Große Felsbrocken im Wald, die erklommen werden wollen. Bäume, deren knorrige Äste aussehen wie die Arme von Waldtrollen. Schluchten, durch die leise, kleine Bäche fließen. Für Kinder steckt eine Wanderung voller Abenteuer, wenn man sie nur lässt.
Berlin und Brandenburg bieten dafür beste Voraussetzungen. Zwischen dichten Wäldern, geheimnisvollen Pfaden und abwechslungsreichen Landschaften finden Familien hier Touren, die nicht nur Erwachsene begeistern, sondern auch für kleine Füße jede Menge Spannung bereithalten. Wer sich aufmacht zu einer zünftigen Familienwanderung, wird schnell merken: Die Entdeckungen kommen fast von selbst.
Unser Wanderexperte Jörg Krauthöfer ist regelmäßig mit seiner dreijährigen Enkeltochter in der Hauptstadtregion unterwegs. Aus seinen Erfahrungen heraus hat er vier Tipps für besonders schöne Kinderwanderungen in Berlin und Brandenburg zusammengestellt.
Tour 1: „Och, sind die kuschelig“: Büffelalarm zwischen Karower Teichen und Bogenseekette

Im Norden Berlins, in Karow, beginnt eine rund neun Kilometer lange Wanderung, die Naturerlebnis und stille Landschaft eindrucksvoll verbindet. Startpunkt ist der S-Bahnhof Karow, von dem aus der Weg zunächst über die Pankgrafenstraße zur Pankebrücke führt. Schon hier taucht die Tour in lokale Geschichte ein, denn die Herkunft des Namens „Pankgraf“ ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Wenig später öffnet sich die Landschaft: Vorbei an einer Koppel geht es zu den Karower Teichen, einst Torfstiche und Fischteiche, heute ein bedeutendes Brut- und Rastgebiet für zahlreiche Vogelarten. Aussichtspunkte und Beobachtungsplattformen laden dazu ein, die weite Teichlandschaft und ihre tierischen Bewohner in Ruhe zu betrachten.
Die Route führt weiter durch das Naturschutzgebiet Karower Teiche, dann über einen Feldweg entlang des Weidegebiets englischer Parkrinder bis zum Lietzengraben. Dieser verläuft mehrere Kilometer an der Grenze zwischen Berlin und Brandenburg und zeigt mit Fischtreppe und Infotafeln, wie eng Natur und Landschaftspflege hier miteinander verbunden sind. Hinter der Eisenbahnbrücke der Heidekrautbahn wartet bereits das nächste eindrucksvolle Bild: schottische Hochlandrinder auf weitläufigen Weiden. Schließlich erreicht die Wanderung die Bogenseekette im Bucher Forst mit ihren Karpfenteichen, dem alten Hutewald und dem Bogensee. Die Tour endet am S-Bahnhof Buch.
Infos zur Wegstrecke
- Start: Bahnhof Karow, Ziel: Bahnhof Buch, Länge: 9 Kilometer
- Leichte Wanderung, geeignet für Kinderwagen und Roller
- Zum Artikel hier klicken; GPX-Daten gibt es hier.
Tour 2: Märchenhaft wandern in Melchow

Der Eingang zum Märchenwald in Melchow ist nicht zu übersehen.
Wir fahren in den Barnim nach Melchow. Das pittoreske Örtchen, ein paar Kilometer südlich von Eberswalde gelegen, ist bequem mit dem Regionalzug zu erreichen. Hier, an der Alten Dorfstraße, beginnt der Märchenpfad. Oder er beginnt am Bahnhof Melchow. Je nachdem, von welcher Seite man sich auf dieses kleine Abenteuer einlassen möchte.
Viel Strecke macht der Weg nicht: Rund 800 Meter sind es nur. Und doch zeigt sich auf diesem kurzen Abschnitt vieles von dem, was Ausflüge in den Barnim nördlich von Berlin so reizvoll macht. Wald und lichte Wiesen, weite Felder und dazu eine stille, beinahe verwunschene Atmosphäre, die zu jeder Jahreszeit ihren ganz eigenen Zauber entfaltet.
Schon nach wenigen Schritten wird klar, dass es hier nicht um Tempo geht, sondern ums Schauen, Entdecken und Staunen. Zwischen Bäumen und am Wegesrand tauchen Märchenfiguren auf, als wären sie schon immer Teil dieser Landschaft gewesen. Der Froschkönig blickt den Wandernden entgegen, Hänsel und Gretel scheinen sich zwischen Holz und Laub zu verstecken, Schneewittchen hält mitten im Grünen Hof. Wer den Blick schweifen lässt, entdeckt in einem Baumstamm ein Gesicht. Wer genauer hinsieht, findet sogar eine kleine Tür, hinter der das Zwergenreich beginnen könnte.

