US-Star in Notunterkunft

Mit Susan Sarandon trifft Hollywood auf Berliner Flüchtlinge

Am Dienstag besuchte Schauspielerin Susan Sarandon Flüchtlinge und Helfer in der Notunterkunft im alten Rathaus Wilmersdorf.

Die Schauspielerin Susan Sarandon besucht zum zweiten Mal Bewohner des alten Rathauses Wilmersdorf

Die Schauspielerin Susan Sarandon besucht zum zweiten Mal Bewohner des alten Rathauses Wilmersdorf

Foto: Ricarda Spiegel

Am Ende sitzen alle erschöpft in der Abstellkammer. Journalisten hocken auf dem Boden. Im abgeranzten Sofa versinkt Jack Henry Robins, der Sohn von Schauspielerin Susan Sarandon. Der Heimleiter lehnt an einem Regal mit Bastelutensilien. Ehrenamtliche verteilen Chips auf Papptellern. Nur Susan Sarandon (71) thront kerzengerade auf einem Campingstuhl. Die amerikanische Oscarpreisträgerin war 2016 schon einmal zu Gast in der Notunterkunft. Was die Ehrenamtlichen im alten Rathaus Wilmersdorf leisteten, begeisterte sie. Ihren freien Dienstagnachmittag in Berlin, zwischen Terminen der Fashion Week, wollte sie ausgerechnet hier verbringen.

Dass heute ein Filmstar kommt, hat Holger Michel, Ehrenamtlicher und Sprecher von „Freiwillige helfen“, nicht allen Bewohnern erzählt. Der Andrang wäre zu groß. Im Innenhof wartet nur eine Familie. Es macht ihnen nichts aus, dass Sarandon zu spät kommt. Das Warten gehört zum Alltag.

Bewusstsein für anhaltend prekäre Situation schaffen

Zurzeit leben 930 Menschen aus 26 Nationen in der Notunterkunft. Als die Bewohner im August 2015 einzogen, sollten sie nur übergangsweise bleiben. „Aber viele der Geflüchteten sind seit dem ersten Tag hier, seit 23 Monaten“, sagt Holger Michel. Der Mangel an Unterkünften sei das Hauptproblem.

Insgesamt 5000 Ehrenamtliche haben die Menschen hier in dieser Zeit unterstützt, zusammen mehr als 100.000 Stunden geleistet. Sie haben Spenden sortiert, Dolmetscher organisiert, ein Kinderzimmer, Deutschunterricht, eine Fahrradwerkstatt, eine Bibliothek eingerichtet. Susan Sarandon sagte 2016: „Die Unterkunft ist eine Stadt in einer Stadt. Auch wenn viele Dinge fehlen, lachen die Menschen. Kinder können Kinder und Flüchtlinge Menschen sein, nicht bloß Opfer. Würde steht hier im Fokus.“

Ping Pong mit Hollywood-Star

Ein Jahr später ist Verzweiflung unter den Geflüchteten zu spüren. Der Segen der Unterkunft ist zum Fluch geworden. Weil die Bewohner hier dank der alten Büros auch Einzelzimmer haben, weil es ihnen vergleichsweise besser geht als in anderen Notunterkünften, werden ebensolche eher geräumt. Das Warten hält an.

„Bei dem Besuch von Susan Sarandon geht es darum, ein Bewusstsein für diese anhaltend prekäre Situation von Flüchtlingen zu schaffen“, sagt Holger Michel. Die Initiative erfolgte, wie auch 2016, durch das Israel Forum for International Humanitarian Aid (IsraAID). Sarandon hatte die Organisation 2015 auf der griechischem Insel Lesbos kennengelernt. Damals half sie den ankommenden Geflüchteten vor Ort. Eingeladen ins Rathaus Wilmersdorf brachte die Schauspielerin Tischtennisplatten mit. Sie ist Miteigentümerin des Pingpong-Clubs SPiN. Das Geschenk kam so gut an, dass Michel den Gebrauch einschränken musste. Beim Besuch der Sporthalle fordert die Schauspielerin auch diesmal die Bewohner zu einer Partie auf. Mithilfe des Dolmetschers lernt Sarandon ihre Kontrahenten dann noch einmal in Ruhe kennen – so gut das eben eng umringt von Fotografen und neugierigen Kindern geht.

Erfolgreiche Integration dank Hingabe der Helfer

Auch die Familie, die im Hof gewartet hatte, ist hier. Es sind Jesiden aus dem Irak, Landwirte und Geschäftsmänner. Wie ihr Deutsch vorankommt, will sie wissen, wie sie sich fühlen, was sie sich für die Zukunft wünschen. Sarandons Sohn Jack hüpft derweil mit den Kindern auf dem Trampolin um die Wette. In der hauseigenen Kita ist die Scheu gegenüber der Prominenten gänzlich verflogen. Die Kinder sind zu klein, um zu verstehen, wer vor ihnen steht. Manche finden die Legosteine weitaus interessanter. Mit den älteren Kindern schäkert Sarandon, lernt, dass sie gut in der Schule vorankommen, bereits Deutsch sprechen können und auch ein bisschen Englisch.

Auch von ihrer eigenen Familie erzählt sie. Davon, dass ihr Großvater einst aus Italien nach Amerika kam, dass ganz Amerika ein Land der Einwanderer ist. Nach zwei Stunden Lärm und Gedränge dann endlich Ruhe. In der Abstellkammer entsteht eine improvisierte Pressekonferenz. Sarandon wird ernst. „Ich sehe, dass die Hingabe der Helfer zu einer erfolgreichen Inte­gration geführt hat“, sagt sie. Es sei wichtig, Geflüchteten weiterhin bei der Bewältigung von Angst zu helfen. Sie verstehe, dass die Menschen hier das Warten leid seien, endlich arbeiten und ein sicheres, eigenes Leben bestreiten wollten. Dass es in Deutschland auch Frustration über die Flüchtlingspolitik gibt, Hass und Hetze, bezog Sarandon auf die wirtschaftliche Lage. „Überall in der Welt wird die Kluft zwischen Arm und Reich größer. Die Menschen arbeiten, aber können sich kaum über Wasser halten. Da ist es leicht, die Schuld auf Fremde abzuwälzen. Aber ein Land wird nur dann stark, wenn es auf die Schwächsten Rücksicht nimmt. Wer Schwache diskriminiert, ist selbst schwach“, sagt Sarandon.

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