Reisen mit dem Fernbus sind in Mode. Im Zuge des Booms werden aber die Mängel in der Infrastruktur für diese stark wachsenden Verkehre immer deutlicher. Nicht nur, dass der Zentrale Omnibusbahnhof (ZOB) am Funkturm mit bis zu 680 An- und Abfahrten pro Tag aus allen Nähten platzt. Rund um den ZOB entleeren immer wieder Busfahrer die Toilettentanks ihrer Fahrzeuge in die Gullis am Straßenrand. An vielen Abdeckungen zeugen festgeklebte Fäkalien und Klopapierreste von dieser Praxis. „Ich habe Fotos davon gesehen. Was vereinzelte Schmutzfinken da machen, ist nicht akzeptabel“, sagt Gerd Bretschneider, Geschäftsführer der Fuhrgewerbe-Innung Berlin-Brandenburg. Die Folge: Die Berliner Wasserbetriebe (BWB) haben in ihren Kanälen deutlich erhöhte Werte von Enterokokken und Coli-Bakterien gemessen.

Nachdem der Grünen-Bezirksverordnete Robert Prejawa aus Charlottenburg-Wilmersdorf die Sauerei öffentlich gemacht hat, arbeiten die ZOB-Betreibergesellschaft IOB, eine Tochterfirma der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), und die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung fieberhaft an einer Notlösung. Nach Auskunft der Wasserbetriebe stellt der Dreck aus den Bussen zwar kein Gesundheits- oder Umweltproblem dar. Die Mischwasserkanäle rund um den ZOB schwemmen ihre Fracht Richtung Norden zum Pumpwerk Nonnendammallee und dann zum Klärwerk Ruhleben. Für die Kanalisation handele es sich „nicht um eine große Menge“, sagte BWB-Sprecher Stefan Natz der Berliner Morgenpost. Aber es gibt auch Hinweise, dass ein Teil des Schmutzes, der eben nicht im Kanal landet, nach starken Regenfällen den nahen Halensee erreicht.

Auswärtige Unternehmen unter Verdacht

Bis letzten Oktober gab es für 30 Jahre einen Fäkalienablass für Busse am Rasthof Avus. Seit dort aber täglich Dutzende Busse ihre Ablassstutzen öffneten, stank es dem Tankstellenpächter. Weil der Bund als Eigentümer des zum Autobahngelände zählenden Rastplatzes das Loch nicht sanieren wollte, wurde es zubetoniert. Einige Busfahrer sahen danach offenbar die Gullis als letzte Alternative. Zu vernehmen ist, dass es sich um Betriebe handelt, die nicht aus Berlin kommen und nicht über eigene Betriebshöfe in der Stadt verfügen, wo sie Ablass und Auffüllung mit Frischwasser vornehmen können. Gerade die großen Unternehmen nutzen hier die Betriebshöfe ihrer lokalen Mitgliedsunternehmen. Verdächtigt werden auch Fahrer, die in Berlin ihre Endstation haben, „ihre Pause machen und dann gleich wieder zurückfahren müssen. Also nicht die Zeit haben, um einen Umweg zu einer Entsorgungsanlage zu fahren“, berichtet ein Insider.

Berliner Busunternehmen mit eigenen Betriebshöfen wie Haru Reisen aus Spandau bieten ihren Kollegen an, bei ihnen ihre Fäkalien zu entsorgen. „Wir wollen nicht, dass der Fernbus wegen so etwas in Verruf gerät“, sagte Haru-Chef Karsten Schulze der Morgenpost. Aber nicht alle Busfahrer oder Unternehmen seien bereit, die zehn Euro für die Abnahme von 140 Litern Schmutzsuppe und 500 Litern Wasser für die Spülung zu bezahlen. „Die seriösen machen es, die anderen eher nicht“, sagte Schulze, der auf seinem Gelände fünf bis sechs fremden Bussen am Tag bei der Entsorgung hilft.

Die Unternehmen vom ZOB hatten zwischendurch eine andere Lösung versucht. Marktführer MeinFernbus hatte mit dem Dixieklo-Anbieter eine mobile Station entwickelt und am Avus-Parkplatz aufgestellt. Dazu wird eine flache Wanne unter die Busse geschoben. Diese öffnen den Stutzen und die Brühe läuft in das offene Gefäß, von wo aus es in einen Tank gesaugt wird. Aber die Firmen wollten das Straßenland ohne Genehmigung nutzen, die Behörden verboten den Fäkalienablass. „Wir hoffen, dass wir für den öffentlichen Betrieb dieser mobilen Lösung eine Genehmigung erhalten. In diesem Fall würden wir das System natürlich auch anderen Anbietern zur Verfügung stellen“, sagt MeinFernbus-Sprecher Gregor Hintz.

Übergangslösung gesucht

Nun wollen jedoch auch die ZOB-Betreiber auf ihrem Gelände eine mobile Lösung schaffen. „Wir arbeiten daran, zeitnah eine Übergangslösung zu finden und umzusetzen“, sagte BVG-Sprecher Markus Falkner. Haru-Chef Schulze ist skeptisch. Denn auch eine solche Anlage werde für die Nutzer Geld kosten und voraussichtlich sogar mehr als die zehn Euro auf seinem Hof. Zudem fehle es aus seiner Sicht vor allem zu den Stoßzeiten an Platz auf dem ZOB, um das unappetitliche Manöver abseits von den wartenden Fahrgästen durchzuführen.

Dass Reisebusse ihren Unrat am Straßenrand entsorgen, ist hingegen nicht allein ein Berliner Problem. Immer wieder tauchen Berichte auf, wonach auch an deutschen Autobahnen die Busfahrer einfach mal den Ablassstutzen geöffnet hätten. „Das wurde auch früher oft gemacht“, sagt ein Kenner der Szene, der selbst lange Jahre Reisebusse gesteuert hatte.