Die hohe Polizeipräsenz fällt auf. Ein Dutzend Beamte laufen am Dienstagmorgen in leichtem Nieselregen an der Schöneberger Yorckstraße entlang, befragen Zeugen, begutachten Parkplätze. Das wenig beeindruckende Objekt, das im Zentrum der ganzen Aufregung steht, liegt schräg gegenüber der bekannten Filiale der Baumarktfirma Hellweg: ein grauer, heruntergekommener Wohnblock, übersät mit Graffiti. Dem einzelnen Schuh vor dem Eingang schenken die Passanten keine weitere Aufmerksamkeit. Den fünf orangefarbenen Punkten auf dem Gehweg hingegen schon. Sie markieren die nah beieinanderliegenden Stellen, an denen die Projektile der Schusswaffe gefunden wurden.

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Erneut ist in Berlin scharf geschossen worden. Und das auch noch ungewöhnlich brutal. In der Nacht zum Dienstag erwischte es einen 44-jährigen Mann in der Yorckstraße. Ein unbekannter Tatverdächtiger soll mindestens fünfmal auf sein Opfer gefeuert haben. Der Notruf bei der Polizei ging gegen 1.05 Uhr ein. Der Mann kam mit Schussverletzungen in ein Krankenhaus und wurde noch in der Nacht notoperiert. Er schwebt weiterhin in Lebensgefahr.
„Fünf Schüsse sind keine Warnung, das ist pure Tötungsabsicht“, sagt Stephan Weh, Landeschef der Berliner Gewerkschaft der Polizei (GdP). „Manchmal geht es dabei um Geschäfte, manchmal um verletzte Ehre.“ Einsatzkräfte suchten auch mithilfe des Polizeihubschraubers den Tatort sowie den nahe gelegenen Park am Gleisdreieck nach dem geflüchteten Tatverdächtigen ab, jedoch ohne Erfolg. Der Schütze soll über den Hellweg-Parkplatz geflohen sein und dann weiter in Richtung Gleisdreieckpark.
Schüsse in Schöneberg – Passanten leisteten Erste Hilfe
Die Polizeibeamten stürmten zudem die Wohnung des Opfers, um zu überprüfen, ob sich darin jemand befindet. Der Täter hatte wohl auf sein Opfer gewartet, war ihm an der Eingangstür förmlich aufgelauert. Etliche Anwohner hatten die Schüsse gehört. Passanten leisteten Erste Hilfe. „Es gab viele laute Geräusche“, erzählte eine Nachbarin einige Stunden später. „Ich weiß aber nicht genau, was passiert ist.“ Noch in der Nacht wurden Spuren gesichert. Die Yorckstraße war in beiden Richtungen gesperrt. Die weiteren Ermittlungen hat die 6. Mordkommission übernommen.
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Es ist das dritte Mal innerhalb weniger Tage, dass in Berlin geschossen wurde: Am frühen Sonntagmorgen hatte ein Unbekannter ebenfalls in Schöneberg auf ein Café gefeuert, nur wenige Hundert Meter von dem neuen Tatort an der Yorckstraße entfernt. Verletzt wurde niemand. Am Samstagabend wurden in Neukölln zwei Personen im Alter von 17 und 25 Jahren an der Hermannstraße angeschossen. Beide wurden in einer Klinik behandelt, der 25-Jährige musste notoperiert werden.
Das Cluster Recherche der FUNKE Mediengruppe hat sich in den vergangenen Wochen intensiv mit der zunehmenden Schusswaffengewalt in Berlin auseinandergesetzt und eine exklusive Videodokumentation zu den Hintergründen gefertigt.
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„Dass in Berlin in einer Nacht scharf geschossen wird, ist jetzt sicher keine große Besonderheit mehr“, sagt Gewerkschafter Weh. „Es darf aber niemals einfach so als Normalität hingenommen werden, denn wir reden über die Gefährdung von Menschenleben.“ Die Polizeisondereinheit der BAO Ferrum lasse zwar nichts unversucht, um die Strukturen hinter den Taten, die sich im Bereich der Organisierten Kriminalität abspielten, aufzudecken.
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Gewerkschaft weist auf Durchbewaffnung der Szene hin
„Es ist aber leider auch immer klarer zu sehen, dass wir über eine Durchbewaffnung auf unseren Straßen reden und eine Menge Protagonisten bereit sind, andere selbst ohne großen Hintergrund oder Vorgeschichte über den Haufen zu schießen“, so Weh weiter.
Auch Innensenatorin Iris Spranger hat alarmiert auf den jüngsten Schusswaffenvorfall in Schöneberg reagiert. „Das überschreitet eine rote Linie und ist nicht hinnehmbar“, sagte die SPD-Politikerin der Deutschen Presse-Agentur. „Meine Position ist klar: Null Toleranz gegenüber illegalem Waffenbesitz und noch mehr gegenüber der illegalen Verwendung von Waffen.“ Die Verfügbarkeit von Schusswaffen müsse eingedämmt und die Quellen müssten ausgetrocknet werden.
Spranger verwies auf einen Beschluss der Innenministerkonferenz vom Dezember vergangenen Jahres auf Initiative Berlins mit dem Ziel, das Waffenrecht und andere Instrumente zu verschärfen. „Wir wollen mehr Befugnisse für Ermittlungsbehörden“, so die Innensenatorin. „Dazu zählt die Telefonüberwachung von Personen, bei denen eine illegale Waffe gefunden wurde, um die Handelswege aufzuklären und diese zu zerschlagen.“
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Schüsse sind Problem für das Gesundheitssystem
Gewerkschafter Weh betont jedoch: „Diese Problematik wird die Polizei trotz immensem Personalansatz allein nicht lösen können. Und es ist ehrlicherweise auch keine reine Frage der inneren Sicherheit mehr.“ Die vielen Verletzten durch Messerstechereien und Schießereien seien mittlerweile vielmehr eine extreme Belastung für das Gesundheitssystem und somit für die komplette Gesellschaft. „Letztlich werden die Kosten durch die Krankenkassenbeiträge aller Menschen bezahlt, auch von all jenen, die nicht an einem Tag Täter und am nächsten Opfer dieser gewalttätigen Auseinandersetzungen sind“, betont Weh.
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Deutlicher Anstieg der Schusswaffengewalt in Berlin
Bereits seit Monaten wird in Berlin vermehrt scharf geschossen. Allein im vergangenen Jahr gab es im Durchschnitt drei Vorfälle pro Tag: Die Berliner Polizei registrierte 2025 insgesamt 1119 „Schusswaffendelikte“, 2024 waren es noch 666. Neben der schieren Verfügbarkeit an Schusswaffen in Berlin werden hinter dem Anstieg unter anderem auch Verteilungskämpfe in der Organisierten Kriminalität vermutet.