Gerade diese liebevollen Details verleihen dem Pfad seinen besonderen Charakter. Nichts wirkt überladen oder künstlich inszeniert. Stattdessen entfaltet der Weg seinen Zauber leise, fast beiläufig. Die Skulpturen stammen von Künstlerinnen und Künstlern aus dem Ort und fügen sich so selbstverständlich in die Natur ein, dass der Spaziergang stellenweise wie ein Gang durch ein offenes, verwunschenes Atelier wirkt.
Infos zur Wegstrecke
- Start/Ziel: Bahnhof Melchow, alternatives Ziel auch der Bahnhof Biesenthal (RB 24)
- Leichte Wanderung, geeignet für Kinderwagen
- Eintritt: frei
- GPX-Daten gibt es hier.
Tour 3: Dem Himmel so nahe auf dem Baumwipfelpfad in Beelitz

Auf abenteuerlichen Wegen geht es dicht an der Baumwipfelgrenze entlang durch den Lost Place bei Beelitz-Heilstätten, inklusive Bauchkribbeln beim runterschauen.
Da muss man einfach einmal hinauf: Der Baumwipfelpfad in Beelitz-Heilstätten gehört zu den bekanntesten seiner Art in Norddeutschland. Anders als viele andere Anlagen schlängelt er sich jedoch nicht einfach durch ein gewöhnliches Waldgebiet. Stattdessen führt er mitten hinein in einen der faszinierendsten Lost Places Brandenburgs.
Es gibt nämlich Orte, die auf Anhieb eine besondere Aura ausstrahlen. Beelitz-Heilstätten ist so ein Ort. Zerbrochene Fenster, von Pflanzen überwucherte Hausruinen, rote Klinkerfassaden und der morbide Charme vergangener Zeiten wecken sofort die Neugier. Zwischen den Bäumen wartet ein ganzes Ensemble einst prächtiger Gebäude auf junge und alte Entdeckerinnen und Entdecker.
Weil der Blick vom Boden aus nur einen Teil dieser außergewöhnlichen Kulisse zeigt, wurde hier ein Baumwipfelpfad angelegt, der völlig neue Perspektiven auf das Areal eröffnet. Auf rund 800 Meter Länge führt der Weg in bis zu 23 Meter Höhe über eingestürzte Mauern, verfallene Räume und von Bäumen überwachsene Dächer hinweg. Der Blick von oben macht die Geschichte des Ortes auf eindrucksvolle Weise erfahrbar und sorgt ganz nebenbei auch für einen kleinen Nervenkitzel. Vom 40 Meter hohen Aussichtsturm soll bei klarer Sicht sogar der Funkturm auf dem Schäferberg bei Wannsee zu sehen sein. Vergesst also eure Kamera nicht.

Wer tiefer eintauchen möchte, sollte an Führungen teilnehmen und einige der historischen Gebäude auch von innen besichtigen. Für Familien gibt es zudem einen großen Kinderspielplatz, eine Riesenhängematte und einen Barfußpark, für den allerdings ein gesonderter Eintritt fällig wird.
Die An- und Abreise ist bequem mit dem Zug möglich. Wer mag, kann die Wanderung erweitern und bis in die Spargelstadt Beelitz weiterlaufen.
Infos zur Wegstrecke
- Anreise/Abreise mit der Bahn: Bahnhof Beelitz-Heilstätten (RE 7)
- Alternative Abreise: Bahnhof Beelitz (RB 33, RB 37)
- Anreise mit dem Auto: Parkplatz Baumwipfelpfad (A9, Abfahrt Beelitz-Heilstätten)
- Leichte Wanderung
- Für Rollstühle und Kinderwagen geeignet
- Geöffnet: im Sommer täglich von 10 bis 19 Uhr
- Eintritt kostet 17, ermäßigt 12 Euro, Kinder ab 7 zahlen 12 Euro
Tour 4: Wandern im Grunewald: Auf dem Klimapfad durch die grüne Lunge Berlins

