegen haben, dass die USA aus Sparzwängen das Budget für das Architektenbüros Moore Ruble Yudell um 60 Millionen Dollar zusammenstrichen. Umgerechnet hat die Botschaft 82 Millionen Euro gekostet – immer noch ein stolzer Preis. Was sich heute alles hinter ihrer Fassade, die in einigen Partien seltsam fensterlos ist, verbirgt? Das bleibt ein Rätsel. Führungen gab es zur Eröffnung nur unter der strengen Aufsicht des Sicherheitspersonals.

Geheime Räume mit kupferbeschlagenen Wänden

„Deutschland und die USA sind echte globale Partner“, sagt Botschafter Timken zur Eröffnung am 4. Juli 2008 – dem Unabhängigkeitstag der USA. „Die Botschaft ist ein Symbol dafür.“ Und US-Altpräsident George Bush senior rührte die geladenen Gäste als Redner mit dem Satz: „Die deutsche Wiedervereinigung war das wichtigste Ereignis in meiner Präsidentschaft.“

Nach der wechselvollen Geschichte der USA als Deutschlands Kriegsgegner, Besatzer und Schutzmacht Westberlins ist die Botschaft an diesem Standort, an den einst direkt die Mauer grenzte, noch immer etwas Besonderes. Und sie wird es bleiben.

Doch in Berlin haben auch andere Gebäude schon die Ambivalenz selbst guter Beziehungen gezeigt. So war kaum öffentlich bekannt, dass die CIA im ehemaligen Flughafen Tempelhof – Symbol für die Luftbrücke – lange geheime Räume mit kupferbeschlagenen Wänden und Decken eingerichtet hatte.

dpa/sei