Es geht um den Tag X, von dem niemand weiß, wann er kommt. Aber Clemens Witt und sein Team von der Katastrophenhilfe-Organisation „Shelter Box“ mit Deutschlandsitz in Prenzlauer Berg hoffen, dass der Rettungseinsatz für die Ukraine so bald wie möglich startet. Dafür müssten in den Kriegsgebieten die Waffen schweigen. Und sobald Hilfskorridore es erlauben, schickt Witts Organisation ihre Ausrüstung über die polnische Grenze. Dorthin, wo russische Bomben Wohnhäuser zerrissen haben. In Mariupol, Charkiw oder Kiew sollen Menschen, die ihr Zuhause verloren haben, Notunterkünfte errichten können. Dank Lieferungen von Zelten und Reparatur-Kits für beschädigte Häuser – das ist die Domäne von „Shelter Box“.

„Die Sicherheitslage muss geklärt sein. Und es ist auch entscheidend, dass wir nicht zur Belastung werden für die Menschen vor Ort“, nennt Witt die Grundvoraussetzung für einen Start der Aktion. Als Vorstandsvorsitzender von „Shelter Box“ in Deutschland koordiniert der Berliner in seiner Freizeit viele Stunden pro Woche eine Informations- und Spendenkampagne, ohne die das Werk der Kollegen aus Großbritannien nicht möglich wäre. Dort hat die weltweit tätige Organisation ihren Ursprungsort und Hauptsitz. Von dort versorgen Experten Menschen in Katastrophen- und Kriegsgebieten mit Not-Behausungen und Werkzeug zur Herrichtung von Wohnraum.

„Shelter Box“ bleibt auch in Syrien oder im Jemen im Dauereinsatz

Zwar blicke die Welt nun auf die Bilder verwüsteter ukrainischer Städte. Aber in Syrien oder dem Jemen seien weiterhin humanitäre Katastrophen im Gange. „Seit etwa zehn Jahren helfen wir Syrern – es ist der bislang längste Einsatz unserer Geschichte“, erinnert Witt an die Zerstörung und die fortlaufende Krise im arabischen Land.

Obdach und Licht: "Shelter Box" versorgt Flüchtlinge mit Notbehausungen und liefert Ausrüstung zur Reparatur beschädigter Häuser. Im Büro in Prenzlauer Berg laufen Überlegungen für eine Hilfsmission in der Ukraine. 
Obdach und Licht: "Shelter Box" versorgt Flüchtlinge mit Notbehausungen und liefert Ausrüstung zur Reparatur beschädigter Häuser. Im Büro in Prenzlauer Berg laufen Überlegungen für eine Hilfsmission in der Ukraine. © Unbekannt | Shelter Box

Während sich „Shelter Box“ für Hilfslieferungen von Ausrüstung in die Ukraine wappnet, laufen ältere Projekte an oft vergessenen Problemherden also pausenlos weiter. Gerade im Bürgerkriegsland Jemen gebe es ohne größere Beachtung durch die Weltöffentlichkeit „eine Katastrophe unbeschreiblichen Ausmaßes“. Ähnliches gelte für die Sahelzone und die Gegenden Afrikas, wo die Islamisten der Organisation „Boko Haram“ fast ungehindert wüten, warnt Witt.

Hier wie dort nehmen die Helfer ein basales Bedürfnis der Menschen in den Blick. Eine Selbstverständlichkeit, wie sie im Krieg und bei Naturkatastrophen allzu leicht verschwindet. „Es geht darum, dass man wohnen kann. Dass Häuser nutzbar sind. Und das hat auch einen psychologischen Aspekt“, begründet der Vorstandsvorsitzende, der hauptberuflich in der Wohnungswirtschaft tätig ist.

Hilfsausrüstung lässt sich im Büro in Prenzlauer Berg besichtigen

Ein Erdbeben 2003 in der Türkei führte dazu, dass er seine Leidenschaft entdeckte, Menschen in notleidenden Regionen ein Obdach zu geben. Die Frage, wie das am besten gelingt, hat „Shelter Box“ jahrelang untersucht – und Lösungen gefunden, wie man sie überall auf der Welt zur Anwendung bringt.

Im Büro an der Schönhauser Allee faltet Witt ein Reparatur-Kit für Gebäude aus seiner grauen Plane. Spitzhacke, Spaten, Befestigungsmaterial, Zeltplanen – all das Werkzeug, was man braucht, um Löcher in von Bomben beschädigten Hauswänden zu schließen. Alles Wesentliche, um dort ein provisorisches Dach zu spannen, wo Leidtragende eines Krieges Wind und Wetter ausgesetzt sind.

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Auch leichte Solarlampen aus Kunststoff lässt „Shelter Box“ mit Hilfe von Partnerorganisationen in Krisenregionen verteilen – sogar mit USB-Anschluss zum Aufladen von Smartphones. Wo die Stromversorgung zusammenbricht, da fehlt auch die Energie für das wichtigste Instrument der Kommunikation.

Fokus auf Flüchtlinge, die das Krisenland nicht verlassen

Ebenfalls im Büro in Prenzlauer Berg zu besichtigen: Das Objekt, was der Organisation „Shelter Box“ bei der Gründung im Jahre 2000 ihren Namen gab. Grüne Kunststoffkisten in verschiedenen Größen sollen dem Transport der Ausrüstung und der Habseligkeiten von Flüchtlingen dienen. Allerdings trat diese Box bei den neueren Missionen im Laufe der Jahre eher in den Hintergrund. „Wir sind jetzt nicht mehr nur die Überlebenskiste“, beschreibt Witt die Hinwendung zu flexibleren Lösungen. Zum Beispiel mit kompakten Säcken, in denen man das Reparatur-Kit für Häuser liefert. „Wir gehen davon aus, dass wir so auch in der Ukraine helfen können“, meint er nach einer ersten Analyse.

Aus Sicht von „Shelter Box“ hatte die Gesamtsituation auf der Welt schon vor dem neuen Krieg in Ost-Europa einen dramatischen Tiefpunkt erreicht. 113 Millionen Menschen waren nach der letzten Einschätzung 2020 durch Katastrophen und Konflikte aus ihrem Zuhause vertrieben worden. 8 Millionen mehr als noch im Jahr zuvor.

Nun wird der Ukraine-Krieg mitten in Europa die Zahlen weiter nach oben schnellen lassen. 12 Millionen Ukrainer könnten durch das russische Bombardement, was vor Zivilisten nicht halt macht, auf humanitäre Hilfe angewiesen sein, schätzt das UN-Flüchtlingsnetzwerk. Clemens Witt in Berlin und seine englischen Helfer warten auf den Tag X, ab dem es möglich sein wird, möglichst vielen von ihnen zu helfen. Nicht in deutschen Flüchtlingsheimen, sondern vor Ort im kriegszerstörten Land.

Informationen und Spendenmöglichkeiten für die Katastrophenhilfe-Organisation gibt es online unter: https://www.shelterbox.de/spendenformular/

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