Wer in Charlottenburg auf die Avus fährt, sieht als Erstes – ein marodes Bauwerk. Die Tribüne, von der einst die motorsportbegeisterten Berliner Autorennen auf Deutschlands berühmtester Rennstrecke beobachten, bietet seit vielen Jahren einen schrecklichen Anblick. „Ein Schandfleck“, sagt Christian Göke, Chef der Messe Berlin.
Doch nun soll das geändert werden, und die Messe will sich daran beteiligen. Sie möchte vor allem verhindern, dass die marode Tribüne den Blick auf den Messe-Neubau „City Cube“ beeinträchtigt. Der soll im Frühjahr eröffnet werden.
Die 200 Meter lange Avus-Tribüne, 1936 mit rund 4000 Plätzen eröffnet, steht genauso wie der 1937 fertiggestellte Mercedes-Turm der Raststätte schräg gegenüber unter Denkmalschutz. 2007 hatte ein Privatunternehmen, die Avus Tribüne GmbH, das Bauwerk für rund 500.000 Euro von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) erworben. Der neue Eigentümer wollte es umbauen, mit Glasscheiben zur Autobahn hin schließen und aus den Tribünen ein Eventzentrum oder einen Showroom für Fahrzeuge machen.
Lediglich dringendste Sicherungsmaßnahmen wurden vorgenommen
Allein die Kosten für die Glasfront wurden auf 800.000 Euro beziffert. Sie sollte auch dazu dienen, das Denkmal vor weiterem Verfall zu schützen. Ein Architekt sei beauftragt, außerdem suche man nach Betreibern. Für einen gastronomischen Bereich gebe es bereits Anfragen. So hieß es optimistisch 2010. Rund ein Jahr später wurde ein Bauantrag gestellt. Doch geschehen ist seitdem nichts, lediglich dringendste Sicherungsmaßnahmen wurden vorgenommen, nachdem schon Putzbrocken auf die Straße gefallen waren.
Nun wird die Messe Berlin aktiv. „Wir möchten das Nutzungsrecht haben und würden da durchaus etwas investieren, um dem Ganzen eine bessere Ansicht zu geben“, sagt Christian Göke, Vorsitzender der Geschäftsführung. „Diese Tribüne ist, so verwahrlost wie sie ist, ein Schandfleck – von der Autobahn aus, aber gerade auch vom Messedamm. Und das genau vor unserem City Cube ist einfach ein schlechter erster Eindruck“, so Göke. Er hat Vorstellungen, wie er das Bauwerk nutzen kann: „Für uns wäre es als Marketing- und Werbefläche interessant.“
Die Messe hat das Thema bereits mit der Spitze der Senatswirtschaftsverwaltung besprochen. Die steht der Diskussion um die Avus-Tribüne aufgeschlossen gegenüber. „Wir begrüßen es sehr, wenn die Messe-Geschäftsführung Möglichkeiten sieht, die Anfahrts- und Eingangssituation zum neuen City Cube so zu gestalten, dass die historisch für Berlin so bedeutende Avus-Tribüne eine optische Aufwertung erfährt“, sagte Verwaltungssprecherin Petra Diroll.
Der Denkmalschutz setzt Grenzen
Auch der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf ist offen für einen neuen Dialog. Es liege im Interesse aller, dass dort etwas passiert, sagte Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD). „Ich teile die Ansicht von Christian Göke, gegenwärtig ist die Tribüne ein Schandfleck“, so der Bürgermeister. Er hofft auf „gemeinsames kreatives Brainstorming“. Allerdings setze der Denkmalschutz Grenzen. Daher sei zum Beispiel eine großflächige Werbung allein schon rechtlich nicht möglich.
