Vier von zehn Menschen in Deutschland fühlen sich von digitalen Technologien überfordert, hat eine aktuelle Umfrage anlässlich des bundesweiten Digitaltags in dieser Woche ergeben. Das ungute Gefühl gegenüber digitalen Anwendungen wie Online-Buchungen ist bei den Älteren besonders stark ausgeprägt. In der Altersgruppe von 75 Jahren und älter sagen 66 Prozent, dass sie sich häufig überfordert fühlen. Bei den 30- bis 49-Jährigen sind es immerhin noch 33 Prozent.
Einmal in der Woche finden die Treffen mit den Digital-Paten statt
Um gerade Senioren zu helfen, mit den digitalen Techniken klarzukommen, bietet der Paul Gerhardt Stift im Wedding ein besonderes Projekt an: die digitalen Patenschaften. Junge Ehrenamtliche treffen sich einmal wöchentlich mit älteren Menschen aus der Nachbarschaft und zeigen ihnen, wie man Handy und Tablet nutzt und wie man zum Beispiel online einen Arzttermin bucht.

„Mich ärgert es immer sehr, wenn ich nicht weiß, wie etwas funktioniert“, sagt Angelika Jende. „Früher im Büro habe ich einfach jemanden von der Technik angerufen, aber seit ich in Rente bin, muss ich mir selbst helfen“, sagt die 66-jährige ehemalige Betriebsrätin. Seit Oktober vergangenen Jahres hat sie einen digitalen „Engel“, wie sie sagt: die 20-jährige Salmana, mit der sie sich einmal in der Woche im Zukunftshaus oder bei schönem Wetter im Innenhof des Paul Gerhardt Stifts zusammensetzt, um sich Online Banking oder Besonderheiten beim E-Mail schreiben erklären zu lassen, zum Beispiel wie man ein Foto einfügt. „Oft probiere ich zuhause etwas aus und schreibe mir auf, was nicht geklappt hat. Das besprechen wir dann“, so Jende.
20-jährige Ehrenamtliche möchte ihre Kenntnisse weitergeben
Die 20-jährige Salmana hat sich zuvor schon ehrenamtlich im Sprachcafé des Zukunftshauses engagiert, bevor sie zu den digitalen Patenschaften gekommen ist. Dort hat sie Migranten aus dem Kiez unterstützt, die ihr Deutsch verbessern wollen. „Aber ich kenne mich gut mit Geräten aus und es macht mir Spaß, digitale Technik älteren Menschen nahezubringen und zu zeigen, dass es gar nicht so schwer ist“, sagt die Jurastudentin.
Zusammengebracht hat die beiden Franziska Marek, die sich als Freiwilligen-Koordinatorin beim Paul Gerhardt Stift um die 55 Ehrenamtlichen des Projekts kümmert. „Sowohl neue Freiwillige wie Senioren, die einen Digitalpaten suchen, sind herzlich willkommen“, so die 28-Jährige. „Es müssten sich viel mehr Senioren hierher trauen, statt einsam zu Hause zu sitzen“, findet Angelika Jende. Sie sieht vor allem auch die Vorteile digitaler Technik, zum Beispiel das Verschicken von Nachrichten auf dem Handy. „So kann man in Kontakt bleiben. Und Online Banking ist so praktisch. Salmana hat mir gezeigt, wie ich das auf dem Tablet installiere. Ist schon etwas kompliziert, aber ich habe ja meinen Engel“, sagt die Rentnerin.
Austausch zwischen Generationen
Für die 20-jährige Salmana ist die 66-Jährige ihre erste Digitalpatenschaft. „Die Chemie zwischen uns hat einfach gestimmt und warum soll ich meine Kenntnisse nicht weitergeben, wenn sie anderen helfen“, meint die Studentin. Was ihr bei dem Digitalpaten-Projekt besonders gut gefällt, ist der Austausch mit einem älteren, Menschen mit vielleicht ganz anderen Erfahrungen und Ansichten. „Im normalen Alltag würden wir uns doch nie begegnen“, meint Salmana, gibt aber zu: „Anfangs hatte ich ein bisschen Angst. Als schwarzer Mensch erlebt man auch Rassismus von Älteren, aber ich habe sofort gemerkt: Bei Angelika ist das überhaupt nicht so.“
Salmana studiert im vierten Semester Jura und möchte Richterin werden. Zur Zeit beschäftigt sie sich mit Arbeitsrecht und da kann Angelika Jende als ehemalige Betriebsrätin einer großen Supermarktkette viele Fälle aus der Praxis schildern. „Ich war im Bereich Logistik tätig und habe meinen Beruf sehr gern ausgeübt, aber jetzt kann ich machen, was ich will“, sagt die Rentnerin. Neben ihren Treffen mit Salmana stehen noch Englisch-Unterricht und Aqua-Fitness auf ihrem Terminkalender, und sie hilft Nachbarn im Kiez. „Manchmal begleite ich jemanden zum Jobcenter oder unterstütze beim Ausfüllen von Anträgen. Oder ich motiviere einsame alte Menschen, hierherzukommen um Anschluss zu finden“, erzählt die 66-jährige.

„Mir gefällt es gut, dass Angelika sich nicht scheut, um Hilfe zu bitten und zu fragen, wenn sie etwas nicht versteht,“ sagt Salmana. Und die ist wiederum stolz, dass sie inzwischen auch schon anderen etwas auf dem Handy oder Tablet erklären kann. „Ich kann es nur empfehlen, sich Hilfe zu holen und die Angst vor der Technik zu überwinden, sonst wird man im Alter abgehängt,“ sagt Angelika Jende.
Jahresfest im Paul Gerhardt Stift am 9. Juni 2024
Eine gute Gelegenheit, die Digital-Patenschaften, die auch von Berliner helfen e.V. unterstützt werden, und andere kostenlose Freizeit- und Beratungsangebote im Zukunftshaus Wedding des Paul Gerhardt Stifts kennenzulernen, gibt es am Sonntag, den 9. Juni, beim 148. Jahresfest im Stiftspark.
Es beginnt mit einem Open-Air-Gottesdienst um 11 Uhr, ab 12.30 Uhr wird ein buntes Programm geboten – mit Essens-, Kunsthandwerk- und Info-Ständen, Live-Musik, Karussell und Hüpfburg für Kinder. Alle Besucher sind im Paul Gerhardt Stift in der Müllerstraße 56-58 in Wedding herzlich willkommen


