Es gibt Nachrichten, die zunächst sachlich klingen – und einen dann doch bewegen. So ging es mir mit dem angekündigten Ende des klassischen Fahrkartenautomaten. Eher nebenbei teilten die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) vergangene Woche mit, man werde die großen, gelben Kisten abschaffen, die einst reihenweise die Bahnhöfe blockierten und heute meist nur noch rumstehen. „Schrittweise“ solle dies geschehen, hieß es vorsichtig. Und: erst ab 2029. So, als ahne man, was diese Botschaft auslösen könnte. Obwohl die allermeisten BVG-Kunden ihre Tickets heute ohnehin digital lösen oder mit Abo-Chipkarte unterwegs sind.

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Als Ersatz werden sogenannte „Validatoren“ eingeführt. Der Name kommt aus der Informatik, erinnert aber trotzdem ein bisschen an fiese Science-Fiction-Figuren, die uns durch und durch abchecken. Aber gut. Bis zur Ankunft der Validatoren haben wir noch ausreichend Zeit, Spitznamen für sie zu finden – und Abschied zu nehmen von vertrauten Geräten.

Dass Berlin ein emotionales Verhältnis zu Fahrkartenautomaten hat, konnte man neulich schon ahnen. Als im Juli bei der Einführung der neuen XXL-Straßenbahnen herauskam, dass die Fahrgäste darin keine Tickets mehr ziehen können, kam eine gewisse Unruhe auf. Plötzlich war da, nun ja: eine Leerstelle. Nicht nur in der Tram, sondern in unserem Leben.

Kolumne Stadtflucht Ende des Fahrscheinautomaten
Das Ende des Fahrscheinautomaten bei der BVG kündigte sich im Juli an. In den neuen XXL-Trams gibt es keine mehr.© BM | Uta Keseling

Ähnlich war es im März im Hauptbahnhof, wo die Deutsche Bahn an einem Fernbahnsteig die Fahrkartenautomaten entfernen ließ. Plötzlich erschien mir der Bahnsteig verlassen. Selbst im Gedränge schien es, als fehle ein guter Bekannter.

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Neben dem S-Bahn-Ticket von 1989 liegen bei mir Flugtickets

Und so ist es ja auch. Jeder von uns hat wohl seine persönlichen Fahrkartenmomente. Ich bewahrte zum Beispiel lange Zeit einen grauen Papierschein auf, der einer Kinokarte ähnelte. Ein Ticket für die S-Bahn in Ost-Berlin, gekauft im November 1989 im Umsteigebahnhof Jannowitzbrücke. Die U-Bahn-Station war der erste Geisterbahnhof, der nach dem Mauerfall wieder in Betrieb genommen wurde. Die S-Bahn-Tickets kamen in Ost-Berlin von einer Rolle – wie im Kino. Das fand ich heraus, weil der Ticketautomat kaputt war und ich aus Versehen die halbe Rolle herauszog. Ich fand das kurios. Die Zeit nach dem Mauerfall fühlte sich sowieso an wie ein surrealer Film. Also hob ich den Fahrschein auf (Fahrpreis: 20 Pfennig).

Kolumne Stadtflucht Ende des Fahrscheinautomaten
Ein Papierticket als Erinnerung an den letzten Flug vom Flughafen Tegel im Jahr 2020.© BM | Uta Keseling

Neben dem S‑Bahn-Fahrschein lagen bei mir Flugtickets. Eins für den legendären 3. Juni 2012 – den Tag, an dem der Pannen-Flughafen BER spektakulär doch nicht eröffnet wurde. Der Flug startete stattdessen wie gehabt am Flughafen Tegel. Ein anderes Ticket zeugt vom letzten Linienflug, der von „TXL“ je abhob. Ich durfte als Reporterin dabei sein. Der Abschiedsflug nach Paris war emotional, für ganz Berlin. Was heben wir auf, wenn Tickets nur noch digital verfügbar sind?

Man ist kein Berliner, wenn man sich nie über einen Fahrscheinautomaten geärgert hat

Dazu kommt: Gerade Fahrkartenautomaten spielen in Berlin auch sozial eine Rolle. Zwar sieht man daran meist nur noch Touristen ratlos hantieren. Berliner nutzen sie für den Ticketkauf nur, wenn es nicht anders geht. Die schrankgroßen Automaten sind dennoch nützlich. Zum Beispiel, um sich in einsamen Momenten irgendwo anzulehnen. Sie scheinen den Körperkontakt zu mögen. „Bitte berühren Sie den Bildschirm“, lautet die Standardanzeige. Von Tritten und Schlägen steht da zwar nichts, dennoch werden die Automaten auch angebrüllt, getreten oder beschmiert. Danach dienen sie als Symbole fürs dysfunktionale Berlin. Grundsätzlich gilt: Man ist kein Berliner, wenn man sich nie über einen Fahrkartenautomaten geärgert hat. In vielen Teilen der Republik gibt es sie im städtischen Nahverkehr übrigens gar nicht.

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Replik eines Fahrkartenentwerters als Scanner im Ausgang eines Supermarkts.© BM | Uta Keseling

Ähnliches gilt für die Fahrkartenentwerter. Als Schulkinder schoben wir allerlei Dinge hinein. Machte es zu oft „Pling!“, gab es Ärger mit dem Busfahrer. Auch Stempelkästen werden bald zu den Geräten gehören, die nachfolgende Generationen nicht mehr verstehen wie jetzt schon das Wählscheibentelefon. Eine erste Hommage an den Fahrscheinentwerter steht übrigens in einem Supermarkt in Wedding. Dort dient er als Scanner im Ausgang des Selbstbedienungsbereichs. Welche Fahrkarten bewahren Sie auf? Und mit welchen Erinnerungen? Werfen Sie nichts weg! Vielleicht bekommt Berlin ja ab 2029 ein Fahrscheinmuseum. Wer weiß! Ich würde es gern besuchen.

Die Kolumne „Stadtflucht“: Hier schreibt Morgenpost-Redakteurin Uta Keseling über die Merkwürdigkeiten des Alltags in Berlin und manchmal auch auf dem Land.