Kriminalität

Bluttat vor Tempodrom: Spekulationen um Schüsse in die Beine

Nach der Bluttat vor dem Tempodrom sind die Täter auf der Flucht. Waren Schüsse in die Beine eine Warnung aus dem Clan-Milieu?

Einsatzkräfte der Berliner Polizei am Freitagabend nach der Schießerei vor dem Tempodrom in Kreuzberg.

Einsatzkräfte der Berliner Polizei am Freitagabend nach der Schießerei vor dem Tempodrom in Kreuzberg.

Foto: Thomas Peise

Berlin. 
  • Bei einer Schießerei vor dem Tempodrom in Berlin-Kreuzberg ist am Freitagabend (14. Februar 2020) ein 42 Jahre alter Mann mit türkischer Staatsangehörigkeit ums Leben gekommen. Vier weitere Männer wurden verletzt, einer davon schwer.
  • Die tödlichen Schüsse geben den Berliner Ermittlern auch am Montagvormittag viele Rätsel auf. Berichte über Festnahmen und Details zu den mutmaßlichen Tätern dementierte die Staatsanwaltschaft. Auch Spekulationen über vermeintlich gezielte Beinschüsse auf die Opfer wurden nicht bestätigt. Die Täter befinden sich weiter auf der Flucht.
  • Im Tempodrom fand am Freitagabend eine türkische Comedy-Show, die "Güldür Güldür Show", statt. Von einem Zusammenhang zwischen Tat und Veranstaltung geht die Staatsanwaltschaft derzeit nicht aus.

Berlin. Der Asphalt vor den Eingangstüren des Tempodrom ist am Sonnabendmorgen nass, geregnet hatte es in der Nacht nicht. In den Wasserflecken sind noch zwei mit weißer Kreide aufgemalte Zahlen zu erkennen: 12 und 14. An einem Geländer neben den Glastüren weht ein Stück Absperrband: „Tatort nicht betreten!“

Hier, vor dem Tempodrom, ist am späten Freitagabend ein Mann mit türkischer Staatsangehörigkeit erschossen worden. Rettungskräfte hatten noch versucht, den 42-Jährigen zu reanimieren. Erfolglos.

Der Mann wurde mehrfach angeschossen, wie die Staatsanwältin Mona Lorenz am Sonnabend auf Anfrage mitteilte. Weiter verwies sie auf den Obduktionsbericht, in dem stehe, dass der 42-Jährige durch eine Kugel im Oberkörper getötet wurde. Umstände und Hintergrund der Tat waren auch am Montag unklar, wie die Sprecherin sagte. Der oder die Täter sind weiterhin flüchtig.

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Schießerei vor Tempodrom: Spekulationen um Beinschüsse

Mehrere Medien berichteten am Sonntag, dass es Festnahmen im Zusammenhang mit der Schießerei am Freitagabend gegeben habe. Das dementierte die Sprecherin am Sonntag. „Die Täter sind auf der Flucht“, sagte Mona Lorenz. Um wie viele Täter es sich handelt, ist bislang nicht bekannt. Berichte, dass die Ermittler von vier türkischstämmigen Tatverdächtigen ausgingen, wollte die Sprecherin am Wochenende ebenfalls nicht bestätigen. „Es handelt sich um mehrere Täter“, sagte sie. Eine genaue Zahl sei ihr nicht bekannt. Die Polizei selbst gibt zu dem Fall derzeit keine Informationen heraus.

Am Freitag gegen 22.50 Uhr war es vor der Veranstaltungsstätte in Kreuzberg zu der Schießerei gekommen, bei der vier türkischstämmige Männer im Alter zwischen 28 und 52 Jahren verletzt wurden, unter anderem durch diverse Schüsse in die Beine. Einer von ihnen wurde lebensgefährlich getroffen und befand sich am Wochenende in einem kritischen Zustand.

Ob es sich um gezielte Schüsse in die Beine handelt, die etwa im Clan-Milieu als Warnung zu verstehen wären, konnte Mona Lorenz nicht sagen. Zwar seien Recherchen in diese Richtung naheliegend. „Aber es wird in alle Richtungen ermittelt“, betonte sie.

Zeitgleich zu der Bluttat vor dem Tempodrom standen im Saal Schauspieler der in der Türkei bekannten "Güldür Güldür Show" auf der Bühne. Von einem Zusammenhang zwischen Tat und der Comedy-Veranstaltung gehe man derzeit nicht aus, sagte die Staatsanwältin.

Tempodrom: Besucher wurden über Notausgänge nach draußen gelotst

Zeynep* besuchte die Show im Tempodrom am Valentinstagabend. Ihren richtigen Namen will die Frau nicht in der Zeitung lesen. Dennoch will sie über ihre Erfahrung reden, als sie am Sonnabend zur Mittagszeit ihre Tasche am Tempodrom abholt. Am Vorabend sei dazu keine Möglichkeit mehr gewesen, ohnehin habe sie nur so schnell wie möglich fort gewollt. Weg von dem Blaulicht, weg von den bewaffneten Polizisten.

Während der Show saß sie zusammen mit ihrem Mann im Publikum, erzählte sie am Sonnabendmittag. Gegen 23 Uhr endete die Aufführung mit rund 3000 Zuschauern. Was sich in dieser Zeit vor den Türen abspielte, habe sie nicht mitbekommen. „Ich habe keine Schüsse gehört. Wir wurden nur über die Notausgänge nach draußen gelotst“, sagt sie. Aber niemand habe ihr sagen können, weshalb. Panik sei dennoch keine ausgebrochen, berichtete sie.

Als Zeynep ins Freie gelangte, bekam sie dennoch Angst: Überall am Tempodrom standen schwer bewaffnete Polizisten, Sirenen heulten, Einsatzkräfte des Rettungsdienstes rannten über das Gelände. „Ich bin mit meinem Mann so schnell wie möglich ins nächste Taxi gestiegen“, sagte Zeynep.

Schießerei vor dem Tempodrom: Polizisten mit schweren Waffen, heulende Sirenen

Die Aussagen der Frau decken sich mit den Erfahrungen anderer Besucher, die ähnlich wie sie, am Sonnabend ihre Rucksäcke, Taschen oder ihre Fahrzeuge abholen wollten. 200 Beamte hatten das Gelände am Freitagabend um das Tempodrom an der Möckernstraße weiträumig abgesperrt. Sie durchsuchten den Park um die Veranstaltungsstätte. Ermittler der Mordkommission und Kriminaltechniker waren vor Ort, um Spuren zu sichern.

Auch einen Tag später zeigten sich die Polizisten noch präsent am Tatort. Mehrere Einsatzwagen parkten in den Straßen rund um das Tempodrom, Polizeibeamte mit schusssicheren Westen streiften über den Platz, blickten unter die Autos am Parkplatz des Tempodroms. Abgesperrt war allerdings nichts mehr. Die Täter sind nach Angaben der Polizei weiterhin auf der Flucht.

Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln mit Hochdruck

Im Nachrichtendienst Twitter schrieben Mitarbeiter der Generalstaatsanwaltschaft: „Die Staatsanwaltschaft Berlin und die MoKo der Berliner Polizei ermitteln mit Hochdruck an der Identifizierung der unbekannten Täter und den Hintergründen der Tat.“

Für Sonnabendabend und Sonntag waren im Tempodrom weitere Veranstaltungen geplant: das Phantom der Oper und ein Auftritt von Atze Schröder.

* Name von der Redaktion geändert