Bloß nicht den entscheidenden Moment verpassen: Jens Brockmann sitzt bereits 45 Minuten vor Einfahrt des historischen Zuges auf dem Bahnsteig der U4 am Nollendorfplatz. Um 12 Uhr soll die älteste U-Bahn Berlins auf die Strecke gehen. Der 51-Jährige gehört zu den ersten Fans, die sich einen guten Platz an der Bahnsteinkante reservieren wollen, wenn die alte U-Bahn kommt.

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„Ich bin verrückt nach historischen Fahrzeugen, nicht nur U-Bahnen, auch Busse und Straßenbahnen“, sagt der Detmolder, der in Berlin aufgewachsen ist und jedes Jahr zwei Wochen in der alten Heimat verbringt. Es sei reiner Zufall, dass der Zug gerade fahre, erzählt der Gabelstaplerfahrer. Umso mehr freue er sich, das Fahrverhalten, die alten Sitzbänke und Türen kennenzulernen.

Der Bahnsteig füllt sich schnell. In die normalen Züge auf der Strecke der U4 zwischen Nollendorfplatz und Innsbrucker Platz steigt bald keiner mehr ein. Alle warten auf die historische Bahn. Der Zug der Baureihe A1 ist die allererste Fahrzeuggeneration der Berliner U‑Bahn. Mit den charakteristischen gelben Wagenkästen prägten die Züge ab der Eröffnung des Netzes im Jahr 1902 über viele Jahrzehnte das Stadtbild.

Die ersten Lieferserien bis 1913 hatten einen komplett hölzernen Aufbau
Das Besondere an der Baureihe sind die Wagenkästen aus Holz. Die ersten Lieferserien bis 1913 wurden komplett mit einem hölzernen Aufbau konstruiert. Erst ab 1924 folgten erste Varianten aus Stahl. Auffallend ist auch ihr klassisches Design. Mit den Zügen wurden die bis heute typischen Längsbänke im Innenraum eingeführt. Die Wagen besaßen eine hochwertige Innenausstattung aus Holz und Messing, Oberlichter im Dach sowie Türen, die von den Fahrgästen noch per Hand geöffnet werden mussten.

Die Fahrzeuge waren enorm langlebig, sie überstanden das Kaiserreich, den Zweiten Weltkrieg und die Teilung der Stadt. Während die Züge im Westen bis 1968 ausgemustert wurden, blieben sie im Ost-Berliner-Netz bis zum November 1989 im täglichen Berufsverkehr im Einsatz. Im Laufe ihrer langen Einsatzzeit wurden die Wagen mehrfach modernisiert und an die technischen Anforderungen angepasst. Einige Exemplare blieben erhalten und erinnern heute an die Anfänge des Berliner U-Bahn-Verkehrs.
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Keiner kann besser als Günter Wolter von den alten Zügen berichten. Auch er steht auf dem Bahnsteig und wartet auf die historische Bahn. Der 74-Jährige war bei der BVG und hat die Züge der Baureihe A1 von 1969 bis 1989 gefahren. „Zuverlässig sind sie gewesen, immer gefahren, nie gab es Türstörungen“, sagt Wolter. Beim Anfahren seien die einseitigen Türen, die noch offen waren, von allein zugefallen, beim Abbremsen im Bahnhof wieder aufgesprungen. So einfach war das. „Wir waren immer sicher unterwegs“, sagt der ehemalige U-Bahn-Fahrer, der sich nun darauf freut, das Fahrgefühl wieder einmal zu erleben.

Fast pünktlich, um 12.01 Uhr, setzt sich der erste Zug in Bewegung, der am Sonntag noch bis 16 Uhr auf der U4-Strecke unterwegs sein sollte. Alle Sitzplätze sind belegt, Stehplätze rar. Jens Brockmann hat noch einen Platz auf der weinroten Kunstlederbank im „Raucherwagen“ gefunden. Das Warten hatte sich gelohnt. Während der Fahrt wird geschaut und gefachsimpelt. „Schau mal die tollen Holzarbeiten und das schöne Messing“, sagt eine ältere Dame zu ihrem Mann. Ein Vater hat sein kleines Kind an der Hand und erklärt ihm: „Mit diesem Zug ist Papa schon 1988 gefahren.“

Früher gab es noch Raucherwagen mit Lüftungsklappen
Alles ist noch originalgetreu in dem Zug mit den drei Wagen, davon ein Raucherwagen mit hölzernen Lüftungsklappen. Dass er sich an diesem Tag wieder in Bewegung setzt, ist den Ehrenamtlichen der Arbeitsgemeinschaft (AG) Berliner U-Bahn e. V. zu verdanken. „In den vergangenen Tagen haben wir den Zug auf Vordermann gebracht“, berichtet Lucas Sczepanski, Mitglied im Verein.

Er sei geputzt und überprüft worden, wie bei einem kleinen TÜV. Dazu habe man den Lack stellenweise ausgebessert. Zehn Helfer der AG waren am Sonntag im Einsatz: sechs am Türdienst, zwei Zugfahrer, ein Abfertiger und ein Begleiter. Mit der Fahrt wolle man den U-Bahn-Freunden und Fahrgästen den frisch ertüchtigten Zug zeigen, so Sczepanski.
Die U-Bahn-Fans genossen die Fahrt. „Das war voll gut“, sagt der zwölfjährige Özdemir beim Aussteigen. Er liebe alte U-Bahnen, ihre Bauweise, den Duft, das Geräusch. Auch Jens Brockmann steht nach einer Hin- und Rückfahrt wieder am Nollendorfplatz. Bereit, noch einmal einzusteigen. „Eine zweite Runde machen wir noch“, sagt er, bevor es am Nachmittag mit dem Oldtimer-Bus der Linie 218 zum Wannsee geht.






