Die Stern-Werke in Weißensee prägten mit ihren Produkten den Sound der DDR: Plattenspieler, Radios, später auch tragbare Rundfunkgeräte und Radiorecorder – das Stammwerk in der Liebermannstraße in Weißensee gab den Takt vor. Von hier aus wurden die Wohnzimmer des Ostens bestückt – wenn man zum glücklichen Kundenkreis zählte. Denn manche Geräte konnten schon einmal ein Monatsgehalt verschlingen. Viele Liebhaber sind der Meinung, dass die Geräte vergleichbaren Modellen in der Bundesrepublik mindestens ebenbürtig waren. Nach der Wiedervereinigung wurde der Konzern zerschlagen und die ehemaligen Produktionsstätten verfielen. Erfahren Sie hier alle Infos zu dem ehemaligen Lost Place.

Das sind die Fakten zu den Sternradio-Werken in Weißensee im Überblick:

  • Adresse: Neumagener Straße 28/32 und Liebermannstraße 75–77, 13088 Berlin-Weißensee
  • Geschichte: Errichtung als Kugellagerfabrik 1912/1913 nach Plänen von Bruno Buch; ab 1920 Übernahme durch "Raspe und Riebe" mit Rüstungsproduktion und Zwangsarbeitereinsatz im Krieg; ab 1951 Werk des VEB Stern-Radio; nach der Wende Stilllegung des Betriebs
  • Führungen: Keine
  • Status: ehemaliger Lost Place
  • Denkmalnummer: Objekt-Nr. 09040601
  • Planung: Seit 2011 erfolgten Sanierungen und Wiederherstellungen am Atelierhof I in der Liebermannstraße 75–77 und dem Atelierhof II in der Neumagener Straße 28/32. Seitdem ist Leben und Arbeit in das sanierte Industriedenkmal zurück­gekehrt

Wo liegen die alten Sternradio-Werke in Weißensee genau?

Die Industrieanlage steht im Ortsteil Weißensee im Bezirk Pankow und besteht aus einem großen Verwaltungsgebäude, das sich an der Liebermannstraße 75/77 befindet, einem Verbindungstrakt an der Neumagener Straße und einem Fabrikgebäude in der Neumagener Straße 28/32. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht man das Gelände am besten mit den Buslinien 255 259 (Haltestelle Rathaus Weißensee) oder alternativ mit dem X54 (Haltestelle Neumagener Straße).

Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte der Sternradio-Werke in Weißensee:

Dunkle Vergangenheit: Rüstungsfabrik für die Wehrmacht und Zwangsarbeitereinsatz

Das damals noch vor den Toren der Stadt Berlin gelegene Weißensee erlebte mit der Inbetriebnahme der Industriebahn Tegel-Friedrichsfelde 1907 einen industriellen Schub. Entlang der Strecke siedelten sich Gewerbe und Betriebe an und insbesondere in der Nähe des Güterbahnhofs Weißensee an der Berliner Allee schossen die Industriebauten aus dem Boden.

1912 investierte die Berliner Kugellagerfabrik Riebe in der Region und ließ sich das imposante Produktionsgebäude in damals innovativer Stahlbeton-Skelettbauweise in der Riebestraße am Coblenzer Platz (heutige Neumagener Straße) und das zugehörige Verwaltungsgebäude in der Liebermannstraße nach Plänen des Berliner Architekten Bruno Buch (1883–1938) errichten.

Ab 1920 übernahmen die Apparate-Werke Otto Raspe und die Deutsche Niles-Werke die Produktionsstätten, erweiterten 1939 die Fertigungsanlagen und verlagerten ihre Produktion während des Krieges auf die Herstellung von Rüstungsgütern: Unter anderem wurden unter Einsatz von Zwangsarbeitern Treibstofftanks für Panzer und Flugzeuge sowie Bauteile, Funktechnik und Schichtwiderstände für die Wehrmacht hergestellt.

Radio-Werke Stern: Ein Neuanfang in der DDR

Arbeiter des VEB Stern-Radio in Berlin-Weißensee bei der Produktion von Stereokassettenrekordern, aufgenommen im Wendejahr 1990 kurz vor der Schließung der Produktionsstätte.
Arbeiter des VEB Stern-Radio in Berlin-Weißensee bei der Produktion von Stereokassettenrekordern, aufgenommen im Wendejahr 1990 kurz vor der Schließung der Produktionsstätte.© picture-alliance/ZB/Reinhard Kaufhold | Unbekannt

Nach dem Ende des Krieges gingen die Werke in Weißensee in sowjetische Verwaltung über. Die Pläne: Eine Demontage der Industrieanlagen und Sprengung der Gebäude verhinderte der Magistrat von Berlin. Bereits ab 1945 konnte die Produktion von Elektronenröhren in dem Werk wieder angefahren werden, ab 1947 unter dem privaten Treuhandbetrieb "Phoentika". 1951 wurden die Fabrikhallen in das Kombinat VEB Stern-Radio Berlin eingegliedert.

