Ein Hakenkreuz auf der Häuserwand, ein zerstörter Stolperstein, eine Todesdrohung im Internet oder ein Schlag ins Gesicht: Judenhass hat auch in Berlin viele Facetten und es werden mehr. So wurden im vergangenen Jahr doppelt so viele antisemitische Vorfälle erfasst wie noch 2023. Die Zahl der registrierten Fälle ist von 1270 auf 2521 gestiegen – ein neuer Höchststand.

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Das geht aus dem aktuellen Jahresbericht der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) hervor, die am Dienstag in der Neuen Synagoge an der Oranienburger Straße in Mitte vorgestellt wurde. Im Schnitt waren das 210 antisemitische Vorfälle im Monat beziehungsweise sechs bis sieben pro Tag. Die Fälle seien „nicht nur häufiger, sondern auch enthemmter und gewaltvoller“, sagte Projektleiterin Julia Kopp.

Antisemitische Vorfälle in Berlin 2024

Antisemitismus 2024 RIAS Bericht
Neukölln, 8. Dezember 2024: Schmiererei, die Israel mit dem Nationalsozialismus gleichsetzt und auf die Ritualmordlegende rekurriert.© RIAS Berlin | RIAS Berlin
Antisemitismus 2024 RIAS Bericht
Friedrichshain-Kreuzberg, 27. Juli 2024: Antisemiti­scher Schriftzug auf Straßenschild. „Kike“ ist eine abwertende Bezeichnung für Jüdinnen und Juden aus dem anglo-amerikanischen Raum.© RIAS Berlin | RIAS Berlin
Antisemitismus 2024 RIAS Bericht
Neukölln, 12. Oktober 2024: Antisemitische Schmiererei mit Brandflecken an Hauswand.© RIAS Berlin | RIAS Berlin
Antisemitismus 2024 RIAS Bericht
Treptow-Köpenick, 5. Oktober 2024: Antisemitische und terrorverherrlichende Schmiererei.© RIAS Berlin | RIAS Berlin
Antisemitismus 2024 RIAS Bericht
Lichtenberg, 4. Juli 2024: Antisemitischer und terrorver­herrlichender Aufkleber.© RIAS Berlin | RIAS Berlin
Antisemitismus 2024 RIAS Bericht
Neukölln, 27. Januar 2024: Schmiererei, die Israel mit dem Nationalsozialismus gleichsetzt.© RIAS Berlin | RIAS Berlin
Antisemitismus 2024 RIAS Bericht
Mitte, 28. August 2024: Das Denkmal zur Erinnerung an den „Frauenprotest 1943“ in der Rosenstraße wurde mit dem Schriftzug „Jews are committing genocide“ beschmiert. Vor das Denkmal wurden außerdem „Free Palestine“ und eine Palästinaflagge gesprüht.© RIAS Berlin | RIAS Berlin
Antisemitismus 2024 RIAS Berlin
Friedrichshain-Kreuzberg, 7. Oktober 2024: Davidstern auf einem Plakat beschädigt.© RIAS Berlin | RIAS Berlin
Antisemitismus RIAS Berlin
Charlottenburg-Wilmersdorf, 27. November 2024: Antisemitische Schmiererei vor den Räumlich­keiten einer Studierendenvertretung.© RIAS Berlin | RIAS Berlin

Vor allem der Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und der seither andauernde Krieg gegen die Terrororganisation „fungierten weiterhin als Gelegenheitsstruktur für antisemitische Äußerungen und Handlungen“, heißt es im Bericht. Insgesamt hätten 43,7 Prozent der Vorfälle aus 2024 einen Bezug dazu gehabt.

Antisemitisch motivierte Gewalt: Höchster Wert seit Erhebung der Zahlen

Konkret geht es um Sachbeschädigungen, Beleidigungen, aber auch Attacken auf jüdische oder israelische Personen. Insgesamt verzeichnet der Bericht 53 Angriffe (2023: 34) – der höchste Wert seit Erhebung der Zahlen. „Betroffene wurden, meist im Kontext spontaner Begegnungen, von Unbekannten geschlagen, getreten, angerempelt oder angespuckt“, heißt es im RIAS-Bericht. Es handele sich um sogenannte „Botschaftstaten“, die sich von anderen Gewaltdelikten insofern unterscheiden, dass sie über den „Einzelfall in die Gruppen hineinwirken“, so Kopp weiter.

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Von den 53 Angriffen handelt es sich in zwei Fällen um „extreme Gewalt“. Exemplarisch führt der Bericht dazu einen Vorfall an einem Neuköllner Imbiss auf. Dort schlug demnach ein Mann mit einem Stuhl und den Fäusten auf eine Frau ein, nachdem diese Hebräisch gesprochen hatte.

