Von Jörg Krauthöfer

Ich bin diese Strecke schon einmal gegangen, vor mehr als 36 Jahren. Drei Tage nach dem Mauerfall, am 9. November 1989, machte ich mich zu Fuß vom Grenzübergang an der Oberbaumbrücke auf, der Hochbahntrasse folgend, durch Kreuzberg und Schöneberg, zum Wittenbergplatz. Die Bilder dieser Tour haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt und mein Bild von dieser Stadt nachhaltig geprägt.

Damals wie heute hat die Route nichts von ihrem Reiz verloren. Wer sich aufmacht und die Straßen, also Asphalt, Kopfsteinpflaster und Bordsteine, mit Geduld und offenen Augen erwandert, wird belohnt. Abseits der weltberühmten Schauplätze in der Hauptstadt zeigt diese rund neun Kilometer lange Strecke das echte Berlin: rau, lebendig, überraschend und unwiderstehlich. Also: Rucksack packen, Wanderschuhe schnüren. Es geht auf Entdeckungstour durch das wahre Berlin.

Infos zur Wegstrecke

  • Start: S-Bahnhof Warschauer Straße
  • Ziel: Bahnhof Zoologischer Garten
  • Distanz: 9 Kilometer
  • Wegbeschaffenheit: Asphalt
  • Für Kinderwagen geeignet
  • Höhenmeter: 20 m ⬆️ 20 m ⬇️
  • Leichte Wanderung
  • Gastronomie: Wir sind in Berlin. Da gibt es an jeder Ecke etwas zu essen
  • Hier gehts zur Karte!

Wir starten am Bahnhof Warschauer Straße, im Schatten des gewaltigen Wolkenkratzers an der East Side Mall. 142 Meter ragt der auch als Amazon-Tower bekannte Büroturm mit seiner markanten Silhouette in den Himmel; Hauptmieter ist, wie der Spitzname verrät, der Versandriese aus Amerika. Wenige Schritte weiter bringt uns eine der schönsten Brücken Berlins über die Spree. Seit 1896 verbindet dieses architektonische Meisterwerk aus roten Backsteinen die Bezirke Friedrichshain und Kreuzberg. Zuvor stand hier nur eine Holzbrücke, und fleißige Beamte kassierten tagsüber Zoll von den Fußgängern. Nachts hingegen blieb der Übergang versperrt: Ein aufgenagelter Baumstamm, der sogenannte Oberbaum, blockierte den Weg. Daher trägt die heutige Oberbaumbrücke ihren Namen. Mit dem Bau der Berliner Mauer wurde die Straße für den Verkehr gesperrt; bis 1989 diente die Brücke als Grenzübergang für Fußgänger.

 

Blick von der Oberbaumbrücke über die Spree in Richtung Alexanderplatz und Fernsehturm.

 

Wir verlassen Friedrichshain und tauchen an der Oberbaumstraße ins alte Kreuzberg ein. Von nun an begleitet uns für mehrere Kilometer die Hochbahntrasse der U‑Bahn-Linien U1 und U3. Verlaufen kann man sich hier kaum. Das stählerne Bauwerk ist unser ständiger Weggefährte.

Am Haltepunkt Schlesisches Tor passieren wir den ersten Hochbahnhof der Ost-West-Verbindung, eingerahmt von prächtigen Altbauten am gleichnamigen Platz. Unter der Hochbahn geht es weiter die Skalitzer Straße entlang in Richtung Westen. An der Ecke zur Görlitzer Straße liegt linker Hand der Görlitzer Park, im Volksmund kurz und bündig „Görli“ genannt. Er ist eines der zahlreichen Naherholungsgebiete des Bezirks Kreuzberg, allerdings mit zweifelhaftem Ruf; die Berliner Polizei führt ihn als kriminalitätsbelasteten Ort.

Hauptstadtwanderer unterwegs
Die Emmauskirche am Lausitzer Platz liegt direkt an der Hochbahntrasse. Auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich der Görlitzer Park.© FUNKE Foto Services | Jörg Krauthöfer

Einst fuhren von hier Personenzüge. Nach dem Zweiten Weltkrieg lagerten auf dem Gelände riesige Kohlenhalden, die Teile West-Berlins mit Brennstoff versorgten. Anfang der 1990er-Jahre entstand hier die 140.000 Quadratmeter große Parkanlage. Auf der gegenüberliegenden Seite erhebt sich die markante Silhouette der Emmauskirche in den Kreuzberger Himmel über dem Lausitzer Platz.

Wir passieren den Görlitzer Bahnhof, blicken von der Skalitzer Straße über die Hochbahn auf das markante Gebäude der Al-Khattab-Moschee, lassen Kreuzbergs bekannteste Straße, die Oranienstraße, rechts liegen und laufen unter der Hochbahntrasse weiter westwärts zum Kottbusser Tor. Es ist das Herz des Bezirks, Schmelztiegel für die sozialen Probleme der Stadt, und hat einen zweifelhaften Ruf als Drogenumschlagplatz. 

Gleichzeitig pulsiert hier das Leben: Dönerbuden, Bäckereien und Spätis öffnen bis tief in die Nacht, Kinder spielen zwischen Beton und Bahngeräusch, und Nachbarschaften organisieren sich auf dem Platz. Zwischen dem Neuen Kreuzberger Zentrum und den Hochbahnviadukten mischen sich alteingesessene Geschäfte mit neuen Bars, während Streetart und Plakate von Mietenprotesten erzählen. Wer einen Moment verweilen will, stellt sich an den Kotti-Balkon und beobachtet das Gewimmel – ein Kreuzberg im Zeitraffer. Von hier aus führt unser Weg wahlweise hinüber zur Admiralbrücke am Landwehrkanal oder entlang der Oranienstraße zurück ins dichte Kiezleben.

So geht es weiter am Kotti

Blick vom Kotti-Balkon auf das Kottbusser Tor.

Bild: © Dirk Krampitz

Wir erreichen den Wassertorplatz, wo Hochbahntrasse und Hauptstraße wie ein scharfes Messer den Verlauf des einstigen Luisenstädtischen Kanals kreuzen. Seit 1852 verband dieser die Spree mit dem Landwehrkanal, gedacht nicht nur als Wasserstraße, sondern auch als städtebauliches Schmuckstück, das Besucher nach Kreuzberg locken sollte.

1926 wurde der Kanal, bis auf das Engelbecken, wieder zugeschüttet und das Areal in eine Parklandschaft verwandelt. Doch die Vergangenheit bleibt sichtbar: In weiten Teilen lässt sich der alte Wasserlauf noch heute im Stadtgrundriss und in den Grünzügen ablesen.

Am Anhalter Steg, gegenüber vom Technikmuseum, quert die Hochbahntrasse den Landwehrkanal und biegt ab in Richtung Gleisdreick.
Am Anhalter Steg, gegenüber vom Technikmuseum, quert die Hochbahntrasse den Landwehrkanal und biegt ab in Richtung Gleisdreick.

Wir folgen weiter der Hochbahntrasse in Richtung Gleisdreieck, vorbei am Prinzenbad in der Prinzenstraße, am Maria-Juchacz-Denkmal am Halleschen Tor, über die Großbeerenbrücke und die Möckernbrücke bis zum Anhalter Steg. Die Fußgängerbrücke verbindet seit 2001 das Gelände des Deutschen Technikmuseums mit dem Elise-Tilse-Park und führt in nördlicher Richtung am Tempodrom vorbei zum Anhalter Bahnhof. Gleich hinter dem Steg schwingt sich die Hochbahntrasse über den Landwehrkanal, dicht an den Hochhäusern vorbei, zum Bahnhof Gleisdreieck – dem letzten oberirdischen Bahnhof der Linien U1 und U3. Hinter der Station, auf der anderen Seite des Parks am Gleisdreieck, verschwinden die Gleise im Berliner Untergrund. Wir durchqueren die weite Parkanlage und nehmen Kurs auf das südliche Viadukt.

Hauptstadtwanderer unterwegs

Auf der Schöneberger Wiese südlich des Gleisdreiecks lässt es sich wunderbar entspannen. Hier setzt die U2 ihren Weg auf der Hochbahntrasse in Richtung Nollendorfplatz fort.

Der Bahnhof Gleisdreieck ist ein Kreuzbahnhof: Im unteren Bereich bringt die U-Bahn-Linie U2 ihre Fahrgäste von Pankow nach Charlottenburg und zurück. Ab dem Gleisdreieck verläuft die Linie oberirdisch bis zum Nollendorfplatz – und wir folgen nun dieser Hochbahntrasse gen Westen. 

Wir kommen an der Amerikanischen Kirche in Berlin am Dennewitzplatz vorbei, überqueren die Potsdamer Straße, betrachten die bemalten Hausfassaden in der Bülowstraße und erreichen schließlich den Nollendorfplatz. Die nach Südwesten abzweigende Motzstraße ist das Zentrum einer aktiven schwulen Szene in Berlin und überregional bekannt und beliebt für das jährlich im Sommer stattfindende lesbisch-schwule Motzstraßenfest. Namensgeber der Straße ist der ehemalige preußische Finanzminister Friedrich von Motz.

Hauptstadtwanderer unterwegs
 Blick auf die Amerikanische Kirche in Berlin am Dennewitzplatz in Schöneberg.© FUNKE Foto Services | Jörg Krauthöfer

Hier am Nollendorfplatz endet die Hochbahntrasse der U-Bahn-Linie U2. Nach der Ausfahrt aus dem neu gestalteten Bahnhof verschwindet sie wieder im Berliner Untergrund. Wir folgen der Kleiststraße weiter westwärts, passieren den Wittenbergplatz und das berühmte KaDeWe, das Kaufhaus des Westens, und laufen die Budapester Straße, mit Blick auf die berühmte Gedächtniskirche, das Wahrzeichen der Stadt, bis zum Breitscheidplatz entlang. Dahinter liegt der Bahnhof Zoo, Endpunkt unserer heutigen Wanderung. 

Hauptstadtwanderer unterwegs

Weltberühmt ist die Tauentzienstraße mit dem Blick auf die historische Gedächtniskirche. Die beiden Türme von Upper West sind längst zum Markenzeichen West-Berlins geworden; dahinter liegt der Bahnhof Zoo.

Bild: © FUNKE Foto Services | Jörg Krauthöfer