Radtouren rund um Berlin

Viel Grün - gleich hinter der City

Badeseen und Grün satt: Im Grunewald könnte man glatt vergessen, nur wenige Kilometer entfernt vom Zentrum einer Millionenstadt zu sein. Der Ausflug geht vom S-Bahnhof Grunewald zur Havel und dann an der Grunewaldseenkette entlang.

Foto: Reto Klar

Der Grunewald ist eines der beliebtesten Ausflugsziele der Berliner und doch bietet er viel Raum für Entdeckungen. Die Badeseen sind kühl und klar, der Wald so groß, dass man glatt vergisst, nur wenige Kilometer vom Zentrum einer Millionenstadt entfernt zu sein. Im Frühjahr oder Frühsommer macht eine Radtour auf den verschlungenen Wegen durch den dicht belaubten Forst besonders viel Spaß.

Der erste Abschnitt unseres Ausflugs führt uns vom S-Bahnhof Grunewald zur Kiesgrube. Schon von weitem hören wir vergnügtes Kindergeschrei. Wo bis 1983 auf einer Fläche von etwa 20 Fußballfeldern Bausand gewonnen wurde, liegt heute der ausgedehnteste Sandspielplatz Berlins. Die große Düne in der Mitte übt auf Kinder eine große Anziehungskraft aus, sie toben barfuß durch den Sand, purzeln den Hang hinunter, buddeln in der Erde. Ein Biotop für selten gewordene Tier- und Pflanzenarten ist die Kiesgrube außerdem. Wer Glück hat, kann Zauneidechse, Eisvogel oder die blauflügelige Ödlandschrecke beobachten.

Von der Kiesgrube sind es nur wenige Meter bis zum Teufelssee - ein kleiner Waldsee mit großer Liegewiese, auf der man dank der vielen Bäume auch schattige Plätze findet. Die meisten Badegäste praktizieren FKK. Neben dem Teufelssee hat sich das Naturschutzzentrum Ökowerk im ehemaligen Charlottenburger Wasserwerk etabliert. Technik-Interessierte können in dem Backsteinbau mit dem markanten Schornstein eine 125 Jahre alte Dampfpumpe und andere Maschinen besichtigen (Führungen jeden zweiten Sonntag im Monat), Naturfreunde erkunden auf dem Außengelände Kräutergärten, Feuchtbiotope oder Streuobstwiesen.

Großes Programm für Kinder

"An Wochentagen kommen Schulkassen, die hier ökologisch geschult werden. Sonntags besuchen uns viele Familien für das Kinderprogramm", sagt Marie-Luise Büchner (57), Umweltberaterin im Ökowerk. Und das ist üppig: Kinder streifen mit dem Kompass durch den Wald und lernen, was es dort Essbares zu finden gibt oder machen unterirdische Erlebnistouren durch das alte Wasserwerk.

Die Radtour geht weiter durch den Wald zur Havelchaussee. Kurz vor der Straße zweigt ein Weg zum Friedhof Grunewald-Forst ab. Die Begräbnisstätte ist auch bekannt unter dem Namen Selbstmörderfriedhof. Hinter dem großen Eisentor wurden ursprünglich diejenigen bestattet, denen die Kirchen bis ins 19. Jahrhundert hinein eine Beerdigung auf ihren Friedhöfen verweigerten. Aber auch Nico, legendäre Sängerin der Rockgruppe Velvet Underground, die mit bürgerlichem Namen Christa Päffgen hieß, liegt hier begraben.

Zur Ruhe auf dem Waldfriedhof ist die viel befahrene Havelchaussee ein gewaltiger Kontrast. Zumindest mit Kindern sollte man hier lieber den asphaltierten Weg rechts neben der Fahrbahn benutzen. Vor dem nächsten Etappenziel zeigt sich die Landschaft ungewohnt bergig: Bis zum Grunewaldturm haben wir einen Höhenunterschied von rund 30 Metern zu bewältigen. Der Turm war dreieinhalb Jahre geschlossen, wurde umfangreich saniert. Erst seit Ostern dieses Jahres ist er wieder offen. Wer die 204 Stufen zur Aussichtsplattform bewältigt, kann oben, gutes Wetter vorausgesetzt, einen der schönsten Rundum-Fernblicke über Berlin genießen - vom Fernmeldeturm auf dem Schäferberg bis zum Fernsehturm am Alex. Am Fuß des Turms bieten das Restaurant mit gutbürgerlich-gehobener Küche und der Biergarten ebenfalls Sicht auf die Havel.

