Es ist der vierte Dezember. Dieser Sonntag ist der vorletzte verkaufsoffene Sonntag in Berlin und für viele Anlass für einen mehr oder weniger festlichen Einkaufsmarathon. Schließlich brennt bereits die zweite Kerze am Adventskranz, und so mancher Berliner verfällt etwas in Panik, sind noch nicht alle Geschenke für die Liebsten eingekauft und hübsch verschnürt. Besinnlichkeit kann ja dann ab Heiligabend herrschen.
Doch nicht nur die geöffneten Geschäfte locken die Berliner auf die beliebte Einkaufsmeile Kurfürstendamm: Eine andere Grande Dame der Westalgie zelebrierte am Sonntag die Lust an genussvollem Konsum. Das neue Café Kranzler eröffnet wieder in der City West. Das von Hofkonditor Johann Georg Kranzler im Jahr 1932 eröffnete Haus hat eine große Verwandlung erlebt. Zuletzt von einer Textilkette betrieben, musste das Kranzler einiges von dem legendären 50er-Jahre-Charme von damals einbüßen. Ralf Rüller nahm sich der Sache an. „Ich bin mit der Eröffnung sehr zufrieden“, sagte der Gründer der Berliner Rösterei „The Barn“ und des gleichnamigen Cafés an der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg. „Die Menschen verstehen guten Geschmack und haben den guten Kaffee hier vermisst.
Café Kranzler ist jetzt cool
Dank der neuen und alten Gäste, die gekommen sind, wacht der Kudamm auf“, so Rüller. Der Kaffee-Philosoph ließ eine Espressomaschine aus Seattle einfliegen, die noch am Freitag an einem Kran in das neue Kranzler an der Ecke Kurfürstendamm/Joachimsthaler Straße schwebte. Am Tag der Eröffnung wissen das nur die wenigsten Gäste. Den Kaffee für vier Euro pro Tasse ließen sie sich trotzdem schmecken. Genauso wie die Sandwiches und herzhaft belegten Croissants, die hier statt traditioneller Sahnetorte serviert werden.
Entschleunigte Stimmung im neuen Café Kranzler
Ein Gast, der schon in den 70er-Jahren regelmäßig das Café Kranzler besuchte, ist Lothar Schenck. Er kam mit seiner Hundedame Trixi vorbei und begrüßte, dass der Rundumblick immer noch so schön sei wie früher. „Das Kranzler war schon immer wichtig für den Tourismus, und das alte Flair ist auch heute hier zu spüren, selbst nach der Modernisierung“, sagte er. Überhaupt wirkt das Kranzler nach dem Umbau sehr viel frischer, auch wenn sich der historischen Elemente des Originalbaus angenommen wurde.
Trotz der vorweihnachtlichen Hektik, die dieser Tage in der ganzen Stadt zu spüren ist, herrschte im neuen Café Kranzler eine etwas entschleunigtere Stimmung, auch wenn die lange Schlange vor der Kaffeeausgabe anderes vermuten ließ. Vom Baustellen-Stress der vergangenen Tage bekamen die Gäste nichts mit, die Lust auf Neues herrschte vor. Neu ist nicht nur das Café in der oberen Etage: Im Erdgeschoss ist ein Flagshipstore des britischen Modelabels Superdry eingezogen. Auf Fans der Marke warten in dieser Woche noch weitere Überraschungen wie Goody Bags. Am Eröffnungstag gab es die noch nicht, was sich für viele jedoch eher als Entlastung erwies. Jeder Zweite trug bereits mehr als drei Tüten, auf beide Schultern verteilt oder bei Lebensgefährten abgeladen, die nah an der persönlichen Frustrationsgrenze zu sein scheinen. Shoppen ist für viele das, was für andere ein Cardio-Training ist. Und ein verkaufsoffener Adventssonntag fordert Spitzenleistungen.
Wie groß der Andrang nicht nur im neuen Kranzler, sondern in den geöffneten Geschäften ist, weiß Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Berlin-Brandenburg. „Der Sonntag startete wohl witterungsbedingt langsam, entwickelte sich dann aber stark“, bilanzierte Busch-Petersen am Sonntagnachmittag. „Schon am Sonnabend verzeichnete der Einzelhandel zweistellige Steigerungsraten im Vergleich zum Vorjahr.“ Das gesamte Wochenende sei besser gelaufen als das erste Adventswochenende. Am meisten nachgefragt wurden nach Angaben Busch-Petersens Beauty-Artikeln, Weihnachtsdeko, Spielzeug und Bücher. Aber auch Mode-Artikel würden verstärkt über den Ladentisch wandern. „Dieses Wochenende macht uns Hoffnung für das Weihnachtsgeschäft“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes. Und wenn das neue Café Kranzler ausgekundschaftet wurde sowie alle Weihnachtsgeschenke besorgt sind, darf dann auch die Besinnlichkeit einkehren. Zumindest, bis der Umtausch beginnt.







