Seelische Gesundheit

Krisen überwinden durch Malen

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Sabine Flatau
Die Kunsttherapeutin Sabine N. Bielmann mit Bildern von Teilnehmern ihres Kurses.

Die Kunsttherapeutin Sabine N. Bielmann mit Bildern von Teilnehmern ihres Kurses.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

In der Woche der seelischen Gesundheit gibt die Kunsttherapeutin Sabine N. Bielmann kostenlose Workshops in Schöneberg.

Berlin. Sie malt, seit sie denken kann. „Ich erinnere mich, dass ich als kleines Kind auf dem Boden gelegen und gezeichnet habe“, erzählt Sabine N. Bielmann. Später kam die bildende Kunst dazu. Auch als Aktionskünstlerin und als Performancekünstlerin hat sie sich betätigt. Das Interesse an Psychotherapie sei gewachsen durch Krisen, die es immer wieder mal in ihrem Leben gab. „Kunst hat mich aus diesen Krisen gerettet.“ Die 39-Jährige leitet die Kunsttherapiepraxis des Berliner Kunstvereins e.V. in Schöneberg.

Sabine N. Bielmann betreut auch mehrere kostenlose Workshops während der Woche der seelischen Gesundheit vom 8. bis zum 18. Oktober. Das Motto dieser Woche lautet „Gemeinsam über den Berg – Seelische Gesundheit in der Familie“. Eine Vielzahl von Veranstaltungen wird in Berlin und anderen Städten angeboten. Dabei geht es vor allem um die psychischen Belastungen, die durch die Pandemie verursacht wurden. Familien haben die Gelegenheit, über ihre Probleme zu sprechen und sich Hilfe in ihrer Nähe zu holen

In der Schöneberger Kunsttherapiepraxis hängen Bilder, die in Kursen, Workshops und Einzel-Therapien entstanden sind. Es sind farbenprächtige Werke. Aber auch Plastiken sind zu sehen, die in der Selbsterfahrungsgruppe und in Kreativkursen gefertigt wurden, etwa ein Spiegel oder eine Taube.

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„Vieles hat mit Märchen zu tun“, erzählt die Kunsttherapeutin Sabine N. Bielmann. Die Arbeit mit Märchen gemäß dem Schweizer Psychologen C.G. Jung sei der Schwerpunkt ihrer Tätigkeit. Denn die Probleme, mit denen sich die Märchenfiguren auseinandersetzen müssen, und die Lösungsansätze könnten auf die eigene Lebenssituation übertragen werden.

Während der Woche der seelischen Gesundheit werden die Teilnehmer der Kunsttherapie-Workshops kleinere Arbeiten anfertigen, etwa mit Kohle. „Sie bekommen einen Impuls oder ein Thema vorgegeben.“ Das könnte zum Beispiel das jeweilige Lieblingsmärchen sein. Die Bilder, die entstehen, werden an einer Pinnwand gezeigt und gemeinsam betrachtet. Auch sie selbst werde die Bilder der Teilnehmer analysieren, sagt Sabine N. Bielmann.

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Ein beliebtes Märchen sei Aschenputtel. „Da geht es zum Beispiel um die böse Stiefmutter, also das Mutter-Tochter-Verhältnis.“ Im Mittelpunkt stehe eine Frau, die von anderen schlecht behandelt wird, die ausbrechen und sich emanzipieren will.

Sabine N. Bielmann hat Anfang 2013 ihre Ausbildung als Kunsttherapeutin abgeschlossen. „Ich merke immer wieder, dass Kunsttherapie etwas bewirkt“, sagt sie. „Sie kann schon nach einem halben Jahr Wirkungen zeigen.“ Wer malt, könne etwas verändern. Dies sei ein wichtiger Aspekt der Therapie: „Ich beeinflusse, was entsteht. Ich bin mit dem Werk im Dialog.“ Zum anderen könne schon der Prozess des künstlerischen Schaffens therapeutisch wirken. „Wenn ich zum Beispiel während des Malens ruhig werde, wenn es ein fließendes, fast meditatives Tun wird.“

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Der dritte Aspekt sei die Analyse des Werks. „Dadurch können Dinge aus dem Unbewussten klar werden. Etwa, wenn jemand merkt, dass er auf dem Bild eigentlich sein Elternhaus gemalt hat. Dann ist die Frage – wie kommt er dazu?“ Oft müsse sie selbst gar nicht so viel zu einem Bild sagen. Vieles findet der, der es gemalt hat, im anschließenden Gespräch selbst heraus.

Sabine N. Bielmann achtet zum Beispiel auf wiederkehrende Elemente und auf Veränderungen. „Ich stelle Fragen – denn ich kann mich irren in meiner Interpretation.“ Sie beziehe sich zunächst auf das Werk, und dann auf den Menschen und seine Konflikte, die in dem Werk stecken. „Manchmal erzählt ein Bild mehr als der, der es gemalt hat.“ Schon mehrfach hat sich die Kunsttherapiepraxis unter Leitung von Sabine N. Bielmann an der Woche der seelischen Gesundheit beteiligt.

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Neu dabei ist in diesem Jahr das Projekt Blaufeuer. Es bietet eine individuelle Beratung für Menschen, die Probleme am Arbeitsplatz haben, etwa wegen familiärer Belastung oder, weil der Stress zu groß geworden ist. Die Mitarbeiter von Blaufeuer helfen, belastende Situationen zu klären und Ansatzpunkte für Verbesserungen zu finden. Sie vermitteln bei Bedarf auch die passenden Unterstützungsangebote für den Betreffenden. Die Beratung ist kostenlos, denn das Projekt wird vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördert. Der Name des Projekts kommt aus der Seefahrt. Schiffe, die nachts die Orientierung verloren haben, senden ein Notsignal aus, das Blaufeuer. Damit werden Lotsen angefordert.

Workshops und Tag der offenen Tür

Die bundesweite Woche der seelischen Gesundheit findet jährlich rund um den Tag der seelischen Gesundheit am 10. Oktober statt. In 50 Städten und Regionen laden psychosoziale Einrichtungen, Selbst- hilfeorganisationen und Initiativen zu Veranstaltungen ein. Info unter www.seelischegesundheit.net/aktionen/aktionswoche/veranstaltungen/.

„Kunst statt Krise“ heißen die kostenlosen Workshops der Kunsttherapiepraxis des Berliner Kunstvereins e.V. an der Beckerstraße 1 in Schöneberg. Anmeldung unter post@kunst-therapie-berlin.de oder unter Telefon 030/83 21 06 86.

Am 18. Oktober, 11–16 Uhr, lädt Blaufeuer Berlin zu einem Tag der offenen Tür in Friedrichshain ein, Bänschstraße 36. Info unter https://blaufeuer.info/startseite-berlin/ oder unter der Telefonnr: 030/41 93 56 87/89.