Meinhard von Gerkan

„Ich wurde Architekt aus Leidenschaft – und bin es geblieben“

Meinhard von Gerkan feiert am heutigen Sonnabend 80. Geburtstag. Ein Anruf beim Architekten des Flughafens Tegel, des Hauptbahnhofes und des BER. „Ein Alptraum“ sei das für ihn gewesen, sagt er.

Foto: Stephanie Pilick / dpa

Ein langes Klingeln, ein knappes „Hallo“. Meinhard von Gerkan braucht einen Moment, bevor er das Telefon abnimmt. Dann spricht er offen und fröhlich mit dem unerwarteten Anrufer. Sehr entspannt sei er gerade, sagt er. „Ich sitze in meinem Haus mit Blick auf die Elbe – und neben mir leuchtet noch immer der Weihnachtsbaum“, so von Gerkan. Dieser stehe jedes Jahr bis zum 3. Januar. Bei ihnen gebe es schließlich auch nach Heiligabend und Silvester stets noch etwas zu feiern.

Am heutigen Sonnabend feiert Architekt Meinhard von Gerkan Geburtstag. Seinen 80. Am 3. Januar 1935 wird von Gerkan im lettischen Riga geboren. Seine Kindheit ist geprägt von den Katastrophen des Zweiten Weltkrieges: Der Vater kommt 1942 als Soldat an der Ostfront ums Leben, die Mutter stirbt kurz nach der Flucht von Posen nach Niedersachsen. Der Junge wächst in Pflegefamilien auf, seit 1949 in einer Hamburger Pfarrersfamilie. Er besucht mehrere Schulen, macht 1955 sein Abitur an einem Abendgymnasium. Zunächst studiert er Jura und Physik in Hamburg, entscheidet sich dann aber für ein Architekturstudium in Berlin. Hier lernt er auch seinen späteren Partner Volkwin Marg kennen.

Nach dem Diplom gründen die Beiden in Hamburg ihr bis heute weltweit renommiertes Büro gmp (Architekten von Gerkan, Marg und Partner). Heute arbeiten mehr als 400 Mitarbeiter in aller Welt für das Unternehmen, das 325 erste Preise in Wettbewerbsverfahren gewonnen und mehr als 370 Bauten fertiggestellt hat. Darunter sind die Neue Messe Leipzig, die Flughäfen in Hamburg und Stuttgart, der Berliner Hauptbahnhof, der Umbau des Berliner Olympiastadions sowie Bauwerke in Asien, Südafrika und Brasilien. Und natürlich: der Flughafen Tegel. Gerkans erstes Großprojekt, das er mit Anfang 30 geplant und ab 1965 gebaut hat – und sein liebstes, wie er verrät. „Wenn ich einen Meilenstein in meiner Karriere nennen müsste, wäre es schon Tegel“, sagt von Gerkan. „Überall ist er gelobt und geliebt worden“, sagt er. Termingerecht und fünf Prozent günstiger als geplant ist der Flughafen einst eröffnet worden.

Im Gegensatz zu einem weiteren Flughafen in Berlin mit Gerkan-Beteiligung. 50 Jahre nach Tegel gerät der Architekt wieder mit einem Berliner Flughafen in den Schlagzeilen. Nach mehreren geplatzten Eröffnungsterminen des neuen Hauptstadtflughafens BER und Mehrkosten in Milliardenhöhe spricht Gerkan von einem „Alptraum“. „Ich wurde Architekt aus Leidenschaft und bin es seitdem immer geblieben, bis zum heutigen Tag“, betont er in seinem Buch „Black Box BER“ (Quadriga Verlag, August 2013).

Doch dass er, der Flughafen-Architekt, der Bauwerke in aller Welt errichtet, nach der geplatzten Eröffnung fristlos vor die Tür gesetzt worden ist, trifft ihn schwer. Legendär ebenfalls der Prozess um den Berliner Hauptbahnhof. Schon die Eröffnungsfeier hatte Gerkan boykottiert, weil der damalige Bahnchef Hartmut Mehdorn eigenmächtig das Gleisüberdach verkürzt hatte und zudem im Untergeschoss die geplante Gewölbedecke strich – zugunsten einer simplen Flachkonstruktion. Im Prozess kommen Gerkan die Tränen, er gewinnt in erster Instanz, später gibt es einen Vergleich. Mittlerweile baut Gerkan, der zum zweiten Mal verheiratet ist und sechs Kinder hat, lieber in Asien. Und seinen 80. Geburtstag? Feiert er 100 Kilometer nördlich von Hamburg. Im „Weissenhaus“ an der Ostsee, mit Familie und Freunden, „nur im engsten Kreis“, wie von Gerkan sagt. Die sechs Kinder, eine der Töchter hochschwanger, sowie seine zwei Enkel senkten den Altersdurchschnitt dramatisch, sagt von Gerkan. Nach einem Strandspaziergang soll es für alle ein Dinner im Sternerestaurant des Hauses geben. Wünsche habe er keine. „Die materiellen habe ich mir abgewöhnt“, sagt er. „Es soll ein fröhlicher und ereignisreicher Tag werden. Einer, der im Gedächtnis bleibt.“

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