Die ersten Hüllen sind bereits gefallen. Bislang ragt nur die Spitze der 71 Meter hohen Turmruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche aus dem Baugerüst hervor, das seit August etappenweise abgetragen wird. Das neu aufgetragene Blattgold auf Ziffernblatt und Ziffern der Turmuhr glänzt noch im Verborgenen, soll aber bis Ende September wieder in voller Strahlkraft zu sehen sein – auch dank der neuesten LED-Technik, die die veralteten Leuchtröhren am Ziffernblatt und in den Zeigern ersetzt. Mitte des Monats soll der komplexe Gerüstbau schon fast bis auf die Hälfte in 36 Metern Höhe abgetragen sein.
Schadhafte Steine wurden inzwischen erneuert, tragendes Mauerwerk mit Abfließhilfen und Walzbleiverblendungen zum Schutz vor Wasserschäden ergänzt, Schmuckelemente der gegliederten Fassade ausgebessert. „Die Dachklempner sind fast fertig, es ist schon sehr viel vollbracht“, sagt Pfarrer Martin Germer. Doch die Steinmetze oder auch die Turmuhrmonteure sind auf der hinter weißen Platten rundum eingerüsteten Baustelle am Breitscheidplatz noch immer kräftig zu Gange.
Einige Monate werden die Arbeiten noch dauern
Und obwohl für den Abbau des kompletten Gerüstes sowie die Beendigung und Kontrolle aller Arbeiten noch einige Monate veranschlagt sind, wird schon am Sonntag, 15. September, das Ende der Sanierungsarbeiten des Kirchenturms eingeläutet. Zumindest akustisch. Mit dem ebenfalls rundum generalüberholten Glockenspiel, das im Anschluss des Festgottesdienstes nach der Erneuerung ab 12 Uhr erstmals wieder laut erklingt.
Bis zu 300 Kilogramm wiegen die lautstarken Glocken aus Bronze, die in 60 Metern Höhe hängen. „Die Magnethämmer in den Glocken, die teilweise 20 Kilogramm schwer sind, werden elektronisch gesteuert“ erläutert Madla Richard. Der Turmuhrmonteur aus Polen reinigt die letzten runderneuerten Hämmer, bevor sie in die Glocken wieder eingebaut werden.
Die Melodie für das Glockenspiel wurde von Prinz Louis Ferdinand von Preußen – ein Enkel Kaiser Wilhelms II. – 1959 eigens für die Gedächtniskirche komponiert. „Der Prinz gewann als guter Amateur den damals extra ausgeschriebenen Wettbewerb für eine Glockenspiel-Melodie“, sagt Pfarrer Martin Germer. Das Glockenspiel ertönt zu jeder vollen Stunde. Zum Festgottesdienst am 15. September wird es von einem Posaunenensemble eingeleitet, auf dem Platz vor der Gedächtniskirche werden zudem Drehorgelspieler die Premiere des runderneuerten Glockenspiels feiern.
„Sehr viel mehr Mängel und Schäden als ursprünglich erwartet“
Das absehbare Ende der umfangreichen und langwierigen Sanierung freut Pfarrer Germer sichtlich. „Wir mussten sehr viel mehr Mängel und Schäden beheben als ursprünglich erwartet. Wir sind froh, dass das Projekt dank vielfältiger Unterstützung gestemmt werden konnte“, sagt Pfarrer Germer.
Allein das komplexe Gerüst kostete eine Million Euro – fast ein Viertel der Kosten der gesamten Turmsanierung. Die Runderneuerung der goldenen Turmuhr schlug mit etwa 60.000 Euro zu Buche. Die insgesamt 4,2 Millionen teure Instandsetzung konnte mit Geld des Bundes, der Lotto-Stiftung, aus Denkmalschutzmitteln des Landes Berlin und nicht zuletzt dank vieler Spender finanziert worden. „Wir haben allein 413.000 Euro von etwa 1500 Spendern gesammelt“, sagt Germer. Den Spendern, so genannte Fugenpaten, wird auch am Rande des Festgottesdienstes gedankt. „Wir stellen am Sonntag eine Tafel auf mit den Namen aller Gold- und Platinpaten, die bis zu 2000 oder bis zu 5000 Euro gespendet haben“, sagt Pfarrer Germer. Auch die Namen der Spender kleinerer Beträge werden auf einer Schriftrolle erfasst, die in das Mauerwerk der Gedächtniskirche eingelassen wird.
„Fugenpate ade - Podiumpate in spe“
Mit dem Ende der Fugenpatenschaft Mitte September startet im Anschluss gleich die nächste Sammelaktion. Nach dem Motto „Fugenpate ade – Podiumpate in spe“ werden dann neue Unterstützer für das nächste Sanierungsprojekt der Gedächtniskirche gesucht. „Wir brauchen dringend Geld für die Erneuerung der teilweise zur Stolperfalle verkommenen Podiumsfläche“, sagt Pfarrer Germer.
Für die Sanierung des Plateaus um die Kirchenbauten herum benötige man mindestens 1,4 Millionen Euro. Natürlich sei das allein nicht nur mit Spenden zu stemmen, weiß Pfarrer Germer. „Aber je deutlicher wir sagen können, dass wir schon viel Geld gesammelt haben, umso besser stehen unsere Chancen, bei diesem Vorhaben unterstützt zu werden“, so Germer. „Die gesamte Bodenkonstruktion unter dem Betonbett muss erneuert werden, und wir wollen zudem auch die ursprüngliche Farbigkeit mit dunkelgrauen Betonplatten und ziegelroten Tonscheiben wieder herstellen“, erläutert Martin Germer. Die damit verbundene optische Aufwertung sei nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund bedeutsam, das künftig nach Fertigstellung des Bikinihauses oder auch des benachbarten Upper-West-Hochhauses für viele Menschen ein ganz neuer Blick auf die Gedächtniskirche und das insgesamt 4700 Quadratmeter große Areal möglich werde.
Dass der komplette Abbau der besonders komplexen Sockelpartie des Baugerüstes erst Anfang nächsten Jahres erfolgt und das weltbekannte Berliner Wahrzeichen in seiner Gänze erst wieder im kommenden Jahr zu sehen ist, wird auch mit der Rücksicht auf den traditionellen Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz begründet.




