Technische Universität

Das Geheimnis der gigantischen „Rosa Röhre“ in Berlin

Der denkmalgeschützte rosafarbene Umlauftank der Technischen Universität in Charlottenburg soll saniert werden. Nur wenige wissen, was dort eigentlich erforscht wird.

Foto: Massimo Rodari

Babykleidung kann rosafarben sein. Bei Süßigkeiten und kleinen Glücksschweinchen zu Silvester ist dieser Farbton auch noch akzeptabel. Warum aber eine 120 Meter lange riesige Rohrschleife im Tiergarten diesen Farbton trägt, bleibt ein Rätsel. Es macht sie aber auch weltberühmt und zu einem echten Hingucker.

Die Rede ist von der Rosa Röhre, so wird sie von den Studenten, wissenschaftlichen Mitarbeitern und den Professoren der Technischen Universität (TU) Berlin genannt. Auch Menschen, die nichts mit der Universität zu tun haben, aber das Gebäude und deren Standort beschreiben müssen, kommen an dem Begriff Rosa Röhre nicht vorbei.

Die rosafarbene Rohrschleife ist der größte Umlauf- und Kavitationstank (UT2) der Welt und befindet sich auf der Schleuseninsel im Landwehrkanal an der Müller-Breslau-Straße in Charlottenburg. Der Umlauftank gehört zur Versuchsanstalt der TU Berlin auf der Schleuseninsel. Gebaut wurde er für Routinetests im Schiffbau.

Die Farbe verblasst

In die Jahre gekommen ist die Röhre, verblasst die Farbe. Rost, Moos, Wind und Wetter nagen an dem Bauwerk. Der 1974 gebaute Umlauftank des Berliner Architekten Ludwig Leo (1924–2012) wurde noch zu seinen Lebzeiten unter Denkmalschutz gestellt. Nun soll die einzigartige Forschungsstätte, die zu einer wichtigen Vertreterin der Architektur der Nachkriegszeit gehört und zur internationalen Avantgarde zählt – vielleicht aus diesem Grund rosafarben? – saniert werden. Vor wenigen Wochen unterzeichneten die Wüstenrot Stiftung und die TU Berlin eine Vereinbarung zur Sanierung und Ertüchtigung des denkmalgeschützten Umlauftanks.

Die Stiftung in Ludwigsburg hat den Umlauftank zu einem „schützenswerten Gebäude der Nachkriegszeit“ ersten Ranges erklärt, die Sanierung konzipiert und wird sie mit 3,5 Millionen Euro finanzieren. Im Gegenzug verpflichtet sich die TU, den Bau für die Forschung weiterhin zu nutzen. Zu den Maßnahmen gehört auch die Instandsetzung der äußeren Oberfläche unter Wahrung denkmalpflegerischer Richtlinien.

„Für die TU Berlin und den Campus Charlottenburg, aber auch für die gesamte Stadt Berlin ist die denkmalgerechte Reparatur und Sanierung ein einmaliger Glücksfall“, sagt Professor Paul Uwe Thamsen, Erster Vizepräsident der TU Berlin. „Durch die Ertüchtigung dieser einzigartigen Versuchsstätte werden für unsere Forschung nun für viele Jahre auch neuartige strömungs- und schiffbautechnische Experimente ermöglicht.“

Gerade im Hinblick auf aktuelle Klima-Ereignisse würden diese eine ganz neue Qualität und Relevanz bekommen. „Voraussetzung für die optimale Erhaltung des Denkmals ist aber die Zusage der TU, den Umlauftank langfristig im Sinne seines Ursprungszwecks zu nutzen“, sagt Philip Kurz, Geschäftsführer der Wüstenrot Stiftung. „Die Sanierung wird beides sein: ein großer Gewinn für die Denkmalpflege und für die Forschung.“

Es sind nicht nur die Farben Rosa und Blau, auch die Maße des technischen Bauwerkes machen es zu einem auffallenden Gebäude. Die „Rosa Röhre“ hat ein 120 Meter langes Ringrohr, ist 19 Meter hoch, der Durchmesser misst bis zu acht Meter. Der obere Teil der Rohrschleife verschwindet in einem mehrgeschossigen Haus. „Bei Experimenten zirkulieren im Innern 3300 Tonnen Wasser“, erklärt der wissenschaftliche Mitarbeiter Christian Eckl. Der 35-Jährige ist Diplom-Ingenieur für Schiffs- und Meerestechnik. „Das Wasser kann mit einer Geschwindigkeit von bis zu zehn Metern in der Sekunde durch die Röhre strömen.“

Eine riesige Pumpe bringt das Wasser auf diese Geschwindigkeit. Angetrieben wird sie von zwei Dieselmotoren, die je Aggregat 2,5 Megawatt Leistung liefern. Bis 900 Liter Diesel verbraucht dann einer der Motoren in der Stunde. Von dem interessanten Forschungs-Innenleben bekommen die Autofahrer und Spaziergänger nichts mit. Im Rahmen der „Langen Nacht der Wissenschaften“ würden aber regelmäßig bis zu 2000 Besucher die von außen merkwürdig anmutende Forschungseinrichtung besuchen.

