Die am 20. Mai 2026 präsentierten Bebauungspläne für das Tempelhofer Feld sind vor allem wegen der politischen Haltung dahinter bemerkenswert. Der Entwurf wurde von der privaten Initiative „Zuhause am Tempelhofer Feld“ vorgestellt und hat keine demokratische Legitimation. Damit wird erneut versucht, ein gigantisches Bauprojekt als vermeintlich „alternativlos“ zu inszenieren.

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Dabei ist die Zukunft des Tempelhofer Feldes längst demokratisch entschieden worden. 2014 haben 1.149.145 Menschen in Berlin abgestimmt: 64,3 Prozent für den Erhalt des Feldes, gleichzeitig wurde der Bebauungsentwurf des Abgeordnetenhauses mit 51,2 Prozent abgelehnt. Dieses Ergebnis war ein verbindlicher Volksentscheid über ein Gesetz. Umso irritierender ist es, wenn nun erneut so getan wird, als könnte man diese Entscheidung einfach durch PR-Kampagnen wegmoderieren.

Edith Preuß
Edith Preuß von der Initiative 100% Tempelhofer Feld, die sich gegen eine Bebauung des Areals stellt.© privat | Privat

Der Versuch, pünktlich zur Wahl eine neue Mehrheitsstimmung zu suggerieren

Auffällig ist auch das Timing: Zeitgleich zur Präsentation des Entwurfs erschien „zufällig“ eine IHK-Umfrage, laut der angeblich 60 Prozent der Befragten eine Randbebauung des Feldes befürworten würden. Unabhängig davon, wie suggestiv solche Fragestellungen formuliert sein können, ersetzt eine kurzfristige Meinungsumfrage keinen jahrelangen demokratischen Prozess. Ein Stimmungsbild ist nicht gleichbedeutend mit einem Volksentscheid.

Diese Gleichzeitigkeit von Umfrage und Entwurf wirkt vor allem wie der Versuch, pünktlich zur Wahl eine neue Mehrheitsstimmung zu suggerieren, obwohl es weder im Senat noch in der Stadtgesellschaft eine tatsächliche Mehrheit für die Bebauung des Feldes gibt.

Das zeigt auch der offizielle Ideenwettbewerb des Senats 2024/2025: Vier der sechs prämierten Beiträge sprachen sich ausdrücklich gegen eine Bebauung aus. Der nun präsentierte Entwurf war nicht Teil dieses Wettbewerbs. Vielleicht, weil allen Beteiligten bewusst war, dass es selbst innerhalb der Fachwelt keine Mehrheit für eine Bebauung gibt.

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Ehemalige Präsidentin der Architektenkammer Berlin mit Kritik an Bauplänen

Auch die ehemalige Präsidentin der Architektenkammer Berlin, Theresa Keilhacker, kritisiert den Vorstoß deutlich: „Die Initiatoren des Vorhabens – die Architekten Tobias Nöfer, Hans Kollhoff und der Unternehmer Hamid Djadda – machten deutlich, dass ,bauen, bauen, bauen‘ ihr Leitmotiv ist, sie gern ökologische Standards über Bord werfen und am liebsten landeseigene Grundstücke mit Blick ins Grüne an private Investoren verkaufen würden.“

Derweil geht der gesellschaftliche Diskurs in den letzten Jahren, sowohl in der Fachwelt als auch bei vielen Bewohnerinnen und Bewohnern dieser Stadt, diametral in eine andere Richtung: Mehrere Dutzend Institutionen und Initiativen, mit jeweils Tausenden von Menschen, die sich darin engagieren, haben sich zu einem großen „Bündnis UNSERE STADT!“ zusammengeschlossen und streiten für ein Berlin, das klimagerecht und bezahlbar werden muss. Die Forderungen reichen von „Wohnraum ist keine Ware!“ bis hin zu „Bestandsertüchtigung vor Neubau!“.

Mit dem Manöver, die vom Volk erstrittene Freihaltung des Tempelhofer Feldes immer wieder in den Fokus von Immobilieninteressen zu rücken, lenken politische Akteure gern vom eigentlichen Dilemma ab: Berlin ist voll von unsanierten Gebäuden, die oft leer stehen, weil keine Instandhaltungsrücklage gebildet und jahrzehntelang auf Verschleiß gefahren wurde. Wir brauchen deshalb ausreichend Mittel für die Sanierung und Ertüchtigung des Tempelhofer Flughafengebäudes. Hier wie andernorts verschleudert das Land Berlin enorme Betriebskosten, weil nicht für sinnvolle Nutzungen in den Bestand investiert wird und hohe Energiekosten auf die klamme Haushaltslage drücken.

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Neu bauen am Tempelhofer Feld bedeutet, erst auf Kosten des Staates Strom, Wasser, Elektrik und Medien zu verlegen, neue Straßen, Beleuchtung und soziale Infrastruktur bauen zu lassen, kontaminierten Boden auszutauschen und Neubau stark zu subventionieren, um Bezahlbarkeit für untere Einkommensschichten herzustellen. Währenddessen Bestandsgebäude weiter verfallen.

Wir brauchen deshalb eine IBA – eine Internationale Bauausstellung –, die ihren Auftrag, „schlafende Riesen“ zu wecken und die „urbane Transformation der gebauten Stadt“ zu beschleunigen, ernst nimmt und endlich in den Bestand investiert. Mit einem Kampf gegen Leerstand und einer klaren Umbau-Agenda.

Für das Tempelhofer Feld existiert bereits ein demokratisch ausgehandelter Plan

Die Berliner Wohnungskrise wurde politisch produziert, gelöst wird sie nicht durch die Bebauung des Tempelhofer Feldes. Hier würde kein bezahlbarer Wohnraum entstehen. 

Was in all diesen Debatten außerdem regelmäßig unterschlagen wird: Für das Tempelhofer Feld existiert bereits ein demokratisch ausgehandelter und gesetzlich verankerter Plan – der Entwicklungs- und Pflegeplan (EPP). Dieser wird durch die sogenannte Feldkoordination begleitet und umgesetzt. Das eigentliche Problem ist nicht fehlende Planung, sondern dass diesem Prozess seit Jahren durch den Senat Mittel entzogen werden. So wird künstlich der Eindruck erzeugt, auf dem Feld passiere „nichts“, obwohl längst vereinbarte Konzepte und demokratische Verfahren existieren.

Das Feld ist keine leere Fläche auf einer Investorenkarte. Es ist nicht-kommerzieller Freiraum, Begegnungsort, Sportfläche, Kaltluftschneise und ein Ort, der allen gehört. Und genau deshalb bleibt die entscheidende Frage nicht, welche Vision sich am besten vermarkten lässt, sondern ob demokratische Entscheidungen in dieser Stadt weiterhin gelten.