Serie "Das ist Berlin"

Wannsee ist mehr als Berlins Badewanne

| Lesedauer: 6 Minuten
Isabell Jürgens

Der Schlager "Pack' die Badehose ein" machte Wannsee in ganz Deutschland bekannt. Der Ortsteil liegt zwischen Seen, ist Dorf, Villenkolonie und mit seinen Schlössern und Parks zugleich Weltkulturerbe – Bestlage eben. Anwohner schätzen die Nähe zu Potsdam und Berlin, aber auch Hollywood-Stars und Wildschweine sind entzückt.

Wolfgang Immenhausen blickt mit Zuversicht auf die Straße vor seinem Haus. Die Chausseestraße im dörflich geprägten Ortskern von Wannsee hat im vergangenen Jahr ein kleines Wirtschaftswunder erlebt. Ein Restaurator, ein Kindermodengeschäft, ein Schreibwarenladen haben eröffnet, und das ansässige Reisebüro expandiert. „In den Jahren zuvor hatten wir ein dramatisches Ladensterben“, sagt der 65-Jährige. Viele Einwohner hatten den Traditionsgeschäften Ende der 1990er-Jahre den Rücken gekehrt und waren lieber in die neu entstandenen Shoppingcenter nach Potsdam gefahren. Das scheint sich nun wieder zu ändern.

Die zwischen Seen gelegene Insel Wannsee gehört von jeher zu den beliebtesten Ausflugszielen der Berliner. Das liegt nicht nur an der einmaligen Wasserlage. Wannsee kann auch mit einer einmaligen Kulturlandschaft, mit Schlössern, Villen und Kirchen auftrumpfen. Die meisten Ausflügler besuchen dabei Schloss und Jagdschloss Glienicke, Nikolskoe oder die Pfaueninsel. Der Dorfkern am Stölpchensee hingegen kann als Geheimtipp gelten.

Kulturtreff in der Scheune

Wolfgang Immenhausen, Galerist und Betreiber der Kulturscheune „Mutter Fourage“ an der Chausseestraße 15a ist in der 1900 gegründeten Futtermittelhandlung seiner Großeltern groß geworden. In den vergangenen 30 Jahren hat er das Gebäudeensemble zum angesagten Treffpunkt im alten Dörfchen Stolpe ausgebaut. Im idyllischen Hofcafé mischen sich nun Wannseer und Berliner, immer öfter kommen auch Potsdamer herüber. Nur die Ausstellungen und Veranstaltungen, hat Immenhausen beobachtet, werden vor allem von „den Städtern“ – den Berlinern – besucht. „Die Wannseer dagegen fahren wohl lieber in die Galerien nach Mitte und genießen da im Gegenzug den urbanen Reiz“, vermutet er.

Gartentor schließen, Wildschweingefahr

Das urbane Umfeld hat Michael Raddatz vor fünf Jahren gegen die ländliche Idylle eingetauscht. Leichtgefallen ist das dem ehemaligen Pfarrer der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg, nicht. Ihm fehlte das bunte Treiben gleich vor der Haustür. „Stattdessen müssen wir jetzt die Gartenpforte immer ordentlich schließen, damit die Wildschweine den Rasen nicht in einen Acker verwandeln“, scherzt er. Inzwischen hat sich Familie Raddatz jedoch bestens eingelebt. Für die elfjährige Tochter und den sechsjährigen Sohn „gibt es hier jede Menge Freiräume, die so in der Innenstadt einfach nicht möglich sind“.

Zudem konnte Raddatz die „beglückende Erfahrung machen, dass Menschen, die viel Geld haben“ – anders als der Volksmund sagt – „dieses auch gerne geben“. Sowohl für soziale Projekte als auch für eine neue Orgel in der Kirche am Stölpchensee kommen so beachtliche Summen zusammen. Überhaupt: In der evangelischen Gemeinde mit ihren 3500 Gliedern mische sich die Dorf- mit der Villenfraktion ohne Berührungsängste, sagt Raddatz.

Die „Villenfraktion“ stellt zwar die Minderheit der knapp 10.000 Wannseer, bestimmt jedoch maßgeblich das Image und den Charakter Wannsees als Nobelvorort mit einem Bekanntheitsgrad weit über Berlin hinaus.

Links und rechts der Straßen Am Großen und Am Kleinen Wannsee schuf sich das Berliner Großbürgertum ab den 1860er-Jahren seine Residenzen. Einige der Zeugnisse dieser Glanzzeit können heute besichtigt werden. So ist der Sommersitz des Malers Max Liebermann an der Colomierstraße3, der jahrzehntelang nur den Mitgliedern eines Tauchvereins zugänglich war, seit 2006 Museum. Villa und Garten wurden so weit wie möglich originalgetreu restauriert.

Gleich neben dem Liebermann-Grundstück hat der Unternehmer Jörg Thiede die alte Villa Hamspohn (Am Großen Wannsee 40) erworben. Der Kunstmäzen hat die Villa aufwendig saniert und vor zwei Jahren als private Kunstsammlung und Begegnungsstätte „Villa Thiede“ wieder eröffnet. „Ich möchte eine Atmosphäre schaffen, in der man mit allen Sinnen erspüren kann, wie das Großbürgertum damals gelebt hat“, sagt Thiede. Seit Mai dieses Jahres verfügt seine Villa sogar über einen öffentlichen Bootsanleger, sodass Besucher nun auch von der Seeseite und durch den Skulpturengarten das Haus betreten können. Noch immer staunt er, dass ihm dies trotz aller bürokratischen Hindernisse gelungen ist …

Hollywoods Traumpaar – verhüllt

Auch die letzte Villa in der Straße Am Großen Wannsee, Nummer 56–58, kurz vor dem Aussichtspunkt mit der Skulptur des Flensburger Löwen, kann besichtigt werden. Der Fabrikant Ernst Marlier hatte sie 1914 errichten lassen. In der Villa mit dem weitläufigen Garten wurde 1942 die von den Nazis so genannte „Endlösung der Judenfrage“ verhandelt. Der Ort, an dem die „Wannsee-Konferenz“ stattfand, ist seit 1992 Gedenk- und Bildungsstätte. Dieses düstere Kapitel der Geschichte des Ortsteils will Jörg Thiede mit seinem Kunstsalon nicht vergessen machen. „Ich will den Menschen aber auch die heiteren Seiten von Wannsee, die Salonkultur, an der die jüdischen Mitbürger maßgeblich beteiligt waren, zeigen.“

An dem kleinen Abschnitt der gegenüberliegenden Seeseite, der noch zu Wannsee gehört – das Strandbad Wannsee ist bereits Nikolassee zuzuordnen – haben sich in den alten Villen Kultur-Institutionen wie das Literarische Colloquium und die American Academy angesiedelt. Die exklusive Wasserlage lockte auch Hollywoods Traumpaar an: Angelina Jolie und Brad Pitt haben sich für die Dauer der Dreharbeiten am Weltkriegsdrama „Inglorius Bastards“ mit ihren Kindern im „Palais Parkschloss“ einquartiert. Seitdem ist das Grundstück Am Sandwerder 21–23 hinter hohen Planen verschwunden.

Das mindert zwar den optischen Gesamteindruck der mondänen Straße, aber die Nachbarn nehmen es gelassen – schließlich soll der Trubel nur wenige Monate dauern. Was die Hollywoodstars und die Villenbesitzer an Wannsee gleichermaßen schätzen, bringt Ilse Wendtland auf den Punkt. „In Wannsee kennt und schätzt man sich“, sagt die 83-jährige Witwe des Filmproduzenten Horst Wendtland. Niemand aber dränge sich auf.