Westend

Studentenwohnen auf denkmalgeschützten Mietergärten

An der Westendallee will die Gewobag 350 bezahlbare Studentenwohnungen bauen. Anwohner würden dadurch ihre Gärten verlieren und protestieren

Anwohner Hans-Gerd Franke (l.) und Wulf Arp wollen das Grün in jedem Fall erhalten

Anwohner Hans-Gerd Franke (l.) und Wulf Arp wollen das Grün in jedem Fall erhalten

Foto: Philipp Siebert

Versteckt liegen knapp 8900 Quadratmeter Gartenland hinter den Reihenhäusern an der Westendallee 77 bis 91. Auf dem schmalen Grundstück, kaum mehr als 22 Meter breit und 380 Meter lang, will die landeseigene Gewobag einen Dreigeschosser bauen. Auf 14.000 Quadratmetern sollen rund 350 günstige, 27 Quadratmeter große Studentenwohnungen entstehen. Ein kleiner Teil ist außerdem für betreutes Wohnen psychisch Kranker vorgesehen. Bei der Vorstellung der Pläne auf der jüngsten Sitzung des Bauausschusses der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Charlottenburg-Wilmersdorf ergaben sich aber mehr Fragen als Antworten.

Dabei betonte Olaf Gericke von der Gewobag stets, dass man früh in der Planung sei und es sich nur um einen ersten Entwurf handele. Auch zur konkreten Miethöhe könne er noch nichts sagen. Man wolle unter dem derzeitigen Durchschnitt von 420 Euro pro Studentenzimmer bleiben, so Gericke. Als landeseigenes Unternehmen müsse man mindestens die Hälfte der Wohnungen zu einem Quadratmeterpreis von 6,50 Euro nettokalt anbieten und dürfe bei den übrigen maximal 9,90 Euro verlangen.

Gewobag macht Kaufentscheidung vom Baurecht abhängig

"Wir erhoffen uns die Unterstützung und schnellstmögliche Baurechtschaffung", sagte Gericke. Davon sei abhängig, ob die Gewobag das Areal vom derzeitigen Eigentümer, der Ostgrund GmbH, auch kauft. Auch hier nannte er keine konkrete Summe. Die Gewobag würde einen Preis zahlen, der für das Unternehmen finanzierbar sei. Mit der Ostgrund bestehe ein entsprechender Vorvertrag. Diese kaufte das Grundstück 2013 aus der Insolvenzmasse einer Tochterfirma der Bendzko-Gruppe. Laut mehrere Anwohner habe Ostgrund damals 70.000 Euro für die Grünfläche bezahlt. Mit Baurecht wäre sie ein Vielfaches wert.

Der Plan, günstige Studentenwohnungen zu bauen, fand zwar einhellig Zustimmung. Viele Anwohner zogen allerdings in Zweifel, dass es an dieser Stelle möglich sein wird. Sie führten etwa den sandigen Boden an. Da das Grundstück außerdem an einem Abhang liege, sei ein Bau dieser Größe hier schwer zu realisieren. Andere sahen keine Möglichkeit, das Gebäude angemessen verkehrlich zu erschließen. Zu wenig Platz. Die Bahn, der das Nachbargrundstück gehört, habe die Möglichkeit einer Erschließung über ihr Gelände signalisiert, hielt Gericke dagegen.

Denkmalschutz und Umgang mit Mietergärten ungeklärt

"Vor allem in älteren Mietverträgen sind die Gärten fester Bestandteil der Mietsache. Die Gewobag plant auf Flächen, die für den Bau gar nicht zur Verfügung stehen“, kritisierte Anwohner Hans-Gerd Franke. Eine abschließende Beurteilung der Gewobag in dieser Sache stehe noch aus, so Gericke. "Laut des bisherigen Eigentümers besteht eine schwammige rechtliche Situation." Man sei aber an einer einer einvernehmlichen Lösung interessiert und wolle gegebenenfalls Ersatzflächen in den umliegenden Kleingartenanlagen zur Verfügung stellen.

Auch die Frage des Denkmalschutzes klammerte die Gewobag bislang aus. Die zwischen 1921 und 1923 im Auftrag der Deutschen Reichsbahn errichteten Häuser sind samt der dahinterliegenden Gärten als Gesamtanlage in die Landesdenkmalliste eingetragen. "Sie stellen hier eine Laissez-faire-Architektur vor, die mit der Unteren Denkmalschutzbehörde nicht abgestimmt ist. Das ist nachlässig", lautete der Vorwurf des stadtentwicklungspolitischen Sprechers der SPD-Fraktion, Wolfgang Tillinger. Es sei nur ein konzeptioneller Baumassenansatz, hielt Architekt Wolfgang Engel dagegen. Man habe prüfen wollen ob die Realisierbarkeit unter Wahrung entsprechender Abstandsflächen möglich sei. Wie das Gebäude aussehen soll, sei noch vollkommen offen.

Pläne stoßen bei Bezirkspolitikern auf geteiltes Echo

In wieweit der Bezirk die Pläne der Gewobag unterstützt, will Baustadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) vom Votum der Bezirksverordneten abhängig machen. "Wenn der Ausschuss sagt, dass ist grundsätzlich vorstellbar, würden wir einen Aufstellungsbeschluss für einen Bebauungsplan machen." Andernfalls würde er sich die Arbeit sparen. Die massivste Kritik kam aus seiner eigenen Partei. "Aus unserer Sicht ist die Grad der Versiegelung zu hoch und die Baumasse nicht denkmalverträglich", so die stadtentwicklungspolitische Sprecherin der Grünen, Jenny Wieland. Sie sehe daher keine Genehmigungsfähigkeit.

Als "geeignet um den Druck auf den Wohnungsmarkt etwas zu lösen" bezeichnete dagegen der stadtplanungspolitische Sprecher der FDP, Johannes Heyne, das Projekt. Die Union würde nur mitgehen, wenn die Frage der Mietergärten geklärt sei, sagte der CDU-Verordnete Hans-Joachim Fenske. Das und die abschließende Klärung der Denkmalschutzfrage machte auch Tillinger zur Bedingung einer Unterstützung durch die SPD. Der Linken-Fraktionschef Niklas Schenker begrüßte die Pläne zwar ausdrücklich. Er forderte aber, die Anwohner in einem demokratischen Prozess einzubinden. Stadtrat Schruoffeneger bat um ein abschließendes Votum innerhalb der kommenden zwei Wochen. Er machte allerdings darauf aufmerksam, dass der Senat bei einem negativen Votum des Bezirks das Verfahren an sich ziehen könnte. Laut Gewobag unterstützen die Senatsverwaltungen für Stadtentwicklung und für Finanzen das Projekt.

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