Auf den ersten Blick könnte es ein Zimmer in einer Jugendherberge sein. Sechs Betten, bunte Bezüge, Handtücher über der Heizung, Stiefel unter dem Bett. Doch dann fällt auf, dass jedes Bett ein eigenes kleines Zuhause ist: Frau B. hat ihren Stuhl davor festlich geschmückt mit Weihnachtsstern, Tannenzweigen, Engel, Stollen und Apfelsine. Bei der jungen Frau aus Moldawien, die in Berlin Busse putzt, ist das Fensterbrett vollgestellt mit Cremedosen, Deos und Parfüms. Und am Kopfende von Schlafplatz Nummer 5 liegen stapelweise Hosen und Pullover.
Im ehemaligen Landschulheim schlafen jetzt Obdachlose
Die Betten stehen tatsächlich in einem ehemaligen Landschulheim, nur wird es jetzt als Notunterkunft für Obdachlose genutzt. Seit drei Jahren betreut die Neue Chance gGmbH die 32 Plätze in der Bergstraße 4 in Wannsee. Bis zum 30. April hat die Einrichtung der Kältehilfe des Bezirks Steglitz-Zehlendorf jeden Tag von 19 Uhr bis 8 Uhr geöffnet. Auch am Heiligabend und an den Feiertagen, da sogar tagsüber. An diesen drei Tagen sollen die Gäste, wie die Obdachlosen hier genannt werden, einmal vergessen, dass sie sonst auf der Straße leben, und die Gemeinschaft und ein gutes Essen genießen.
In ihrem Speisesaal steht zum Fest ein geschmückter Baum, die Tische sind geschmückt und Weihnachtslieder kommen von der CD. Das Essen, das sonst oft von der Berliner Tafel oder vom Immanuel Krankenhaus gespendet wird, liefert an den Festtagen ein Caterer. Am 24. Dezember gibt es Truthahnkeule und zum Nachttisch Mousse au Chocolat, am ersten Feiertag Rindfleisch mit Rosenkohl und Panna Cotta im Weckglas und am zweiten Feiertag Hackbällchen mit Champignonrahmsoße, Muffins und heißen Kakao. Das Festtagsessen wird auch in diesem Jahr von Berliner helfen“ e.V., dem Verein der Berliner Morgenpost, spendiert.
72-jährige lebt seit 20 Jahren auf der Straße
Frau B. wird bestimmt mit am Tisch sitzen. Die 72-Jährige komme seit drei Jahren regelmäßig, erzählt Projektkoordinatorin Josephine Lysek. Mehr als 20 Jahre lebe sie nun auf der Straße und habe gesundheitliche Probleme. Obwohl sie eine medizinische Ausbildung hat, will sie sich nicht helfen lassen. Aber auch Herr Th. kommt schon die dritte Saison in die Notunterkunft, mit Sicherheit ist er auch an den Weihnachtstagen dabei. Er soll mal als Fleischer gearbeitet haben. Auch er ist über 70, schlecht zu Fuß und schon lange obdachlos.
Psychische Erkrankungen, Alkohol, Drogen – viele Wege führen auf die Straße. „Oft ist die Obdachlosigkeit so anstrengend, dass es den Menschen an Energie fehlt, etwas daran zu ändern“, sagt Josephine Lysek bei einem Rundgang durch die Einrichtung. Die Zimmer liegen an langen Fluren, es gibt eine Küche für die Vorbereitung von Abendbrot und Frühstück, eine einzige Dusche für alle, Lagerräume und den großen Speisesaal. An diesem Abend steht die erste Frau schon eine Stunde früher mit ihrem Hab und Gut vor der Tür. Als sie 19 Uhr eingelassen wird, läuft sie schnurstracks an dem Adventskranz im Flur vorbei und biegt in ihr Zimmer ab.
Viele reservieren ihr Bett von einer Nacht zur anderen, deshalb können sie auch Sachen liegen lassen oder es sich wie Frau B. ein bisschen nett zum Fest machen. Drei Viertel der Gäste sind Männer, die meisten aus Osteuropa, wie Polen, Russland, Rumänien, Bulgarien und Moldawien. Sie leben und arbeiten oft unter prekären Verhältnissen in Deutschland. Wenn sie erst auf der Straße gelandet sind, bricht oft aus Scham der Kontakt zu ihren Familien ab, so die Erfahrung der Projektleiterin.
Nachbarn bringen Socken, Mützen und Handschuhe
Es gibt gute Gründe, dass sie den weiten Weg an den Stadtrand auf sich nehmen, zuerst mit der S-Bahn bis nach Wannsee, dann mit dem Bus und noch fünf Minuten Fußweg. „Die Unterkunft ist sehr beliebt, denn sie ist klein, ruhig und fernab von dem städtischen Stress“, so Josephine Lysek. Man könnte sogar auf dem Weg am See entlanglaufen.
Die Nachbarn aus Villen und Bootshäusern haben nicht nur die Einrichtung akzeptiert, sie bringen auch immer wieder Spenden vorbei. Sie würden sogar nachfragen, was fehle und dann einkaufen gehen, erzählt die Leiterin. So brachten sie schon nagelneue Socken, Unterwäsche, Handschuhe und Mützen vorbei. Und sogar ein Hundebett wurde gespendet. Da hat der Vierbeiner Jacki bereits drin geschlafen.
Spenden für die Kältehilfe
Berliner helfen e.V., der gemeinnützige Verein der Berliner Morgenpost, unterstützt seit vielen Jahren die Kältehilfe der Stadt. Regelmäßig werden Einrichtungen für Obdachlose, Tagescafés, Ambulanzen, Krankenstationen und der Wärmebus des DRK mit Spenden unterstützt. Auch Frank Zander erhält für sein großes Weihnachtsessen, das am Freitag nach drei Jahren Corona-Pause wieder im Neuköllner Estrel-Hotel stattfinden konnte, eine Spende. Für Menschen, die kein Zuhause haben, sind die Weihnachtstage oft besonders schwer zu ertragen. Ein festliches Essen in der Notunterkunft wie der von der Neuen Chance gGmbH in Wannsee soll ihnen zeigen: wir haben Euch nicht vergessen.
Berliner helfen e.V.
Stichwort: Kältehilfe
IBAN: DE73 3702 0500 0003 3071 00