Laut Naumann gehe es um zwei Fragen: Wie soll die Tribüne künftig genutzt werden? Und wie kann man die massive Rückwand zum Messedamm hin gestalten? Hinsichtlich der Nutzung und einer Verbindung zum neuen City Cube gebe es sicherlich viele Alternativen, so der SPD-Politiker. Die Tribüne zur Avus hin mit einer Glasfront zu schließen, mache Sinn, sei aber nur eine Möglichkeit. Für die Rückseite lehnt er Großwerbeplakate ab. Eher sei möglich, bildnerisch an die Historie der Avus und ihre Tradition als Rennstrecke anzuknüpfen. „Vielleicht kann man da etwas miteinander verbinden“, so Naumann.
In den vergangenen Jahren habe es leider eher Ankündigungen als tragfähige Lösungen zur Avus-Tribüne gegeben, sagte er. Von der GmbH habe er „lange nichts gehört“, allerdings habe es dort einen Wechsel auf der Eigentümerseite gegeben. Immerhin sei das Gebäude baulich gesichert, „das steht nicht vor dem Zusammenbruch“. Allerdings sei eine Perspektive für die Tribüne auch im Hinblick auf das ICC wichtig.
Am 24. September 1921 mit einem Rennen eröffnet
Das Kongresszentrum wird im kommenden Jahr geschlossen, wenn der City Cube, voraussichtlich im Mai, seinen Betrieb aufgenommen hat. Durchaus möglich, dass es lange Zeit ungenutzt bleibt. Es müsse verhindert werden, dass der Bereich einen verlassenen, verwahrlosten Eindruck macht, warnt der Bezirksbürgermeister. Die Avus Tribüne GmbH war am Wochenende nicht zu erreichen. Dem Vernehmen nach gibt es auch dort neue Pläne, die Ende Januar vorgestellt werden sollen.
Noch zu Zeiten des Kaiserreichs war Europas erste ausschließliche Autostraße geplant worden. Aber durch den Ersten Weltkrieg verzögerte sich der Bau. Erst am 24. September 1921 konnte die Strecke zwischen Halensee und Nikolassee mit einem Rennen eröffnen.
Neben den klassischen Rennen fanden auf der Avus auch immer wieder spektakuläre Rekordversuche statt. So erreichte Fritz von Opel am 1928 mit seinem RAK2 ganze 230 Stundenkilometer. Sein Auto war nicht nur im übertragenen Sinne eine Rakete. Es wurde von 24 Raketen im Heck angetrieben.
Vier verunglückte Fahrer beim ersten Großen Preis von Deutschland
In den 30er-Jahren wurde die alte Nordkurve durch eine überhöhte Steilkurve ersetzt und eine neue 200 Meter lange Tribünenanlage mit 4000 Plätzen errichtet. Die Rennfahrer erreichten auf der Avus Spitzengeschwindigkeiten bis zu 400 Stundenkilometer. 1933 gewann Ernst Henne in der 1000-ccm-Klasse den Großen Preis von Deutschland.
Die Avus sorgte aber nicht nur für positive Schlagzeilen. Der erste Große Preis von Deutschland 1926 endete mit vier verunglückten Fahrern. Der Belag der Rennstrecke war unzureichend und hatte deutliche Bodenwellen ausgeprägt. In den 50ern und der 60ern dröhnten Motorräder, Tourenwagen und Rennwagen der Formel III über die Rundstrecke, die inzwischen nur noch 8,3 Kilometer lang war.
Steilkurven nicht mehr zeitgemäß
Im September 1967 begannen die Abrissarbeiten der Nordkurve. Immer wieder hatte es schwere Unfälle gegeben. Steilkurven waren nun nicht mehr zeitgemäß, galten als zu gefährlich. Auf einem Teil des alten Areal entsteht der neue Anschluss an den Stadtring. Anfang der 80er-Jahre wird die Berliner Rennstrecke im James-Bond-Universum verewigt. Szenen einer Verfolgungsjagd aus „Octopussy“ (1983) wurden an der Anschlussstelle Hüttenweg gedreht.
In den 90er-Jahren schrumpfte die Rennstrecke auf 2,6 Kilometer Länge. Trotz des Einbaus neuer Schikanen kam es immer wieder zu schweren Unfällen. Im April 1998 wurde der Rennverkehr auf der Strecke schließlich komplett eingestellt.





