Der Zehlendorfer Tunnel-Bankraub hielt Berlin tagelang in Atem, als Täter 16 Geiseln nahmen und Millionen erbeuteten, sich im Finale jedoch als dilettantisch entpuppten. In unserer True-Crime-Serie „Das dunkle Berlin“ lesen Sie die Geschichte des fast perfekten Verbrechens.
Schon den ganzen Tag über das Geschehen in Berlin berichtet. Millionen verfolgten an jenem 27. Juni 1995, was in der Commerzbank-Filiale in Zehlendorf, Matterhornstraße, Ecke Breisgauer Straße, vor sich ging. Mehrere Personen hatten die Bank überfallen, Geiseln genommen, sich verschanzt. Über allem schwebte die Frage: Was haben die Gangster vor, die morgens um halb elf die Filiale gestürmt und alle Kunden und Angestellten gefesselt hatten? Und wie wollen sie da wieder rauskommen?
Selbst, wenn sie irgendwo ein noch so schnelles Fluchtauto versteckt hätten. Selbst, wenn sie die bereits angelieferten Säcke mit den geforderten Millionen dort hinein schaffen würden: Die massiv präsente Polizei würde sie nicht aus den Augen lassen, würde jeden Meter ihrer Route verfolgen. Und dann? Es würde ausgehen wie alle anderen Geiselnahmen: Nervenkrieg, irgendwann geben die Gangster auf, von Polizeipsychologen zermürbt. Handschellen, Verhör, U-Haft.
Commerzbank-Überfall in Zehlendorf: Die Fakten zum Fall im Überblick
| Fall | |
| Tatzeit | 27. bis 28. Juni 1995 |
| Tatort | Commerzbank-Filiale in Zehlendorf |
| Status | Aufgeklärt |
| Besonderheit | Täter gruben Tunnel unter der Filiale |
True Crime Berlin: Geiselnahme in Zehlendorf – Wie soll die Flucht gelingen?
Auch in den späten ARD-Tagesthemen war die Geiselnahme das wichtigste Thema. Noch vor dem Bosnien-Krieg und dem Streit der beiden SPD-Platzhirsche Scharping und Schröder wurde über sie berichtet. Verhandlungen zwischen der Polizei und den Gangstern habe es bereits gegeben, hieß es. Noch mehr Geld und noch mehr Zeit würden gefordert – verbunden mit der Drohung, den Geiseln etwas anzutun.
Viele in der Nachbarschaft, so hörte man im Fernsehen, halfen den Einsatzkräften. Die Müllmänner hatten ein Riesengefährt quer über eine der möglichen Fluchtstraßen gestellt. Und aus der gegenüberliegenden Sparkasse hatte sich, ganz solidarisch, eine mutige Angestellte angeschlichen, um bei dem VW-Bus, mit dem die Gangster vorgefahren waren, beherzt die Luft abzulassen. Ob die Polizei das zielführend fand, blieb unklar, längst hatte sie zwei schnelle BMW- und Mercedes-Limousinen als Fluchtfahrzeuge bereitgestellt. Alles, um das Leben der Geiseln zu schonen.
Aus unserer True-Crime-Serie „Das dunkle Berlin“
Raffinierter Coup: Die überraschende Flucht der Gangster
Die Bank war derweil von schwer bewaffneten Polizisten umstellt. Alles wollte man unternehmen, um die Geiseln zu retten. Ganz früh am nächsten Morgen dann die Nachrichten im Radio: Um kurz nach halb vier hatte die Polizei die Bank gestürmt. Alle Geiseln frei. Aber wo waren die Gangster? Spurlos verschwunden, nicht zu fassen. Mitsamt den fünfeinhalb Millionen Mark. Und dem Inhalt unzähliger Schließfächer. Wie das?
Nach und nach, von einer Nachrichtensendung zur nächsten, sickerte durch: Im Keller der Bank klaffte ein Loch im Betonboden, vielleicht sechzig Zentimeter breit. Es führte in ein undefinierbares Dunkel. Wohin genau? Kein Kripomann traute sich hinein. „Könnte ne Sprengfalle drinne sein“, sagte ein Polizist einem Radio-Reporter, der live dabei war. „Allet wie bei David Copperfield“, scherzte ein Kollege, „wie wegjezaubert“. Eine Geisel berichtete über die Täter: „Die hatten sogar Butterbrote für uns dabei und Mineralwasser, haben uns korrekt behandelt.“ Und schon kippte die Stimmung in der ganzen Stadt zugunsten der Geiselnehmer, denen ein so genialer Coup gelungen war. Das dachte man zumindest.

Geiselnehmer verschwinden in den Zehlendorfer Untergrund
Offenbar waren sie doch klüger als alle vor ihnen, erkannte auch die Polizei an. „Die haben uns bei der Ehre gepackt“, meinte ihr Präsident Hagen Saberschinsky zerknirscht, „sie haben mit Raffinesse, vielleicht auch Genialität gearbeitet“. Wie Schuppen fiel es nun allen von den Augen: Die stundenlangen Verhandlungen über das Geld und die Fluchtautos, sie sollten nur ablenken – und Zeit für die Tresorknackerei im Keller einbringen, die ein Vielfaches des säckeweise von der Polizei herangeschafften Bargeldes einbrachte.
Dem Pressesprecher der Polizei dämmerte nun auch, warum es in den telefonischen Verhandlungen mit den Gangstern nur am Rand um die Modalitäten der Abfahrt ging. Bei ähnlichen Fällen war das schließlich stets das Hauptthema. „Wir haben uns gewundert, warum die so genügsam sind. Warum haben die nicht weiter um freie Fahrt gepokert?“ Jetzt war man im Bilde.
Immer wenn die Polizei mit den Räubern verhandelte, hatte sie einen der Bankangestellten am Apparat, mit genauen Anweisungen ausgestattet. Im Hintergrund stets lautes Gehämmere und Bohrgeräusche. Natürlich, so hatte man vermutet, werde da ein Schließfach nach dem anderen geknackt. Das stimmte zwar, aber, wie man nun erkennen musste, im akustischen Schutz des Gedröhnes knackten sie eben auch den Fußboden, hinein in den Zehlendorfer Untergrund.

