Architektur

Moderne Ideen für einen alten Industriestandort

Der Eigentümer des früheren Reemtsma-Areals lässt sich für seine Umbaupläne von angehenden Architekten der TU Berlin inspirieren.

Rund 20 Prozent der Flächen auf dem ehemaligen Reemtsma-Gelände werden bereits von Gewerbemietern genutzt, und Stephan Allner, Geschäftsführer der Wohnkompanie Berlin, hat noch viele Bewerber. "Das Gelände wird sich schnell füllen. Wir haben eine große Nachfrage, auch das sechsgeschossige Bürohaus wird bereits von Firmen zwischengenutzt", berichtet Allner, Chef über 73.595 Quadratmeter.

Im Moment könnten die Gewerbeflächen theoretisch zweimal gefüllt werden. Dafür sieht Allner zwei Hauptgründe: die "sehr attraktive städtische Lage" und die nahe Autobahn. Außerdem sind die Mietpreise für Büroflächen mit zehn und elf Euro pro Quadratmeter sowie ab vier Euro für die Hallen, die größtenteils noch leerstehen, moderat.

Allner selbst ist mit seiner Firma "Die Wohnkompanie", die die Immobilie im November 2014 gekauft hat, im Mai aufs Areal gezogen. In die Büroetage, die bis Mitte 2012 der Vorstand des Unternehmens Reemtsma nutzte – mit einem weitläufigen Rundum-Blick über Berlin, bis zum Teufelsberg, Fernsehturm, Rathaus Schmargendorf.

Für die Zwischennutzung sollen auch die riesigen Fertigungs- und Lagerhallenkomplexe, in denen Reemtsma ab 1957 an der Mecklenburgischen Straße Zigaretten produzierte, kleinteilig abgetrennt und vermietet werden. Wenn alles vermietet ist, so die Planung, sollen in drei bis fünf Jahren Ergänzungsbauten auf dem Areal entstehen und alles umstrukturiert werden. Beispielsweise soll der Lärm der Autobahn mit neuen Gebäuden abgeschottet werden. Doch auch die komplette Haustechnik muss erneuert werden. Das eigene Kraftwerk auf dem Gelände, über das Reemtsma verfügte, wird abgerissen. Das Wasserwerk wird weitergenutzt.

Handwerk, Fertigung, Logistik

Nach vorhandenem Baurecht können die bestehenden Flächen auf dem Gelände verdoppelt werden, so der Eigentümer. Dabei sollen die Hallen erhalten und weitergenutzt werden, weil sie eine gute Qualität und eine hohe Stabilität hätten. Vorstellbar sei, so Allner, dass sie um eine weitere Etage aufgestockt werden. Welche Branchen dauerhaft aufs Gelände kommen, hat Allner noch nicht festgelegt. "Das wird ein bunter Mix unterschiedlichster Betriebe; Handwerk, Fertigung, Logistik", sagt Allner. Für ein Rechenzentrum, das auf dem Gelände einen Internetknotenpunkt einrichten will, soll ein Neubau entstehen.

Mit großem Interesse verfolgte Stephan Allner am Freitag die Vorstellung der 15 Entwürfe von rund 60 Architektur-Studenten der Technischen Universität Berlin, die er eingeladen hatte. Die Ideen waren vielfältig und höchst unterschiedlich. Unter dem Motto "Krea(c)tiv" entwarfen Studenten beispielsweise für Skater, Freerunner und Parcours-Akrobaten eine Übungs- und Profiwelt. Das vollautomatisierte Hochregal-Lager könnte als Hostel dienen. Andere wollten vor allem den jahrezehntelang streng gesicherten Reemtsma-Ort für die Nachbarschaft wiederbeleben, mit Marktplatz, Gewerbeflächen und terrassierten Wohnbereichen. Eine Luxuswelt für PS-starke Autos mit Teststrecke auf dem Dach, Werkstätten, Galerie und einem 70 Meter hohen Turm entwarfen zwei Studentinnen.

Luca Gericke, 25, Rafael Lozykowski, 27, und ihre Kommilitonin Vera Marie Glas, 26, entwarfen einen Standort "für die Kunst dieser Welt", wo die besten 100 Künstler der Welt sich mit Ausstellungsräumen auf dem Dach präsentieren. Kunstliebhaber hätten so ganzjährig eine neue Adresse. Mit einer angeschlossenen Akademie für den Nachwuchs. Und um Geld zu verdienen, könnten auch Lagerflächen für die Kunst angeboten werden. "Dafür gibt es tatsächlich einen riesigen Bedarf", sagte Wohnkompanie-Chef Allner. Er möchte jetzt von jedem Entwurf einzelne Ideen neu kombinieren. "Das wird sehr interessant werden", verspricht er.

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