Erinnern Sie sich noch an die großen Zeiten des Kinos? Als alle Welt „mit dem Wolf“ tanzte, alle möglichen Banalitäten „vom Winde verweht“ wurden und unsere Alltagsprobleme „täglich grüßten“ wie ein Murmeltier? Zeitweise wünschte ich mir ein sprachliches Filmtitel-Abwandlungsverbot. Doch irgendwann erledigte sich das Problem von allein. Große Kinofilme, die wir alle gesehen haben und deren Titel wir selbst in den dümmsten Abwandlungen wiedererkennen, gibt es kaum noch. Heute streamt jeder für sich allein (sorry, das musste sein).
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Für lange Zeit betrieben nur noch Eigenbetriebe des Landes Berlin die Filmzitat-Verblödelung weiter. Allen voran die Berliner Stadtreinigung (BSR, „Im Restmüll nichts Neues“, „Saturday Night-Feger“), gefolgt von den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG, „Ich bin ein Fahrgast, lasst mich hier raus“). In letzter Zeit begegnen mir im Alltag neue, nicht minder schreckliche Zitate. Ich bin nicht sicher, wo sie wirklich herkommen. Aber ich habe einen Verdacht.
Was ich meine, sind Formulierungen, die mir das Pipi in die Augen treiben. Die plötzlich aber überall auftauchen. Sprachliche Wandteppiche, die von vielen Menschen geteilt werden. Und bei denen man schon ein Leuchtturm der Hoffnung sein muss, um nicht zu befürchten, dass wir still, heimlich und leise von abgedroschenen Floskeln und übergangslos aus dem Englischen übernommenen Redewendungen überrollt werden.
Vom Traualtar aufs Klo in zwölf Wörtern – puh
Okidoki, werden Sie jetzt vielleicht sagen, det jabs aba schon imma! Klar, ich erinnere mich, dass gerade die West-Berliner eine Zeit lang gewissermaßen in Paech-Brot-Chiffren kommunizierten. Sinnierte ein Berliner vor sich hin: „Beim Jawort schweigt die junge Braut …“, antworteten alle echten Berliner im Chor: „… weil sie noch schnell ein Paech-Brot kaut.“
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Lange, bevor die BVG beschloss, selbst witzig zu werden, unterhielten Backwarenfirmen, Verdauungsmittelhersteller oder auch Lottogesellschaften die U-Bahn-Fahrgäste auf Werbeplakaten mit launigen Reimen. Mal schrieb „selbst die Polizei in Peine freitags nur noch Lottoscheine“. Mal hieß es an den Wänden der U-Bahn-Waggons: „So nötig wie die Braut zur Trauung ist Bullrich-Salz für die Verdauung.“ Vom Traualtar aufs Klo in zwölf Wörtern – puh. Oder wie man auf Englisch sagen würde: Poo! (oder nicht?!) Ich glaube, es gab sogar Wettbewerbe der absurden Reimwerbung.

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Mein Verdacht ist: Heute stecken hinter Phrasen, hohlen Formulierungen und gleichförmigen Satzkonstruktionen vieler Texte nur noch mittelbar Menschen. Vor der Tür, in den Startlöchern, parat und bereit steht die KI, um allen Texten jenen Schliff und das Aussehen zu verleihen, mit denen sie allesamt möglichst „professionell“ erscheinen. Was heute bedeutet: emotional, persönlich, glaubwürdig, wie von Menschen geschaffen eben. Doch je mehr Phrasen und je „bedeutungsschwangerer“ die Sätze, desto weniger interessiert mich ein Text.
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Dreist geklaute Formulierungen
Und damit meine ich nicht in erster Linie Zeitungsartikel. Die werden, zumindest bei uns, nach wie vor von Menschen geschrieben. Aber schauen Sie mal in Ihr E-Mail-Fach. In die sozialen Medien. Und natürlich auf Werbetexte. Das Erste, was eine KI macht, wenn sie uns bei einem Text „unterstützt“: Sie kopiert alle Regeln, die wir uns selbst irgendwann auferlegt haben, um „besser“ zu schreiben. Schon am ersten Satz erkennt man heute oft – nein, nicht den erfahrenen Autor. Sondern die „Hand“ der KI. Ist es ein kurzer Hauptsatz? Oder sogar nur ein Wort? Stolpern Sie über Absätze hinter jedem Satz? Über inflationäre Gedankenstriche? Emojis im Text?
Dann habe zumindest ich den Verdacht, dass hier bei der Formulierung ein Schreibautomat am Werk war. Der vielleicht den Merksatz des einstigen „Sprachpapstes“ (sic) Wolf Schneider elektronisch verinnerlicht hat: „Schreibe kurze Sätze!“ Wolf Schneider (1925–2022) gibt es übrigens selbstredend längst auch als KI. Weiter geht es mit blumigen Sprachbildern, die, wenn man sie tatsächlich bildlich vorstellt, aber zerplatzen wie Seifenblasen. Und wenn man der KI freie Hand lässt, entstehen auch Inhalte quasi von allein. Formulierungen, die auf den ersten Blick super zum Thema passen. Die aber oft vollkommen austauschbar sind. Oder, wie Kinder sagen würden, so dreist geklaut, dass es einem das Pipi in die Augen treibt. Pooh!
Die Kolumne „Stadtflucht“: Hier schreibt Morgenpost-Redakteurin Uta Keseling über die Merkwürdigkeiten des Alltags in Berlin und manchmal auch auf dem Land.








