Ja, Peter Klotsche wird auch mit 81 Jahren kämpfen, wenn er muss. Vor einer Dekade war er Teil eines Aufstand, bei dem allen Spöttern das Lachen verging. Als einer von sechs Senioren ging der sanfte Herr mit Schnauzbart 2012 in die Geschichte ein. Rentner als Hausbesetzer hatte es weder in Berlin noch an einem anderen Ort in Deutschland jemals gegeben. Bis zu dem Tag, als Pankows Bezirkspolitiker die Schließung der „Stille Straße 10“ beschlossen, damit das Land Berlin die marode Immobilie am Majakowskiring verkaufen kann.

Nicht mit Klotsche! Als einziger Herr neben fünf Frauen startete der damals 71-Jährige eine Rebellion. 112 Tage lang besetzte die Senioren-Clique ihre Freizeitstätte, erzwang dadurch das Unmögliche. Die „Stille Straße“ blieb offen. Und ist es noch heute. Dabei waren Klotsche und seine Mitstreiter bei ihrem Aufstand vor zehn Jahren keineswegs von Siegesgewissheit getragen. „Wir hatten richtig Angst. Wir dachten ständig, die Polizei kommt gleich herein und trägt uns heraus“, erzählt der älteste Hausbesetzer Berlins heute, milde lächelnd im Wintergarten des alten Hauses sitzend.

Senioren-Hausbesetzer von Pankow hatten auch Bewunderer in den USA

Seine Erfahrungen hat er nun zu Papier gebracht. Klotsches Geschichte ist einer von acht Texten im neuen Buch, was kurz nach dem zehnten Jubiläum der Besetzung am 2. Juli 2022 vor Ort in der Stillen Straße 10 erstmals präsentiert wird. Titel: „Die unbeugsamen Alten“; ab sofort zu bestellen zum Einführungspreis von 17 Euro über die Online-Seite des Clubs.

Vor zehn Jahren begann in Pankow eine Sensation. Senioren als Hausbesetzer hatte man noch nie gesehen. Dieses Banner wurde später gestohlen. Es hatte den Stellenwert einer Trophäe, glauben die Rentner.
Vor zehn Jahren begann in Pankow eine Sensation. Senioren als Hausbesetzer hatte man noch nie gesehen. Dieses Banner wurde später gestohlen. Es hatte den Stellenwert einer Trophäe, glauben die Rentner.© Christian Mang | Christian Mang

Weil Bilder des Aufbegehrens gegen die auf Einsparungen dringende Obrigkeit immer noch am besten wirken, zeigt das Buch auf 80 der 250 Seiten die Fotos von damals. Auch die Presse-Berichterstattung hat der Verlag Rohnstock Biografien aus Pankow in dem Werk dokumentiert – immerhin war sie international. „Selbst aus Australien haben wir Anfragen bekommen“, erzählt Klotsche. Auch Reporter aus den USA oder dem Iran wollten wissen, wie man als deutscher Rentner ein Haus besetzt. Ansonsten wird das neue Buch bestimmt durch Interviews mit den Zeitzeugen. Und von einem Ausblick des heutigen Pankows Bezirksbürgermeisters Sören Benn (Linke), der aus Sicht der Treff-Leiterin Eveline Lämmer den Ausblick gibt auf die wahrscheinliche Lösung für die Stille Straße 10.

Stille Straße 10: „Am Anfang haben sich alle über die Senioren kaputtgelacht“

Noch hangelt sich die Einrichtung über kurzfristige Verträge zwischen dem Bezirk, der Volkssolidarität und dem Trägerverein von Jahr zu Jahr. „Wir hängen immer noch in der Luft. Auch zehn Jahre nach der Besetzung“, warnt Lämmer. Stolz zeigt sie der Berliner Morgenpost bei einer Hausführung, wie die Senioren vieles von dem arrangiert haben, was der Staat 2012 nicht für sie leisten konnte. Abgeschliffene Böden, ein behindertengerechtes Bad, ein Treppenlift und neue Bänke im Garten – alles auf eigene Faust organisiert. „Dabei gehört uns das Haus gar nicht“, betont Lämmer den Triumph des Eigensinns über Bürokratie und Sparzwang.

