Ein beeindruckendes Beispiel für bürgerschaftliches Engagement in Berlin feiert Jubiläum: Vor 20 Jahren wurden die Berliner Lesepaten gegründet, als Bildungsprojekt des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI). Das Konzept: Ehrenamtliche gehen einmal in der Woche an Schulen und in Kitas um zu Lesen. In den Kitas steht das spielerische Erzählen und Vorlesen im Vordergrund, an den Schulen geht es um die individuelle Leseförderung.
Fünf Millionen Förderstunden in 20 Jahren
Das Ergebnis ist beeindruckend: Rund fünf Millionen zusätzliche Förderstunden haben die Lesepaten in den letzten zwei Jahrzehnten erbracht. Die ursprüngliche Idee stammt von der ehemaligen Berliner Senatorin Sybille Volkholz, die diese Form des ehrenamtlichen Engagements an Schulen auf einer Reise durch die USA und Kanada kennenlernte. Die frühere Schulsenatorin der Grünen rief 2005 die Berliner Lesepaten als Bürgernetzwerk Bildung beim VBKI ins Leben und leitete sie jahrelang.

Eine der ehrenamtlichen Lesepaten ist Josephine Bienert-Köhler. Die 44-jährige Spandauerin ist durch ein Plakat 2018 auf die Lesepaten aufmerksam geworden. Nach einem Einführungsseminar ist sie nun seit 2019 im Einsatz, zur Zeit an der Grundschule Inklusiver Campus Spandau.
In Kindern die Liebe zu Büchern wecken
„Ich möchte in Kindern die Liebe zum Lesen und zu Büchern wecken“, sagt die Leitungsassistentin einer Stiftung. Jeden Mittwoch kommt sie zum Unterrichtsbeginn um 8 Uhr mit einem Rucksack voller Bücher und Lernspiele in die 6. Klasse, um in Absprache mit der Lehrerin mit einem Schüler oder einer Schülerin zu Lesen.
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„Das Kind liest mir vor und diese Eins-zu-Eins-Situation ist sehr wichtig, damit ich ihnen und sie mir volle Konzentration und Aufmerksamkeit schenken“, sagt sie. Geeignete Bücher sucht sie sich in Bibliotheken heraus, fragt die Kinder nach ihren Wünschen oder einem Lieblingsbuch. „Das haben viele Kinder gar nicht, weil es bei ihnen Zuhause gar keine Bücher gibt“, sagt die Lesepatin.
Motivation zum Lesen spielerisch fördern
Aktuell ist bei ihren zwölf- bis 13-jährigen Lesepaten-Kindern ein Fotobuch über Haie bei Jungen beliebt, und Comic-Romane wie „Mega Fette Beute“ oder „Boris, Babette und die Skelette“, hat sie festgestellt. „Ein zwölfjähriger Junge liebt „Greggs Tagebücher“ und weil er sein Lesepensum absolviert hat, habe ich ihm zur Belohnung einen Band geschenkt. Er hat mir gerade stolz erzählt, dass er schon auf Seite 50 ist. Darüber habe ich mich natürlich sehr gefreut, denn genau um diese Motivation zum Lesen geht es mir“, sagt Josephine Bienert-Köhler.
Bei ihren Lesestunden macht sie auch Lernspiele wie Leseratte oder kleine Wettbewerbe mit Blitz-Lesekarten, wer wie viele Wörter am schnellsten Lesen kann. „Der VBKI bietet sehr gute Weiterbildung für Ehrenamtliche, bei denen auch pädagogische Kenntnisse und Lernmethoden vermittelt werden. Und der Austausch mit den anderen Lesepaten ist immer sehr hilfreich“, sagt sie.
Klassenausflug zur Leipziger Buchmesse
Im März ist sie mit „ihrer“ 6. Klasse und weiteren Klassen sogar zur Buchmesse nach Leipzig gefahren, auf Initiative der Klassenlehrerin Katja Kuke-Hartwich. „Das war ein schönes Erlebnis - für die Kinder und für mich“, sagt die ehrenamtliche Lesepatin, die sich dafür frei genommen hat. Durch ihr ehrenamtliches Engagement möchte sie die Liebe zu Büchern gerade den Kindern vermitteln, bei denen das Vorlesen und Lesen zuhause nicht selbstverständlich ist. „Wenn diese Kinder dann von sich aus ein Buch in die Hand nehmen, ist das ein Erfolg“, sagt Josephine Bienert-Köhler, die selbst zwei schulpflichtige Kinder hat.
Die Rahmenbedingungen an den Schulen hätten sich im Laufe der letzten 20 Jahre doch sehr verändert, meint die Lesepatin. Das weiß auch VBKI-Präsident Markus Voigt. „In vielen Kitas und Schulen treffen Lesepaten heute auf Kinder, die kaum oder gar kein Deutsch sprechen. Das stellt alle Beteiligten vor neue Herausforderungen. Wir stehen im engen Austausch mit Schulen, Kitas und den pädagogischen Fachkräften. Unsere Lesepaten-Akademie wird gezielt weiterentwickelt – mit Fortbildungen, Workshops und neuen Formaten, die unsere Ehrenamtlichen stärken und ihnen das nötige Rüstzeug für ihren Einsatz vermitteln“, sagte Markus Voigt in seiner Rede zur Feier des Gründungsjubiläums der Lesepaten im Roten Rathaus.
2000 Ehrenamtliche sind im Einsatz
2000 ehrenamtliche Lesepaten vom VBKI sind aktuell in ganz Berlin im Einsatz. 280 von ihnen waren am Mittwochabend zum Festakt ins Rote Rathaus gekommen. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner bedankte sich bei Ihnen: „Alle Kinder und Jugendlichen in Berlin haben das Recht auf gute Bildung. Ich danke den vielen Ehrenamtlichen, die sich bis heute als Lesepaten engagieren. Sie stärken unsere Kinder und Jugendlichen, sie stärken Berlin und den gesellschaftlichen Zusammenhalt“.
Josephine Bienert-Köhler hat als ehrenamtliche Lesepatin noch einen besonderen Wunsch: „In Deutschland ist gesetzlich geregelt, dass Gefängnisse eine Bibliothek haben müssen. Für Schulen gibt es so ein Gesetz nicht. Das würde ich ändern.“
Weitere Ehrenamtliche werden gesucht
Die Berliner Lesepaten sind das größte Projekt im gesellschaftlichen Engagement des VBKI und finanziert sich durch Spenden von Unternehmen, Stiftungen, Privatpersonen und Medienpartnern. Aktuell sind 2000 VBKI-Lesepaten an 300 Berliner Kitas und Grundschulen jeweils einmal wöchentlich für zwei Stunden im Einsatz. Der Bedarf an ehrenamtlicher Unterstützung zur Leseförderung ist aber noch nicht gedeckt. Gesucht werden 250 weitere Lesepaten – vor allem in den Bezirken Wedding, Reinickendorf, Neukölln, Lichtenberg und Spandau. Interessierte Ehrenamtliche können sich melden per E-Mail an info@lesepaten.berlin oder unter www.lesepaten.berlin