Hinter den Ferngläsern wartet ein verschwundener See auf kleine und große Entdecker. Auf dem Barssee konnte an vor langer Zeit einmal Boot fahren. Warum das nicht mehr möglich ist, steht auf Informationstafeln am Wegesrand.
Los geht es an der Bushaltestelle am Grunewaldturm. Schon der Einstieg macht klar, dass diese Tour mehr sein will als nur ein Spaziergang durch den Wald: Eine hölzerne Palisadenwand empfängt die Besucherinnen und Besucher und liefert die ersten Informationen zum Klimapfad. Seit 2017 gibt es diesen besonderen Wanderweg, der damals als eine von 13 dezentralen Außenstellen der Internationalen Gartenausstellung entstand.
Der rund vier Kilometer lange Rundweg ist bestens ausgeschildert. Wer sich an den Holzpfählen mit den orangefarbenen Hütchen orientiert, kann sich kaum verlaufen. So lässt sich die Tour auch ganz entspannt ohne Führung erkunden. Entlang des Weges warten elf Informationsinseln, die sogenannten Waldwohnzimmer, an denen anschaulich gezeigt wird, wie sich die Berliner Wälder an den Klimawandel anpassen müssen – und was das ganz konkret für Natur und Menschen bedeutet.

Zunächst führt ein breiter Forstweg vom Grunewaldturm nach Osten zu den ersten Stationen des Pfades. Es gibt einen Selfie-Point, einen hölzernen Aussichtsturm mit weitem Blick in die Baumkronen der Laubriesen, und viel Wissenswertes zur Waldpflege. Wenige Schritte weiter verdeutlichen farbige Holzsäulen eindrucksvoll den CO₂-Verbrauch eines Berliner Einwohners. Überhaupt lebt diese kleine Rundtour von der gelungenen Mischung aus Bewegung und Begegnung: lesen, lernen, ausprobieren, verstehen.
Der Wald selbst erzählt dabei seine eigene Geschichte. Am Weg liegt der Pechsee, an dem früher Pech gewonnen wurde, das als Brennstoff diente. Ein Stück weiter folgt das Himmelsauge, eine stille Naturoase, in der je nach Wasserstand sogar die seltene Wasserminze wächst. Auch das Forsthaus Saubucht verweist auf die Vergangenheit des Gebiets: Seinen Namen verdankt es den Wildschweinen, die hier einst für Jagdzwecke des königlichen Hofes gehalten wurden.
Ein besonderes Highlight wartet an der zehnten Station. Plötzlich steht man in einem blauen Wald – zumindest scheinen die Baumstämme blau zu leuchten. Die Markierung veranschaulicht, wie viel Kohlendioxid ein Mensch im Laufe eines Jahres verursacht und welche Waldfläche nötig ist, um diese Menge wieder aus der Atmosphäre zu binden. Im Durchschnitt ist dafür ein halber Hektar Wald erforderlich. Genau auf dieser Fläche wurden die Stämme blau markiert. Ein starkes Bild, das hängen bleibt.
Wer entspannt durch dichten Laubwald wandern und dabei zugleich etwas über Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Berliner Waldes erfahren möchte, liegt mit dem WaldKlimaPfad im Grunewald genau richtig.
Infos zur Wegstrecke
- Anreise/Abreise mit dem Bus: Linie 218, Haltestelle Messe Nord
- Anreise mit Pkw: Parkplatz Grunewaldturm
- Länge: 4 Kilometer
- Leichte Wanderung
- Für Rollstuhl und Kinderwagen geeignet
- Eintritt frei!

Ein Schmetterling aus der Familie der Weißlinge gönnt sich im Moor am Himmelsauge im Grunewald eine Portion Nektar aus dem Gewöhnlichen Natternkopf.