„Am Anfang haben sich alle über die Senioren kaputtgelacht“, erinnert sie sich an die Verkündigung der Idee, dass Senioren einen Aufstand planen. Unter der damaligen Leiterin Doris Syrbe – als Einzige der Gruppe ist sie inzwischen verstorben – organisierte das renitente Sextett in kurzer Zeit alles Nötige, um die „Stille Straße“ gegen den Bezirk zu verteidigen. Helfer brachten mit Lastwagen Matratzen und Lebensmittel, während die Alten sich auf dem Grundstück verschanzten. Und Protest-Banner in die Kameralinsen hielten. Eines der Laken sei nach der Aktion gestohlen worden, das andere zeigen die Protest-Teilnehmer auch heute noch, wenn der Kampf um den Erhalt der „Stille Straße“ Thema ist. „Wir bleiben alle“, prangt auf dem Banner, das Peter Klotsche mit zwei Löchern versah – „damit es nicht vom Winde verweht wird“, wie er sagt. Eine gerahmte Urkunde erinnert heute an die sechs Besetzer Doris Syrbe, Elli Pomerenke, Ingrid Pilz, Margret Pollak, Peter Klotsche und seine Frau Brigitte.

Pankows Bezirkspolitiker kassierten den Beschluss der Schließung nach 112 Tagen

Selbst bei Filmpremieren in der Kulturbrauerei protestierten die Pankower Rentner 2012 gegen ihre Verdrängung.
Selbst bei Filmpremieren in der Kulturbrauerei protestierten die Pankower Rentner 2012 gegen ihre Verdrängung.© dpa | Jörg Carstensen

„Wir haben damals einfach Stein auf Bein dagegengehalten. Aber wir hätten nie gedacht, dass es so gut klappt“, erinnert sich der kampferprobte Mann, der nun im neuen Buch anderen erzählt, wie Protest funktioniert. Auch als bei der Hausbesetzung das Telefon stumm wurde und die Heizung kalt blieb, hielten alle sechs durch. Eine Unbeugsamkeit, die Berlin faszinierte: Mehr als 12.000 Unterschriften kamen zusammen für den Erhalt des Treffs.

Aber wie konnten die Senioren so lange standhaft bleiben? Das war ein Verdienst der Jungen, betont Eveline Lämmer. Andere, auf Familien ausgerichtete Träger, denen ebenfalls die Schließung drohte, hätten in der Bezirksverordnetenversammlung Pankow Stimmung für die Alten gemacht. „Die Senioren waren zunächst unpolitisch“, sagt Lämmer. Sie hätten den Verordneten anfangs vor den entscheidenden Sitzungen Häkel-Kunst gezeigt, in der Hoffnung, dass sie sich vom Fleiß der Senioren beeindruckt zeigen. Es sollte 112 Tage und eine international beachtete Hausbesetzung brauchen, um den Beschluss der Schließung zu kippen.

Pankows Bürgermeister will Senioren-Treff und Kita verbinden

Aber wie geht es nun weiter mit der „Stillen Straße“? Wie soll die endgültige Sicherung der Freizeit-Einrichtung mit ihren Mal- und Schachkursen gelingen? Wie lange müssen die Alten mit Jahresverträgen und einer ständigen Unsicherheit leben? Bezirksbürgermeister Benn deutet es in seinem Kapitel im neuen Buch an: Eine Verbindung des Seniorentreffs mit einer Kita könnte die Lösung sein. Es sei „vorstellbar, dass in der Stillen Straße nicht nur ein Kindergarten entsteht, sondern ein Gebäude, das beide Nutzungen baulich integriert. Kindergarten und Seniorenbegegnungsstätte“, schreibt Benn. Auch dafür müsse man einen Partner und Betreiber finden. Benn geht davon aus, dass sich Pankows Bezirksverordnete, nun zehn Jahre nach der Senioren-Hausbesetzung, mit dieser Lösung befassen müssen.

Die hochaltrigen Hausbesetzer aus der Stillen Straße bleiben abwehrbereit, wenn der Fall der Fälle doch noch einmal eintreten sollte. „Die wissen es ja jetzt“, sagt Klotsche grinsend. „Die kriegen uns hier nicht heraus.“

Das Buch „Die unbeugsamen Alten“ mit 250 Seiten ist jetzt vorzubestellen über die Online-Seite des Treffs. Bis Ende April 2022 kostet es 17 Euro, danach 20 Euro.