Beim anderen handelte es sich um den Angriff auf den jüdischen FU-Studenten Lahav Shapira, der im Februar 2024 von einem Kommilitonen attackiert und schwer am Kopf verletzt wurde. Das Amtsgericht Tiergarten verurteilte den 24-Jährigen im April 2025 wegen gefährlicher Körperverletzung zu drei Jahren Haft und attestierte ihm eine antisemitische Motivation.

Gezielte Sachbeschädigungen oft gegen Stolpersteine und Mahnmale

RIAS registrierte daneben 99 gezielte Sachbeschädigungen. In 54 Fällen davon wurden Stolpersteine, Mahnmale, Gedenktafeln, Gedenkorte oder Denkmäler zerkratzt, mit Parolen besprüht, unkenntlich gemacht oder anderweitig beschädigt oder zerstört. Hier ist eine Verdreifachung gegenüber den 2022 und 2023 mit jeweils 18 solcher Fälle verzeichnet worden.

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Von den insgesamt 2521 registrierten Vorfällen richteten sich laut Bericht 1015 gegen jüdische oder israelische Institutionen. Davon hatten knapp 60 Prozent einen Bezug zum 7. Oktober und dem Krieg. Der Großteil dieser Delikte wurde online, zumeist über Social-Media-Plattformen, begangen. In vielen Fällen wurden jüdische Institutionen dabei für das Vorgehen der israelischen Armee im Gaza-Streifen verantwortlich gemacht. Die Polizei Berlin hat für den Schutz jüdischer und israelischer Einrichtungen in Berlin 270 zusätzliche Kräfte abgestellt.

Vorwurf: Schulen reagieren nicht ausreichend bei Antisemitismus

In 251 der 2521 Vorfälle richteten sich der oder die Täter direkt gegen jüdische oder israelische Menschen. Insgesamt 373 Personen wurden Opfer, was im Schnitt etwa fünf pro Woche bedeutet. In 45 Fällen wurden Kinder oder Jugendliche angefeindet, in zehn davon auch körperlich attackiert. Die Täter waren laut des Berichts meist Mitschülerinnen und Mitschüler.

„Der Antisemitismus durchdringt sämtliche Lebensbereiche“, sagte Alexander Rasumny von der Beratungsstelle OFEK. An Schulen fehle oft das Problembewusstsein, das Personal bleibe eher passiv und die Vorfälle würden „entpolitisiert“. Rasumny spricht von einem „institutionellen Versagen“.

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RIAS dokumentierte daneben 208 Versammlungen, auf denen es antisemitische Vorkommnisse gegeben habe – zumeist in Form von Parolen. Die meisten dieser Versammlungen fanden in Neukölln (31) statt, gefolgt von Friedrichshain-Kreuzberg (27) und Tempelhof-Schöneberg (24).

Jüdinnen und Juden zunehmend in Sorge um körperliche Unversehrtheit

„Der 7. Oktober prägt weiterhin den Alltag von Berliner Jüdinnen und Juden“, konstatierte Projektleiterin Kopp. Viele seien zermürbt, würden sich isoliert fühlen und die Mehrheitsgesellschaft mittlerweile als empathielos und unsolidarisch wahrnehmen. „Antisemitismus hat sich in dieser Stadt mittlerweile wieder normalisiert“, so Sigmount Königsberg, Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Er gehe von einem mindestens doppelt so hohem Dunkelfeld aus.

Die Räume, in denen sich Jüdinnen und Juden in Berlin bewegen können, werden kleiner.

Vorstellung des Ansprechpartners zu Antisemitismus
Sigmount Königsberg, Antisemitismus-Beauftragen der Jüdischen Gemeinde zu Berlin

„Die Räume, in denen sich Jüdinnen und Juden in Berlin bewegen können, werden kleiner“, sagte Königsberg und verwies auf etwa auf das DoDa’s Deli in Friedrichshain. Das levantinische Bistro schloss im vergangenen Jahr, weil sich die Betreiberinnen nach mehreren Hamas-sympathisierenden Schmierereien an der Hauswand nicht mehr sicher fühlten.

Das allgemeine Bedrohungsgefühl habe sich verstärkt, sodass viele reagieren, indem sie sich etwa nicht mehr als jüdisch zu erkennen geben und bestimmte, als potenziell unsicher angenommene Situationen meiden. Die Zivilgesellschaft lasse die Betroffenen im Stich, kritisiert Königsberg. „Es geht ein ungesagter Ruf durch die Stadt: Jude, halt‘s Maul!“