Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) erfasste im vergangenen Jahr 2197 antisemitische Vorfälle in Berlin. Das geht aus dem Jahresbericht hervor, der am Mittwoch veröffentlicht wurde. Das sind zwar 324 Fälle oder 13 Prozent weniger als noch 2024 (2521). „Auch wenn weniger Vorfälle bekannt wurden, besteht das hohe Vorfallaufkommen im Vergleich zu den Jahren vor dem 7. Oktober 2023 fort.“

Laut Bericht wurden zwischen 2018 und 2022 im Schnitt knapp 1000 Vorfälle pro Jahr dokumentiert. 2023 waren es mehr als 1200, 2024 mit über 2500 mehr als doppelt so viele. „Antisemitische Äußerungen oder Handlungen, die mit gewaltlegitimierenden und terrorverherrlichenden Inhalten einhergingen, traten häufiger im öffentlichen und im digitalen Raum auf“, heißt es weiter.

Am 7. Oktober 2023 überfiel die islamistische Terrororganisation Hamas Israel und tötete rund 1400 Menschen, vorwiegend Zivilisten. Israel bombadierte daraufhin den Gazastreifen, von wo aus die Hamas operiert. Nach Angaben der Vereinten Nationen starben dort durch Angriffe mehr als 72.000 Menschen.

Antisemitische Angriffe in Berlin: Zahlreiche Übergriffe und ein versuchter Mord

RIAS erfasste berlinweit 40 antisemitisch motivierte Angriffe. Jüdische oder als jüdisch wahrgenommene Personen seien geschlagen, geschubst, angespuckt oder festgehalten worden. „In einem Fall wurde einer zuvor als ‚Jude‘ beschimpften Person Reizgas ins Gesicht gesprüht“, heißt es. Bei einem Fall handelte es sich um einen versuchten Mord.

Mann am Holocaust-Denkmal in Berlin schwer verletzt
Nachdem er einem 31-Jährigen am Berliner Holocaust-Mahnmal ein Messer in den Hals rammte, wurde der 19-Jährige festgenommen.© DPA Images | Ebrahim Noroozi

Am 21. Februar stach ein damals 19-Jähriger am Holocaust-Mahnmal in Berlin einem 31-Jährigen ein Messer in den Hals. Er habe Juden töten wollen, wie er später angab. Sein Opfer (kein Jude) überlebte die Attacke nur knapp. Das Berliner Kammergericht verurteilte den Angreifer im März wegen versuchten Mordes und versuchter Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland – dem Islamischen Staat – zu 13 Jahren Haft.

Antisemitische Vorfälle: Zahl der Demonstrationen in Berlin erreicht Rekordwert

Hass auf Jüdinnen und Juden wird in Berlin auch bei Demonstrationen offen geäußert. „Mit 239 Versammlungen hat RIAS Berlin so viele Versammlungen mit antisemitischen Vorkommnissen verzeichnet wie nie zuvor“, heißt es im Bericht. Dabei sei der Hamas-Angriff unter anderem als „Sieg“ glorifiziert und zur Wiederholung aufgerufen worden.

Antisemitische Vorfälle in Berlin 2024

Antisemitismus 2024 RIAS Bericht
Neukölln, 8. Dezember 2024: Schmiererei, die Israel mit dem Nationalsozialismus gleichsetzt und auf die Ritualmordlegende rekurriert.© RIAS Berlin | RIAS Berlin
Antisemitismus 2024 RIAS Bericht
Friedrichshain-Kreuzberg, 27. Juli 2024: Antisemiti­scher Schriftzug auf Straßenschild. „Kike“ ist eine abwertende Bezeichnung für Jüdinnen und Juden aus dem anglo-amerikanischen Raum.© RIAS Berlin | RIAS Berlin
Antisemitismus 2024 RIAS Bericht
Neukölln, 12. Oktober 2024: Antisemitische Schmiererei mit Brandflecken an Hauswand.© RIAS Berlin | RIAS Berlin
Antisemitismus 2024 RIAS Bericht
Treptow-Köpenick, 5. Oktober 2024: Antisemitische und terrorverherrlichende Schmiererei.© RIAS Berlin | RIAS Berlin
Antisemitismus 2024 RIAS Bericht
Lichtenberg, 4. Juli 2024: Antisemitischer und terrorver­herrlichender Aufkleber.© RIAS Berlin | RIAS Berlin
Antisemitismus 2024 RIAS Bericht
Neukölln, 27. Januar 2024: Schmiererei, die Israel mit dem Nationalsozialismus gleichsetzt.© RIAS Berlin | RIAS Berlin
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Mitte, 28. August 2024: Das Denkmal zur Erinnerung an den „Frauenprotest 1943“ in der Rosenstraße wurde mit dem Schriftzug „Jews are committing genocide“ beschmiert. Vor das Denkmal wurden außerdem „Free Palestine“ und eine Palästinaflagge gesprüht.© RIAS Berlin | RIAS Berlin
Antisemitismus 2024 RIAS Berlin
Friedrichshain-Kreuzberg, 7. Oktober 2024: Davidstern auf einem Plakat beschädigt.© RIAS Berlin | RIAS Berlin
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Charlottenburg-Wilmersdorf, 27. November 2024: Antisemitische Schmiererei vor den Räumlich­keiten einer Studierendenvertretung.© RIAS Berlin | RIAS Berlin

„Antisemitische Vorfälle wirken weiterhin in den Alltag von Jüdinnen und Juden sowie Israelis in Berlin hinein“, schreiben die Autorinnen und Autoren. „Jüdinnen und Juden berichteten von Beschimpfungen, Ausgrenzungen und Bedrohungen auf der Straße, an der Universität oder in der U-Bahn.“

Oft würden sich alltägliche Situationen verändern, wenn eine Person als jüdisch oder israelisch erkannt wurde. „Betroffene schilderten, dass sie das Tragen jüdischer Symbole oder das Sprechen von Hebräisch in der Öffentlichkeit abwägen oder gänzlich vermeiden.“