Versuche mit Schiffsmodellen

Auf Deck 3, Etagen gibt es in der Versuchsanstalt für Schiffbau nicht, wartet eine Überraschung. Der Besucher blickt auf eine riesige blaue Röhre, die in eine Box mit verschließbaren Stahldeckeln übergeht und auch wieder herausführt. „Die eigentliche Farbe des Rohres ist Blau, im Freien ist es mit einer Art Bauschaum isoliert, und der ist rosafarben“, sagt Eckl. Dieser sei mittlerweile stark verblasst und an vielen Stellen auch brüchig und werde daher auch komplett saniert. „Das Rosa wird wieder richtig knallig“, verspricht er.

„Zwei der wichtigsten Experimente, die hier durchgeführt werden, sind die Propulsions- und der Kavitationsversuch mit bis zu zehn Meter langen Schiffsmodellen“, sagt Andrés Cura Hochbaum, Leiter des Fachgebiets Dynamik Maritimer Systeme der TU Berlin. „Diese Experimente finden in der elf Meter langen und fünf Meter breiten Messstrecke statt, die sich in der blauen Box befindet.“ Das Rohr kann an dieser Stelle oben geöffnet, und mit einem Kran können die Schiffsmodelle für Versuche in das Wasser gesetzt werden. Das geschieht von den oberen Decks des Gebäudes aus, wo Holz- und Metallwerkstätten sind. Dort werden die meisten Modelle maßstabsgetreu gebaut.

„Beim Propulsionsversuch wird untersucht, ob Rumpf und Schiffsschraube als Gesamtsystem so konstruiert sind, dass das Schiff so wenig wie möglich Treibstoff verbraucht“, erklärt Cura Hochbaum. „Ein Problem, wenn Rumpf und Schiffsschraube nicht ideal aufeinander abgestimmt sind, ist die Kavitation. Fachleute sprechen dabei von einem Vorgang, der im Laufe der Zeit riesige und sehr teure Schiffsschrauben zerstören kann.

Dabei bilden sich, bedingt durch extremen Unterdruck, mit Wasserdampf gefüllte Bläschen, die über die Propellerflügel der Schiffsschraube hinwegwandern, wieder in Bereiche mit höherem Druck kommen, dann implodieren und dabei wie Hammerschläge auf die Stahlflügel einschlagen. Im Laufe der Zeit können so ganze Teile der Schiffsschraube erodieren und abbrechen.

In dem Gebäudekomplex untergebracht sind noch weitere Versuchsanlagen. Da ist zum einen ein 120 Meter langes und acht Meter breites Seegangsbecken, in dem Wellen erzeugt und untersucht werden. In dem Becken werden dann die Wirkungen von Wellen auf Schiffe, Uferbefestigungen oder Deiche untersucht. Nur wenige Meter davon entfernt befindet sich ein 250 Meter langer und fünf Meter tiefer Schlepptank. „In diesem Becken kann Tiefwasser simuliert werden“, sagt Eckl.

Das 250 Meter lange Tiefwasserbecken nutzen Studenten gerade für einen Versuch. Eine fahrbare Metallbrücke fährt fast lautlos auf Schienen, die auf dem Beckenrand montiert sind, über der Wasseroberfläche. Dabei ziehen sie ein Schiffsmodell durchs Wasser. Nachgebaut ist ein Containerschiff der Hannover Express Klasse. In der Realität sind diese Schiffe bis zu 300 Meter lang und haben einen maximalen Tiefgang von 13,5 Metern. Sensoren an dem Modell liefern die wichtigsten Daten direkt an einen Rechner auf der fahrbaren Brücke.

„Für die Universität ist diese Anlage einmalig“, sagt Cura Hochbaum. Die Hallen und die beiden Becken sind aber von der Sanierung ausgeschlossen. Der UT2, die Treppenhäuser, teilweise wurde noch Asbest verbaut, und die Außenhülle sollen saniert werden. Wann die Arbeiten beginnen sollen und wie lange es dauern wird, ist noch völlig unklar. Spätestens im Frühjahr wisse man mehr.

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