Während Wohneigentum für junge Familien meist unerschwinglich ist, können viele Babyboomer ihren Ruhestand im Eigenheim genießen. Doch was passiert, wenn die Generation der geburtenstarken Jahrgänge die eigenen vier Wände irgendwann aufgibt? Durch Pflegebedürftigkeit oder Tod könnten in den kommenden Jahrzehnten Millionen Häuser und Wohnungen auf den Markt kommen. Experten sprechen von einem „Silver Tsunami“, der auf Deutschland zurollt.

Montag bis Samstag

Morgenpost der Chefredaktion

Die ersten News des Tages – direkt von der Chefredaktion. Montag bis Samstag um 6:30 Uhr.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

In Berlin jedoch droht diese Welle an der gigantischen Nachfrage zu zerbrechen. Das verdeutlicht eine aktuelle Studie des Kölner Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag des Verbands der Sparda-Banken. Demnach besitzen Eigentümerinnen und Eigentümer ab 65 Jahren in Berlin rund 93.000 Häuser und Wohnungen. Auf der anderen Seite gibt es in der Stadt den Daten nach rund 434.000 Mieterinnen und Mieter zwischen 30 und 44 Jahren. Ergebnis: Das latente Angebot kann die potenzielle Nachfrage nur zu etwa 21 Prozent decken.

Auch interessant

In kaum einer deutschen Großstadt ist das Verhältnis für die junge Generation so ungünstig wie in Berlin. Nur in Leipzig können die Jungen noch weniger Dynamik durch die Babyboomer auf dem Immobilienmarkt erwarten. Dort wird die potenzielle Nachfrage nur zu 17 Prozent gedeckt. Potsdam landet gemeinsam mit Berlin auf dem vorletzten Platz. In einigen weiteren Städten ist das Verhältnis ähnlich ungünstig. So etwa in Dresden, Frankfurt am Main (beide 23 Prozent), Rostock (25), München, Düsseldorf (beide 32) oder Köln (36).

Unter Einbeziehung des Umlands verbessert sich das Verhältnis in Berlin zwar etwas. Die Deckungsquote ist mit 28 Prozent aber immer noch gering. Weil Leipzig in dieser Betrachtung etwas besser abschneidet, fällt Berlin hier abgeschlagen auf den letzten Platz zurück. Vorletzter ist München mit einer Deckungsquote von 35 Prozent.

Häuser werden an den falschen Orten frei

In 34 von 70 untersuchten Großstädten der Studie reicht das potenzielle Wohnraumangebot älterer Eigentümer auch unter Einbeziehung des Umlands nicht aus. Dabei treffen die 5,3 Millionen älteren Eigentümerhaushalte laut der Studie deutschlandweit auf ebenso viele potenzielle jüngere Nachfrager. Das Problem ist nur: Die Immobilien befinden sich häufig am falschen Ort. 

In 300 Kreisen und kreisfreien Städten übersteigt die Zahl älterer Eigentümerhaushalte rechnerisch die Zahl jüngerer Mieterhaushalte. Der Angebotsüberhang konzentriert sich jedoch auf eher ländliche Regionen. In der Südwestpfalz ist das latente Angebot an Wohneigentum sogar gut viermal so groß wie die potenzielle demografische Nachfrage jüngerer Mieterhaushalte. Auch im Süden Brandenburgs ist das Verhältnis günstig. Im Landkreis Elbe-Elster übertrifft das Angebot die Nachfrage um 154 Prozent. Auch in den Landkreisen Spree-Neiße (Brandenburg), dem Jerichower Land und dem Landkreis Wittenberg (beide Sachsen-Anhalt) liegt die Quote bei mehr als 100 Prozent.

Auch interessant

„Der demografische Wandel eröffnet durchaus neue Chancen für die Wohneigentumsbildung“, betont Pekka Sagner, Immobilienökonom am IW und Mitautor der Studie. „Aber ein potenziell frei werdendes Eigenheim auf dem Land löst nicht das Wohnraumproblem einer jungen Familie in der Großstadt.“ Entscheidend sei aber nicht nur, ob Angebot und Nachfrage regional zusammenpassten, sondern auch, ob vorhandene Immobilien tatsächlich verfügbar würden, betont sie.

Ältere haben doppelt so viel Wohnfläche

Tatsächlich geben viele Ältere ihr Zuhause nicht auf, auch wenn es zu groß geworden ist. Die Studie hat ermittelt, dass 37 Prozent der Eigentümerhaushalte ab 65 Jahren ihre Wohnung als zu groß bewerten. Auf der anderen Seite empfinden 35 Prozent der jüngeren Mieterhaushalte zwischen 30 und 44 Jahren ihre Wohnung als zu klein.

Ältere Eigentümer verfügen laut der Studie im Schnitt über annähernd doppelt so viel Wohnfläche pro Kopf wie Mieter in der typischen Phase vor der potenziellen Wohneigentumsbildung. In der Erhebung liegt die Wohnfläche pro Kopf bei den Eigentümern im Alter von 65 Jahren bei rund 65 bis 70 Quadratmetern.

Auch interessant

Florian Rentsch, Chef des Verbands der Sparda-Banken, hält den Begriff „Silver Tsunami“ mit Verweis auf die Studienergebnisse nicht für angemessen. „Das Bild eines ‚Silver Tsunami‘ dramatisiert die Entwicklung“, teilt er dazu mit. „Der demografische Wandel wird zwar zusätzliches Wohnungsangebot schaffen, aber häufig nicht dort, wo die Nachfrage besonders hoch ist“, betont Rentsch.