Stern-Kassettenrecorder R 160
Der Stern-Kassettenrecorder R 160 fotografiert 2012 im DDR-Museum Pirna (Sachsen)© picture alliance / ZB | Jens Kalaene | picture alliance / ZB | Jens Kalaene

Der Anfang einer Erfolgsgeschichte: Während der DDR-Zeit wurden an dem Standort Millionen Rundfunkgeräte und andere Güter der Unterhaltungsindustrie für die DDR produzierte. Radios, Plattenspieler, Taschenempfänger, Kofferradios, Autoradios und Radiorekorder verließen die Produktion und landeten unter klangvolle Namen wie Zaunkönig, Kolibri und Sternchen, Smaragd und Berolina, Trabant und Grünau in den Stuben Ostberlins und dem Rest der Republik.

Ab Ende der 1950er-Jahre stellten die Sternradio-Werke Berlin auch Fernseher mit 30er- und 34er-Bildröhre und den Projektionsempfänger Panke her, und ab 1962 wurde das Werk – mit Modellen wie Sternchen, Club und Party – Alleinhersteller tragbarer Rundfunkgeräte in der DDR. 1972 kam die Fertigung von Radio-Recordern hinzu. Der wohl bekannteste: der Sternrecorder R160 erlangte Kultstatus.

Radio-Werke Stern: Nach der Wende wurden die Werkshallen zum Lost Place

Das Werk hatte in Weißensee neben seiner immensen Bedeutung für den Wirtschaftsstandort auch gesellschaftliche Funktionen: So wurden etwa im festlichen Kulturraum der Stern-Werke seit den 1950er-Jahren Hochzeiten, Jugendweihen und andere Veranstaltungen organisiert.

VEB Stern-Radio Weißensee
Eheschließung im VEB Stern-Radio Weißensee, 1959.© picture-alliance / akg-images | akg-images | picture-alliance / akg-images | akg-images

Das Aus kam mit dem Ende der DDR: Nach der Wende wurde das Berliner Werk in den 1990er-Jahren geschlossen und das Kombinat abgewickelt. Alle 3300 Mitarbeiter verloren ihren Arbeitsplatz. Bis auf ein Verwaltungsbau, der in der DDR-Zeit ergänzt worden war und weiterhin als Schulungsgebäude genutzt wurde, standen alle Gebäude leer und waren dem Verfall ausgesetzt.

Ab Mitte der 1990er-Jahren erfolgten zwar erste Sicherungsmaßnahmen für das unter Denkmalschutz stehende Gebäudeensemble, ohne Nachnutzungskonzepte konnte der Verfall des Baumaterials aber nicht gestoppt werden und die verlassene Industrieruine war zunehmend das Ziel von Vandalismus. Mitten in Weißensee wurden die alten Sternradio-Werksgebäude zum Lost Place: Eingeschlagene Fenster, bröckelnder Putz, von der Decke hängende Leitungen, eingestürzte Dachelemente und verfallene Mauern, die mit Graffiti überzogen wurden, prägten das Bild der Ruine.

Radio-Werke Stern: Umbau zur neuen Atelierhof-Gemeinschaft

Der morbide Charme der verfallenen Gebäude zog zwar hin und wieder Filmcrews an und die Räume wurden als Fotokulisse und für Kunstveranstaltungen genutzt, ein Käufer mit soliden Nachnutzungskonzepten fand sich aber erst 2007 mit der neugegründeten GmbH "Atelierhof Weissensee Kunst-Medien-Handwerk".

Ab 2011 begannen die Sanierungsarbeiten und die Wiederherstellung der ehemaligen Produktionsräume. 2014 waren die Arbeiten an der Liebermannstraße soweit abgeschlossen, dass die Räume wieder für gewerbliche Nutzung zur Verfügung standen. Ein Jahr später krönte die markante Kuppel wieder den Turm des Produktionsgebäudes an der Neumagener Straße, und in den folgenden Jahren zogen neue Mieter in die beiden als Atelierhof sanierten Gebäude.

Heute erstrahlen die alten Werksgebäude wieder im alten Glanz. Ihre eindrucksvolle Architektur bietet ein lohnendes Ausflugsziel in Weißensee.