14 Jahre ist das eigene Abitur her – und dann findet man sich als 32-jährige Frau wieder, die Karofelder abzählt und fein säuberlich Brüche auf einem Zahlenstrahl einträgt: ein Viertel, fünf Achtel, 17 Sechzehntel. Auf der nächsten Seite zücke ich mein Lineal und zeichne ein Parallelogramm, als wäre das mein Alltag als Online-Redakteurin. Ich stelle mich heute den Aufgaben des Berliner Probeunterrichts. Die Deutschaufgaben liegen hinter mir, nun stehen im Mathetest Bruchrechnung, Körper, Terme und Gleichungen sowie Daten und Zufall auf dem Programm.

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17 Schülerinnen und Schüler aus Berlin hat die Berliner Morgenpost an diesem Tag in die Redaktion eingeladen, um die Aufgaben parallel zu mir zu testen. Wer keine entsprechende Empfehlung hat, kann den Probeunterricht ablegen, um doch ein Gymnasium der Hauptstadt besuchen zu dürfen. Theoretisch. Denn in diesem Jahr haben nur 15 von mehr als 1200 Kindern die Aufgaben erfolgreich gemeistert. Viele Eltern kritisierten den Test als zu schwierig.
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Würden Erwachsene den Probeunterricht überhaupt bestehen? Diese Frage hat uns in unserer Redaktion nach Bekanntwerden der Ergebnisse beschäftigt. Und wenn nicht, was sagt das über die Aufgaben aus? Wie peinlich ist es, nicht auf dem Stand des Gymnasiums der siebten Klasse zu sein? Einen Tag vor der Prüfung habe ich selbstsicher zu Kollegen gesagt: „Ich habe keine Egoprobleme, wenn ich durchfalle.“ Aber stimmt das?
Als ich über Würfelnetzen brüte, zweifle ich an allem, was ich über meine eigene Intelligenz geglaubt habe. Wenn ich ehrlich bin, konnte ich das noch nie. Wahrscheinlichkeitstheorie war auch im Bachelorstudium Wirtschaftspsychologie noch mein Endgegner. Am liebsten würde ich die Netze ausschneiden und die Würfel zusammenbauen. Erst dann würde ich wirklich begreifen, was die Aufgabe von mir verlangt: die Gewinnchance von Würfeln mit unterschiedlich vielen grauen und weißen Seiten bestimmen. Klingt eigentlich einfach.
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Probeunterricht Berlin: Redakteurin wagt Selbstversuch – und ist von Aufgaben verwirrt
Beim Textverständnis bei den Deutschaufgaben stolpere ich mehrmals über Multiple-Choice-Fragen. Auch die haben mich nicht nur in der Schule, sondern auch während des Studiums ständig verwirrt. Grundlage der Aufgaben ist ein Flyer über eine Jugendherberge an der Nordsee mit Informationen über die Ausstattung der Unterkunft, die Verpflegung und die Preise. Man soll ankreuzen, worüber man im Text etwas erfährt. Weil im Text genannt ist, zu welchen Zeiten es das Frühstücksbüfett gibt, und dass das Küchenteam „besonderen Wert auf eine abwechslungsreiche und gesunde Ernährung“ legt, kreuze ich an, dass ich etwas darüber erfahre, was es zum Frühstück gibt. Aber das ist laut Lösung falsch.
Man muss festhalten: Der Probeunterricht ist für Erwachsene mit entsprechendem Schulabschluss insgesamt gut machbar. Zeichensetzung, einen Brief an die Klassenlehrerin schreiben, Vergangenheitsformen bilden in Deutsch; im Matheteil Volumina bestimmen, Brüche erkennen und die Preise beim Bäcker berechnen – das sollte auch Jahre nach dem Abitur noch sitzen. Natürlich muss ich während des Tests ab und zu kurz überlegen, was nochmal eine Symmetrieachse ist, wie genau begründet wird, dass Schiff mit -ff geschrieben wird oder wie man einen Term nach x auflöst. Aber das Wissen lässt sich schnell reaktivieren. Die volle Punktzahl habe ich am Ende trotzdem nicht.

Wie schwierig ist Berlins Probeunterricht? Ich habe ihn als Erwachsene getestet
Tückisch ist unter anderem, dass ich manchmal zu kompliziert denke. Im dritten Teil – „Puzzle“ – verwirrt mich die Aufgabenstellung. Vor mir sind acht Puzzleteile abgebildet, teils unterschiedlich geformt. Ich erkenne problemlos, dass sich einige davon gleichen. Nach etwas Überlegen weiß ich auch, aus welchen vier Puzzleteilen sich ein Quadrat legen ließe. Aber eines der acht Teile soll eine besondere Eigenschaft haben, die ich begründen soll.
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„Übersehe ich etwas? Bin ich zu dumm?“, diese Gedanken wandern durch meinen Kopf, als ich die acht Teile noch einmal im Detail durchgehe. Ich entscheide mich eher zufällig für ein Teil und finde auch eine Begründung, was es von den anderen unterscheidet. Aber, denke ich, das hätte ich auch für mindestens zwei andere der Teile machen können. Hinterher, beim Blick in die Lösung, finde ich heraus, dass genau das gewollt war. Volle Punktzahl gibt es „für die Formulierung einer verständlichen und sinnvollen Begründung für die besondere Eigenschaft des ausgewählten (eingetragenen) Puzzleteils“, nicht für ein bestimmtes besonderes Teil.
Am Ende bestehe ich mit 85 von 90 Punkten. 94 Prozent habe ich richtig. An der Uni gäbe es dafür die Note 1,3. Den Probeunterricht bestehen Schülerinnen und Schüler in Berlin ab 75 Prozent. Egoprobleme brauche ich nicht zu bekommen – ich dürfte aufs Gymnasium in Berlin. 14 Jahre, nachdem ich mein Abi in Schleswig-Holstein abgelegt habe, ist das beruhigend zu wissen.







