„Bevor ein Zug seine Fahrt aufnimmt, ist seine Richtung längst bestimmt“, sagte Israels Botschafter Ron Prosor am Sonntag am Bahnhof Grunewald. Genau 85 Jahre zuvor, am 18. Oktober 1941, fuhr hier der erste sogenannte „Osttransport“ ab. Rund 1000 Berliner Jüdinnen und Juden wurden ins Ghetto Lodz im besetzten Polen deportiert. Es war der Auftakt der systematischen Deportationen aus Berlin.

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Am Mahnmal „Gleis 17“ wurde der Opfer gedacht. Unter den Gästen waren der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts Stephan Harbarth. Die Redner sprachen auch über den Antisemitismus von heute.

Vom „Gleis 17“ wurden ab Herbst 1941 rund 10.000 Jüdinnen und Juden mit Zügen der Deutschen Reichsbahn deportiert. Die meisten von ihnen wurden ermordet. Mehr als 30.000 Menschen wurden vom Güterbahnhof Moabit abtransportiert, knapp 10.000 vom Anhalter Bahnhof.

Mahnmal «Gleis 17»
Am Bahnhof Grunewald hängt ein Schild mit der Aufschrift „Gleis 17“. Das Mahnmal „Gleis 17“ erinnert an die Tausenden Juden, die von diesem Gleis mit Zügen aus Berlin deportiert wurden.© Christophe Gateau/dpa | Christophe Gateau

„Die Deportation begann nicht auf den Schienen“

Prosor schilderte, was vor den Zügen kam. Die Menschen seien aus ihren Berufen gedrängt und aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen worden. Zum Bahnhof mussten sie zu Fuß durch ihre eigene Stadt marschieren. Die Kosten ihrer Verschleppung mussten sie selbst tragen. „Die Deportation begann nicht auf den Schienen. Sie begann mitten in der Gesellschaft.“ Mit Gesetzen, die Rechte nahmen, und „mit Nachbarn, die weggeschaut haben“.

Für die Betroffenen bedeutete das „die gewaltsame Trennung von ihren Familien, ihren Wohnungen und ihrem bisherigen Leben. Und für viele schließlich den Tod“, sagte Julia Spohr, Direktorin der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Harbarth sprach vom Start einer „jede Menschlichkeit negierenden, systematischen Massenvernichtung“. Daraus gelte es, Lehren zu ziehen.

„Es geschieht hier und heute“

Antisemitismus zeige sich heute auf Straßen, an Schulen und Universitäten, in Kultureinrichtungen und im Netz, so Prosor. Jüdische Eltern fragten sich, ob ihre Kinder sicher zur Schule kommen. „Das geschieht nicht in Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus einer längst vergangenen Zeit. Es geschieht hier und heute, in Berlin und in Deutschland.“ Harbarth mahnte: „Niemals dürfen wir akzeptieren, dass öffentliches jüdisches Leben in Deutschland nach wie vor nur unter Polizeischutz möglich ist.“

Die Verantwortung, die dieser Ort auferlege, ende „nicht mit einer Gedenkveranstaltung“, sagte Prosor. „Erinnerung muss sich im Handeln beweisen.“ Dieser Auftrag lasse sich nicht abgeben, „nicht an die Politik, nicht an die Polizei, nicht an die Gerichte und nicht an die nächste Generation“. Erst wenn jüdische Einrichtungen keinen Festungen mehr gleichen, sei er erfüllt. Den Rechtsstaat fragte der Botschafter, wie lange er hinnehmen wolle, dass die Meinungsfreiheit als Schutzschild für Hass und Hetze missbraucht werde.

Wegner hatte vorab erklärt: „Wir gedenken am ‚Gleis 17‘ der Opfer des Holocaust und werden niemals vergessen.“ Der Senat dulde „keinen Antisemitismus, Hass oder Gewalt gegen Jüdinnen und Juden“.

Gedenken geht auf Inge Deutschkron zurück

Das Mahnmal wurde 1998 eingeweiht. Auf 186 Stahlgussplatten stehen in chronologischer Reihenfolge Datum und Ziel jedes Transports.

„Dass wir uns heute hier versammeln und gemeinsam erinnern, geht maßgeblich auf die Initiative von Inge Deutschkron zurück“, sagte Spohr. Deutschkron wuchs in Berlin auf. Wegen ihrer jüdischen Herkunft und der politischen Tätigkeit ihres Vaters wurde sie ab 1933 verfolgt. Der Vater floh 1939 nach England. Inge und ihre Mutter Ella konnten ihm nach Beginn des Zweiten Weltkriegs nicht mehr folgen. Ab 1941 musste sie Zwangsarbeit leisten. Später arbeitete sie etwa zwei Jahre in der Blindenwerkstatt von Otto Weidt, der ihr auch gefälschte Papiere beschaffte. 1943 entzogen sich Mutter und Tochter der Deportation und tauchten unter. Beide überlebten.

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Ab 1999 wirkte Deutschkron an der Gründung des Museums Blindenwerkstatt Otto Weidt und der Gedenkstätte Stille Helden mit. Über viele Jahre setzte sie sich beharrlich dafür ein, dass die Verfolgung und Ermordung der Berliner Jüdinnen und Juden nicht in Vergessenheit gerät.

Seit 2012 organisiert die Ständige Konferenz der NS-Gedenkorte im Berliner Raum die Veranstaltung am „Gleis 17“. Dabei arbeitet sie mit dem Land Berlin, der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, der Israelitischen Synagogen-Gemeinde Adass Jisroel und der Deutsche Bahn Stiftung zusammen. Gesprochen wurden das jüdische Totengebet „El Male Rachamim“ und das Kaddisch. Schülerinnen und Schüler aus Potsdam gestalteten eigene Beiträge. Zum Abschluss wurden weiße Rosen niedergelegt, „als Zeichen des Gedenkens an die Opfer und als Ausdruck unserer gemeinsamen Verantwortung, die Erinnerung an ihr Schicksal wachzuhalten“.