Städtebau

„Der Denkmalschutz wird ausgehöhlt“

Immer häufiger treffen Denkmalbehörden Entscheidungen zugunsten der Bauherren, kritisiert die Vorsitzende des Denkmalbeirats.

Christiane Timper, Vorsitzende des Denkmalbeirats der BVV in Charlottenburg Wilmersdorf.

Christiane Timper, Vorsitzende des Denkmalbeirats der BVV in Charlottenburg Wilmersdorf.

Foto: Jörg Krauthöfer

Wilmersdorf. Ob Gründerzeit, Bauhaus oder Nachkriegsmoderne: In kaum einem anderen Bezirk gibt es so viele Baudenkmäler, wie in Charlottenburg-Wilmersdorf. Denkmalschutzrechtliche Fragen müssen bei vielen Bauprojekten also berücksichtigt werden. Die Entscheidungen fielen dabei zunehmend zugunsten der Bauherren aus, kritisiert Christiane Timper, SPD-Bezirksverordnete und Vorsitzende des bezirklichen Denkmalbeirats (DMB). „Der Denkmalschutz wird ausgehöhlt.“ Nicht nur die Untere Denkmalschutzbehörde des Bezirks (UD) sei bei Genehmigungen zu großzügig. Dem Landesdenkmalamt (LDA) wirft Timper sogar vor, den Denkmalschutz aufzugeben. An zwei Beispielen macht die Vorsitzende des Beratungsgremiums ihre Kritik konkret.

Zum einen habe sie wenig Verständnis für die jüngste Entscheidung des LDA zum sogenannten Böhm-Haus. Das Gebäude mit seinen markanten Ecktürmen an der Fasanenstraße 62 in Wilmersdorf wurde 1984 nach Plänen des renommierten Architekten Gottfried Böhm errichtet. Seit 2015 steht es unter Denkmalschutz. Grundrissänderungen sind damit weitgehend verboten. Wie im Dezember bekannt wurde, setzte sich die Firma Primus Immobilien jedoch darüber hinweg und teilte eine 105 Quadratmeter große Wohnung im ersten Obergeschoss in drei kleinere auf. Der Bezirk ordnete umgehend den Rückbau an. Kurz darauf wurde ein Kompromiss geschlossen. Aus drei sollen zunächst zwei Wohnungen werden. Darin sollen die letzten beiden Mieter des benachbarten Hauses an der Fasanenstraße 64 einziehen, das ebenfalls Primus gehört und dann abgerissen werden könnte. Nach ihrem Auszug aus dem Böhm-Haus soll aus den zwei wieder eine Wohnung werden.

Denkmalbehörde lehnt Rückbau trotz Angebots ab

Während das zwischen Bezirk und Eigentümer ausgemacht scheint, besteht das LDA nicht auf den vollständigen Rückbau. „Die Denkmaleigenschaft des Hauses ist von dieser Veränderung innerhalb einer Wohnung kaum berührt“, begründet Daniel Bartsch, Sprecher der Senatskulturverwaltung, der das Denkmalamt unterstellt ist. Der substanzielle Verlust halte sich sehr in Grenzen. Dafür hat die DMB-Vorsitzende Timper kein Verständnis. Denn tatsächlich waren die Grundrisse der Wohnungen 2015 entscheidendes Kriterium für die Unterschutzstellung und werden in der Begründung explizit hervorgehoben.

„Außerdem droht kein Rechtsstreit, weil der Eigentümer den Rückbau selbst angeboten hat“, so Timper weiter. Das bestätigt auch Bezirksbaustadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne). Und Primus teilt auf Anfrage mit: „Am 25. Januar haben wir dem Bezirk schriftlich das Angebot des Rückbaus nach potenziellem Auszug beider Mieter unterbreitet sowie dieses in einem persönlichen Gespräch am 12. März bekräftigt.“ In diesem Zusammenhang scheint die Auffassung des LDA einigermaßen verwunderlich: „Es trifft nicht zu, dass der Eigentümer den kompletten Rückbau angeboten hat.“

„Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands ist unstrittig“

In diesem Fall wolle sich der Bezirk über das Votum des Denkmalamts hinwegsetzen und auf den Rückbau bestehen, sagt Stadtrat Schruoffeneger. „Die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands ist unstrittig.“ Wann das geschieht, sei abhängig davon, ob die beiden Mieter aus dem Nachbarhaus einziehen oder nicht. Bis September solle sich das klären.

An der Deidesheimer Straße 8 ist die Entscheidung hingegen längst gefallen. Der Vorgang scheint auf den ersten Blick prototypisch für Berlin. Vor drei Jahren kaufte der Investor Hit Immobilien das Haus im Rheingau-Viertel im Süden Wilmersdorfs. Ende 2018 erhielten die Mieter umfassende Modernisierungsankündigungen. Durch die Umlage soll sich ihre Miete in Teilen verdreifachen. Dort, wo Wohnungen zusammengelegt werden sollen, wurde den Mietern direkt gekündigt. Teure Eigentumswohnungen sollen entstehen. Auch hier sehen die Pläne neben dem Ausbau des Dachgeschosses und einem Anbau umfassende Grundrissänderungen vor. Weil es sich um ein Genehmigungsfreistellungsverfahren gehandelt habe, hätte der Bezirk nicht ablehnen können, sagt Stadtrat Schruoffeneger, der die Pläne im Juni durchwinkte. Die Denkmalschutzbehörden hatten ihnen zuvor stattgegeben.

Als eines der ersten im Rheingau-Viertel errichtet

Das Gebäude wurde zwar Anfang des 20. Jahrhundert als eines der ersten im Rheingau-Viertel errichtet. Anders als das Böhm-Haus ist es jedoch kein Einzeldenkmal, sondern gehört seit 1995 zum Denkmalensemble Rüdesheimer Platz. Entsprechend geringer ist der Schutz für das Bauwerk selbst. „Veränderungen der Grundrisse reichen allein nicht dazu, den Umbau zu versagen, da von einer Einzigartigkeit, besonderen Qualität oder sonstigen, für die Denkmaleigenschaft entscheidenden Besonderheit nicht die Rede sein kann“, begründet Kulturverwaltungssprecher Bartsch die Entscheidung. Denn offensichtlich sei das Haus nach Kriegsschaden erheblich verändert worden. Die Fassade sei erneuert und die Fenster dem Anschein nach durch kleinere getauscht worden.

Laut der DMB-Vorsitzenden Timper handelt es sich dabei jedoch keineswegs um gesicherte Erkenntnisse. „Warum sollten nach dem Zweiten Weltkrieg deutlich kleinere Fenster eingebaut worden sein?“ Darüber hinaus gebe es mit den Türen, Seitenkammern und einer mit Jugendstilelementen geschmückten Eingangshalle noch viel ursprüngliche Substanz. „Die Umbaupläne vernichten sehr viele der letzten Originale.“

Bezirk will Fach-Einschätzung nicht bewerten

Von Stadtrat Schruoffeneger verlangt Timper, sich konsequenter für den Denkmalschutz einzusetzen. Der wiederum will sich zur Deidesheimer Straße nicht äußern. „Eine fachliche Stellungnahme unterliegt nicht einer politischen Bewertung.“ Er warnt jedoch davor, den Denkmalschutz für mietrechtliche Fragen zu missbrauchen. „Politische Interessen sollten nicht über fachliche Einschätzungen gestellt werden.“ Ein Tabubruch, der dann dauerhaft gelte. „Wenn es normal ist, dass sich Politik über das Votum der Behörden hinwegsetzt, dann passiert das auch und dann zu 80 Prozent nicht im Sinne des Mieterschutzes.“ Einzelfälle wie der Abriss der Deutschlandhalle würden sich dann häufen.

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