Die Havelchaussee führt, vorbei an der Lieper Bucht und weiteren Badestellen, schließlich weg von der Havel auf den Kronprinzessinnenweg, eine bei Radsportlern und Skatern beliebte Trainingsstrecke. Kurze Zeit später überqueren wir die Avus auf der Spinnerbrücke, Berlins berühmtesten Motorradfahrertreff. Etwas mehr als die Hälfte der Tour ist nun geschafft, und wer schon müde ist, kann am Bahnhof Nikolassee in die S- oder Regionalbahn steigen. Wer weiterfährt, erreicht nach wenigen hundert Metern die Grunewaldseenkette.

Der große Schlachtensee mit seiner langgezogenen, gebogenen Form ist mutmaßlich der schönste von ihnen. Hobbyfotografen bieten sich an seinem Ufer unzählige Möglichkeiten für Landschaftsaufnahmen. Schlachtensee und Krumme Lanke gehören zu den liebsten Badeseen der Berliner. "Mir gefällt, dass das Wasser so klar ist. Außerdem ist das Ufer flach, da können meine Kinder gut spielen", sagt Sibylle Krause (37). Die Übersetzerin aus Treptow feiert heute hier ihren Geburtstag - wie jedes Jahr.

In den Sommermonaten ist es auf den Wegen um die Seen herum allerdings oft sehr voll. Radfahrer, denen Geduld und Rücksicht auf Fußgänger schwerfällt, weichen lieber auf die etwas höher gelegenen Waldwege parallel zum Ufer aus. Am nordöstlichen Ende des Schlachtensees, nicht weit von der Badestelle entfernt, steht die "Fischerhütte am Schlachtensee". Dieses Ausflugslokal mit seinem großen Biergarten ist zwar kein Geheimtipp mehr, mit dem Ausblick auf den See dafür aber einmalig schön gelegen.

Zwischen Krumme Lanke und Grunewaldsee überrascht der Berliner Stadtwald mit ungewöhnlichen Landschaften. Die Naturschutzgebiete Riemeisterfenn und Langes Luch gehören zu den letzten Berliner Moorgebieten. Hier wachsen seltene Pflanzen wie das bedrohte Sumpfknabenkraut oder die Schwanenblume mit ihren rosa Blättern, die von Juni bis August blüht. Oberhalb des Luchs liegt eine Heidelandschaft, die Dachsheide. Ebenso wie die Kiesgrube ist sie von Menschen gemacht. Die US-Armee hatte in den 50-er Jahren das Waldgebiet über dem Langen Luch abgeholzt und als "Dachsberg Area" zu einem Munitionsdepot mit Bunkeranlagen ausgebaut. Bis auf einen sind die Bunker abgerissen, und das Gebiet wurde der Natur überlassen.

Die letzte Etappe unserer Tour kündigt sich wieder akustisch an: durch Hundegebell. Das Auslaufgebiet inklusive Hundestrand am Grunewaldsee ist ein Paradies für Großstadthunde. Wer gegen Ende der Radtour noch aufnahmefähig genug ist, kann jetzt das Jagdschloss Grunewald besichtigen. Der Barockbau wurde 1542 errichtet, ist das älteste Schloss der Stadt und beherbergt eine interessante Gemäldesammlung. Wem eher nach Ausruhen zumute ist, kauft im Schlosscafé eine Saftschorle oder einen Kaffee, setzt sich auf eine der Holzbänke im Schlosshof und lässt die Atmosphäre des vor zwei Jahren restaurierten Ensembles auf sich wirken.

Hier die Karte als PDF.

Und hier gibt es die Wegbeschreibung dazu.

Alle Teile unserer Serie finden Sie unter www.morgenpost.de/radtouren.

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