Verhaftung und Enttäuschung: Die Lösung des Falls
Um ein Uhr nachts gab es dann den letzten telefonischen Kontakt. Zu dieser Zeit lief auch das Ultimatum der Gangster ab, die mehr Geld wollten. Aber es tat sich nichts. Wenig später hörten auch die Geiseln, nach wie vor gefesselt und angebunden, nichts mehr von ihren Peinigern. Dann, nach gut zwei Stunden Stille, gegen drei Uhr, baten sie, zur Toilette gelassen zu werden. Erst rief nur einer, bald alle im Chor: „Wir müssen mal!“ Doch eine Reaktion der Geiselnehmer blieb aus. Waren sie eingeschlafen? Man befreite sich mehr schlecht als recht, der Filialleiter spannte seine Finger bis hin zum Telefon, wählte 110. „Wir glauben, die sind weg.“ Und man müsse übrigens mal auf die Toilette.
Kurz nach halb vier rückte die Polizei an – und sah die Bescherung. Durch das Loch im Keller traute sich keiner der Spurensicherer. Man musste also das andere Ende des geheimen Ganges finden, durchkämmte im Laufe des Folgetages die Umgebung. Der Ausgang konnte nur jenseits des engen, während der Tatzeit von der Polizei besetzten Ringes um die Bank liegen, sonst wäre die Flucht gescheitert. Der Blick fiel auf ein Garagengelände, 120 Meter Luftlinie entfernt. Und dort durch ein Fenster auf eine frisch zubetonierte Stelle, noch feucht glänzend. Man löffelte die Masse weg und fand den Tunnelausgang.

Das dunkle Berlin: True Crime aus der Hauptstadt
In ihrer Anfangszeit sorgte die Berliner Morgenpost mit der Erfolgsserie „Über das dunkle Berlin“ für Aufsehen. Nun knüpfen wir daran an – und berichten über die aufsehenerregendsten Verbrechen der Stadt. Unsere True-Crime-Serie: Das dunkle Berlin.
Schluss mit der Aura der genialen Gangster – Ermittlungen beginnen
Schluss war es nun bald mit der Aura der genialen Gangster. Zügig nämlich kamen die Ermittler über die Mieter der einen sowie der benachbarten Garage auf die heiße Spur. Die verwickelten sich beim Verhör in Widersprüche, und kurz darauf war die ganze Gang identifiziert: drei Syrer, ein Libanese, ein Italiener und ein Deutscher. Telefonabhörung, Hausdurchsuchungen, und die Beweise waren zusammen. Handschellen, Verhör, U-Haft.
So kam bald sogar bei der Polizei „Enttäuschung über die Geiselgangster“ (Berliner Zeitung) auf, angesichts der dilettantischen Tarnung der Täter. Die Bewunderung für den brillanten Plan war gewichen. Ein bisschen Achtung kam zurück, als die Ermittler den Tunnelbau rekonstruierten, mithilfe der noch jungen Täter. Der Chef der Sonderkommission Commerzbank freute sich: „Die inhaftierten Männer sprechen mit uns.“

Der aufwendige Tunnelbau – Gangster erzählen von Rückschlägen und Hindernissen
Über ein Jahr Schwerstarbeit lag hinter ihnen: Erst hatten sie in vier Metern Tiefe einen 20 Meter langen Tunnel von der Garage zur Straße gegraben. Dort führte ein Loch in den Regenwasserkanal unter einem Gullideckel in der Matterhornstraße. In dem Kanal gelangten sie 100 Meter weiter. Dort führte ihr Weg zurück in einen 50 Meter langen Tunnel bis unter die Commerzbank. Gearbeitet hatten sie immer mit Kompass, Maßband und viel Gefühl.
Dennoch gab es Rückschläge. Für Probleme sorgte etwa der Regenwasserkanal, der bei Niederschlägen volllief. Einer der Gangster wäre dabei fast ertrunken. Als oben auf dem Gehsteig über dem Tunnel einmal der Bürgersteig absackte, ruhte die Arbeit mehrere Wochen. Bis ein Tiefbauarbeiter kam, alles wieder auffüllte, aber nicht erkannte, was da unten los war. „Es war Freitag, und der Mann war offenbar betrunken“, ermittelte die Polizei ein halbes Jahr später.
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Ganz sicher, dass sie nach 170 Metern exakt unter dem Tresorraum der Commerzbank angekommen waren, waren die Gangster erst, als sie von beiden Seiten gleichzeitig den Kellerboden aufstemmten. Die Geiseln bekamen davon nichts mit. Und auch der Abschied der Verbrecher blieb ihnen verborgen. Die robbten derweil durch den 70 mal 70 Zentimeter großen Tunnel. Dessen Enge war dann auch das größte Problem: Einer der Beteiligten hatte während der Vorbereitungen so stark zugenommen, dass er fast nicht mehr durch den Tunnel passte. Alles musste schnell gehen, bevor er noch dicker wurde. Womöglich hatte die Gang deshalb an der Tarnungs- und Vertuschungsarbeit Abstriche hinnehmen müssen. Ihr entscheidender Fehler.








