ITB 2013

Indonesien - zwischen Geistern und Reisterrassen

Indonesien ist das Partnerland der ITB 2013. Auf Sulawesi sind ausgerechnet Totenfeiern eine touristische Attraktion. Ein Besuch.

Foto: Visit Indonesia / Visit Indonesia (2)

Wir nehmen einmal an, dass Prang Martha Tangkelembang ein gutes Leben führte. Elf Kinder hat die 82-Jährige hinterlassen, als sie 2010 in Mengkendek starb. Sie war die zweite Frau von Prang Kendek Kapala, einem angesehenen Adligen, der bereits Jahre zuvor seiner zweiten Frau vorausgereist war ins Jenseits.

Heute lebt noch seine erste Gattin, es ist die Schwester der Toten. Ja, Prang Kendek hatte beide Schwestern geehelicht, ohne Scheidung. „Das wäre bei Muslimen verboten“, sagt unser Guide Eman Suherman.

Aber das Volk der Toraja interessiert das nicht. Denn auch wenn wir uns in Indonesien befinden, dem größten muslimischen Land der Erde, dessen Ausdehnung im Indischen Ozean in etwa der Strecke London-Dubai entspricht – bei dem Bergvolk im Süden Sulawesis, viertgrößte Insel des Landes im weltgrößten Archipel (17.500 Inseln, 55.000 Kilometer Küste), haben die holländischen Missionare Anfang des 20. Jahrhunderts ganze Arbeit geleistet.

Etwa die Hälfte der 600.000 Toraja ist heute christianisiert, die andere Hälfte hat den neuen Glauben mit der alten, stark animistisch geprägten Naturreligion Aluk Todolo verbunden. Und pflegt bis heute eine Mischform. Und genau deshalb sind wir erst heute bei der Totenfeier für Prang Martha Tangkelembang.

Tote zwei Jahre lang im Haus aufbewahrt

Denn die Tote wurde nicht innerhalb weniger Tage bestattet, wie es der christliche Glaube vorsieht. Sie wurde zwei Jahre lang im Haus aufbewahrt, einbalsamiert natürlich, und hat auf diese Weise ihre Verwandten mit ihrer puren Anwesenheit beglückt und die Geister – böse wie gute – zufriedengestellt.

Bei der Beerdigung nun, die wir im Ort Mengkendek südlich von Makale, Hauptstadt der Region Tanah Toraja, und dem Touristenzentrum Rantepao besuchen, wird die Verstorbene sehr feierlich, sehr ausgiebig und sehr fröhlich ins Jenseits begleitet.

Es ist ein Touristenereignis und ganz und gar nicht pietätlos. Im Gegenteil, für die Indonesier ist es eine Ehre, wenn Fremde ihre Familienfeier beehren. Japanische Besucher stellen Kamerastative auf oder zücken ihr iPad; holländische Gäste mit Shorts und Sandalen und sogar ein paar junge deutsche Studenten mit Kameras und Handys drängen sich vor dem Haus der Toten, wo sich 50 Männer in feierlicher Tracht auf den Mabadung vorbereiten, einen rituellen Rundtanz.

Sie fassen sich dabei an den Händen, gehen zwei, drei Schritte nach links, werfen die Arme hoch, gehen drei Schritte nach rechts, werfen die Arme hoch – und singen. Sie erzählen die Geschichte von Prang Martha, und es ist der Bericht eines guten Lebens, natürlich. Dann tritt Heber auf, der katholische Pfarrer, und er appelliert gleich an zwei Götter: an Puang Matua, höchste Gottheit im Götterpantheon der Toraja; und – die Bibel vor Augen – an den christlichen Gott, den Allmächtigen, Allverzeihenden. Heber appelliert an die schwarz gekleidete Trauergemeinde, den Lauf des Lebens zu akzeptieren und das Beste aus den Widrigkeiten zu machen, damit es der Verstorbenen im Jenseits gut geht. Die Trauernden stimmen anschließend in sein langes, lautes Gebet ein.

Sänfte mit langer roter Schärpe

Dann wird es hektisch. Der prächtig geschmückte Sarg wird feierlich zu einer Sänfte getragen, die von bestimmt 20 jungen Männern hochgehoben wird. Fotoappparate klicken, Kameras surren. An der Sänfte ist eine mindestens 20 Meter lange rote Schärpe befestigt, die von Frauen an der Spitze der nun folgenden Prozession vorangetragen wird.

Wer nun denkt, dass dies ein stiller Trauerzug wird, täuscht sich. Das Gegenteil ist der Fall: Die meist sehr jungen Träger treten gegen- und stürzen übereinander und johlen, als seien sie auf dem Fußballplatz. Unter lautem Geschrei wird die Sänfte emporgehoben, ein paar Meter getragen und dabei auf- und niederbewegt. Dann wird sie von lautem Lachen begleitet wenige Meter in hohem Tempo getragen, bevor der Trägertrupp abrupt stoppt und die Sänfte absetzt – bevor dieses Spiel des ewigen Wechsels von Tragetempo und Tragehöhe von Neuem beginnt. Dieser Zickzackkurs soll böse Geister von dem Leichnam fernhalten.

Unter lautem Gelächter und Geklatsche wird die Sänfte auf diese Weise auf dem einen Kilometer langen Weg vom Wohnhaus zum Festplatz transportiert. Wasserbecher fliegen, Bonbons und Schuhe, selbst Pappkartons. Die Stimmung wird in der Mittagshitze immer ausgelassener. Auf dem Festplatz fangen dann die Frauen an der Spitze des Zuges plötzlich an untereinander zu boxen, zu treten und sich auf dem Boden zu kringeln.

Das Gejohle nimmt kein Ende, bis der Sarg auf eine Empore hochgetragen wird, wo er für alle sichtbar die nächsten Tage stehen wird. Zwei Büffel werden geschlachtet, andere Tiere dürfen zum Kampf gegeneinander antreten, es gibt reichlich Reiswein und die ausgelassenste Stimmung, die man sich denken kann. Der Tod, so scheint es, ist bei den Toraja der Höhepunkt des Lebens, und der muss eben gebührend gefeiert werden.

Der Besuch einer solchen Totenfeier ist ein Höhepunkt für jeden Touristen, den es in diese abgelegene indonesische Gegend verschlägt. Sulawesi liegt abseits der üblichen Routen. 300 Deutsche finden sich monatlich auf der Insel ein, die sich wie eine fünfarmige Krake nordöstlich von Java erstreckt und neben Kulturtouristen im Süden vor allem Taucher in die Inselwelt im Norden rund um die Stadt Manado zieht.

59 Prozent der 153.000 deutschen Gäste, die 2012 nach Indonesien kamen, besuchten Bali und 25 Prozent Jakarta. 2013 strebt man 165.000 deutsche Gäste an. Da kommt die ITB gerade richtig, wo Indonesien als Partnerland mit 110 Ausstellern aus 13 Provinzen zeigen will, dass der Archipel mehr bietet als Bali und Jakarta. Sulawesis Totenfeiern zum Beispiel.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Marco Polo Reisen. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit