Ewige Baustellen. Lazy Bürgerämter. Kaputte Schulklos und ein Nahverkehr, der nie kommt: Berlin ist ein Paradies für Meckerfritzen. Aber stimmt das eigentlich? Der ehemalige Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU, 26.300 Follower) überraschte jetzt mit einem Lob für das Bürgeramt von Charlottenburg-Wilmersdorf. Alles dort habe gut geklappt, schrieb er auf Instagram: „So erlebt man Verwaltung gerne“.

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„Und das in Berlin?“, fragte jemand misstrauisch zurück. Kann es sein, dass Berlin doch nicht so schlimm ist, wie alle immer behaupten? Tatsächlich gibt es hier ein paar Sachen, die neuerdings gut funktionieren. Und das ausgerechnet in Berlin, der dysfunktionalsten Hauptstadt Deutschlands.

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Etwa die Bürgerämter. Ja, Berlin ist die Stadt, in der Warten und Schlangestehen einerseits angesagt sind. Allerdings nur, wenn es um Döner, Partys oder Markenklamotten geht. Bei Bürgerämtern gilt dies nicht. Ewige Wartezeiten, absurde Bürokratie, analoge Servicewüsten, und das über Jahre: Irgendwann wurden die Bürgeramtsleidensberichte zum eigenen Genre. Der kürzeste Bürgeramtswitz ging so: „Berliner Bürgeramt“ in den Raum rufen, fertig (Gelächter).

„Das ist nicht mehr mein Berlin!“

2023 versprachen CDU und SPD in ihrer Koalitionsvereinbarung: Niemand solle mehr als 14 Tage auf einen Bürgeramtstermin warten müssen. Und jetzt? Dank Digitalisierung und neuen Mitarbeitern gibt es den nächsten freien Termin aktuell binnen 24 Stunden. Ein Tag Wartezeit! Kann das sein?! Schon im März hatte sich der Schauspieler Matthias Matschke scherzhaft über ein reibungsloses Bürgeramtserlebnis empört: „Das ist nicht mehr mein Berlin!“

Es gibt noch mehr solch überraschender Enttäuschungen für notorische Berlinkritiker. Der Flughafenexpress FEX zum Beispiel. Genau, das ist der Zug, in dem nach dem Start 2020 erst die Koffer nicht abgestellt werden konnten, der dann Schlagzeilen machte als unpünktlichste Linie Berlins. Danach kamen Baustellen, Ausfälle, kaputte Rolltreppen und zuletzt die Nachricht, dass die Verbindung statt fünfmal nur viermal die Stunde angeboten wird. Gemeckert wurde auch, weil der FEX seit Dezember nur noch vom Hauptbahnhof startet, nicht wie bisher von Gesundbrunnen. ABER: Dafür braucht der Zug seitdem auch vom Hauptbahnhof bis zum BER nur noch 22 Minuten – für 26 Kilometer, weitgehend durch Berliner Stadtgebiet! Mit dem Auto wäre man tagsüber mindestens doppelt so lange unterwegs. Möglich ist das durch die wiedereröffnete Strecke der Dresdner Bahn. Gab es einen Hype? Natürlich nicht.

Dritter Anlass, etwas leiser zu meckern, ist der 1. Mai. Persönlich bin ich zwar weder Fan der Kreuzberger Rituale zu diesem Anlass, noch feiere ich gerne mit Zigtausenden im Park. Aber auch, wenn man kein Freund von Großveranstaltungen ist: Wer in den letzten Jahren dabei war, hat erlebt, wie sich der 1. Mai in Berlin verändert hat. Wenn sich 70.000 Menschen einfach so in Bewegung setzen, um im Freien zu feiern, wenn sich allein 9000 junge Leute entschließen, spontan der Rapperin Ikkimel am Mariannenplatz zuzuhören, ist dies auch für Polizei, Rettungskräfte und ÖPNV eine riesige Herausforderung. Wenn aber alle Spaß haben und es weitgehend friedlich bleibt, ist das eine gemeinsame Leistung.

Selbst der 1. Mai bietet enttäuschend wenig Anlass zur Klage

Der 1. Mai in Berlin bietet Kritikern heute nur noch enttäuschend wenig Anlass zur Klage. Bis auf die üblichen Krawalle am Abend hat der Tag etwas von einem riesigen Familientreffen. Und das kennt man ja: Nicht alle, die dabei zusammenkommen, verstehen sich wirklich. Als Gastgeber ist man hinterher froh, wenn alles gut gelaufen ist. Wenn alle eine gute Erinnerung mitnehmen. Okay, da ist der Abwasch, in Berlin leider in Form gigantischer Müllberge. Das muss dringend anders werden. Trotzdem ist der 1. Mai ein Grund, stolz zu sein.

Und Ikkimel: Ihr Künstlername setzt sich aus dem Vornamen Melina und dem wichtigsten Berliner Wort zusammen: „Icke“. Sie kommt aus Tempelhof und hat Sprachwissenschaft studiert. Ihre ruppigen, feministischen Texte muss man nicht mögen. Aber sie beweisen, dass Berlin noch immer die Kraft hat, auf sehr besondere Art Grenzen zu überwinden.

Die Kolumne „Stadtflucht“: Hier schreibt Morgenpost-Redakteurin Uta Keseling über die Merkwürdigkeiten des Alltags in Berlin und manchmal auch auf dem Land.