Der Theatersaal im Prater öffnet wieder. Zehn Jahre lang blieb er dunkel, weil sich die Sanierung so lang hinzog. Zur Verdeutlichung: Selbst die Bauarbeiten des BER brauchten nur vier Jahre mehr. Heute Abend um 20 Uhr zeigt die Volksbühne dort die Uraufführung „Perfection“. Der Theaterabend nach dem Roman des italienischen Autors und Übersetzers Vincenzo Latronico erzählt auf Deutsch und Englisch von einem Expat-Paar in Berlin. „Der Prater an der Kastanienallee selbst – mit seiner Geschichte als ehemaliges Volkstheater und als Gegenstand eines Immobilienstreits – wird zum eigenständig Bezüge schaffenden Metabühnenbild für die Inszenierung von Perfection“, schreibt die Volksbühne.

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Für die Bühne eingerichtet hat den Roman die Berliner Regisseurin Anta Recke. Diese Premiere wird eine Rückkehr für Schauspielerin Inga Busch, die in diversen Inszenierungen dort zu sehen war. Danach feiert das Haus mit einer Party das ganze Gelände an der Kastanienallee.
Vom Bierausschank zum Vergnügungsort: So wuchs der Prater in Berlin
Die Geschichte des Praters beginnt 1837. Damals eröffnete ein Wirt namens Porath an der Kastanienallee 7 einen Bierausschank, eine Bretterbude. Die Straße war noch ein lehmiger Feldweg weit vor den Toren der Stadt. Der Grundbesitzer Wilhelm Griebenow ließ ihn mit Kastanien bepflanzen – daher der Name. 1852 übernahm die Familie Kalbo den Ausschank.

Mit dem Arbeiterbezirk wuchs der Prater. Aus dem Ausschank wurde eine Vergnügungsstätte mit Varieté, Operette und Tanz. 1880 kam eine Freiluftbühne dazu, 1902 ein eigenes Theatergebäude. Früh liefen hier auch Filme. Auch die Politik nutzte den Saal: Am 29. Juli 1871 gründete sich hier der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein für Berlin. Später sprachen August Bebel und Rosa Luxemburg im Prater.
Prater Garten: Von der Ausweichbühne zur Sanierung nach der Wende
Den Zweiten Weltkrieg überstand der Garten fast unbeschädigt. 1946 zog die Volksbühne ein: Ihr Haus am Rosa-Luxemburg-Platz lag in Trümmern, der Prater wurde Ausweichbühne. In der DDR nutzte der Bezirk das Gebäude als Kreiskulturhaus. Im DEFA-Filmtheater Kastanienallee liefen Premieren, darunter der Märchenfilm „Das kalte Herz“. 1967 kam die „Galerie am Prater“ dazu – nach eigenen Angaben die erste selbstorganisierte Galerie Ost-Berlins.
Nach der Wende stand der Prater vor dem Aus. Die Stadtverordnetenversammlung löste sich auf, mit ihr die Trägerstruktur der Kreiskulturhäuser. Das Bezirksamt schloss das Gelände. 1992 flossen 3,2 Millionen D-Mark aus dem Aufbau-Ost-Programm in die Sanierung. Doch das Budget reichte nicht, Gefahrenstellen blieben. Die Wiedereröffnung verzögerte sich. Erst 1996 kam der Betrieb zurück.
René Pollesch prägt die kleine Volksbühne mit avantgardistischem Diskurstheater
Unter Volksbühnen-Intendant Frank Castorf diente die Studiobühne der Volksbühne einer ganzen Generation von Theatermachern – freien Gruppen wie hauseigenen Regisseuren – als Experimentierraum. Geprägt hat ihn vor allem René Pollesch (1964–2024). Er leitete das Haus von 2001 bis 2007 künstlerisch. Hier entstanden zentrale Arbeiten seines „Diskurstheaters“: „Frau unter Einfluss“ (2000), „Insourcing des Zuhause. Menschen in Scheiß-Hotels“ (2001) oder „Soylent green ist Menschenfleisch, sagt es allen weiter!“ (2002). Pollesch verdichtete Philosophie, Popkultur und Gesellschaftskritik zu atemlosen, oft komisch-absurden Monologen.
Die „Prater-Trilogie“ trägt den Namen ihres prägenden Entstehungsorts („Stadt als Beute“, „Insourcing des Zuhause“, „Sex“). Mit ihr wurde Pollesch 2002 erstmals zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Als der Regisseur 22 Jahre später überraschend starb, leitete er die Volksbühne als Intendant und galt als einer der einflussreichsten deutschsprachigen Dramatiker und Regisseure der vergangenen Jahrzehnte.
Prater-Galerie eröffnete bereits mit Ausstellung zu gesellschaftlichem Widerstand
Der erste Kulturbetrieb im Prater ist schon seit fast einem Monat zurück: Den Auftakt machte am 3. September die kommunale Prater Galerie mit der Ausstellung „Courage: Schwestern im Geiste“. Sie zeigt Arbeiten von Künstlerinnen und fragt nach gesellschaftlichem Widerstand. Geleitet wird sie von Katharina von Hagenow.
Nun folgt der zweite Schritt: Die Volksbühne bespielt das Theater wieder regulär. Weitere Premieren stehen fest. Am 10. Dezember folgt die Uraufführung „CURSED a preinvented world“ des OMSK Social Club. Auch das inklusive Theater RambaZamba soll im Prater gastieren.
Prater, Kastanienallee 7–9, Prenzlauer Berg. Spielplan und Karten: www.volksbuehne-berlin.de/?stage=prater





