Liebe Leserin, lieber Leser,

manchmal läuft es überhaupt nicht, wie es soll. Und manchmal erweist sich das Unglück im Nachhinein als Glücksfall. Überhaupt lief es nicht, als das Restaurant, das eigentlich das Morgenpost-Tasting im April ausrichten sollte, kurzfristig absagen musste. Grund war akuter Personalmangel. Nach anfänglicher Aufregung kristallisierte sich – witzigerweise auf Vorschlag des Absagenden – eine Lösung heraus, die ich eben im Nachhinein nur als Glücksfall bezeichnen kann.

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Denn ohne das Malheur wäre ich wohl nicht darauf gekommen, bei Alexander Freund („Jäger & Lustig“, „Fischer & Lustig“) nachzufragen, ob er nicht in seinem „Beast Berlin“ ein Morgenpost-Tasting ausrichten wolle. Das Steak-Restaurant nahe dem Alexanderplatz steht an historischer Stätte, direkt neben dem Berliner Verlag. Nach der Wende war hier bereits jahrelang ein Steak-Restaurant untergebracht, viele Gäste aus dem Osten erinnern sich noch an diese Zeiten.

GASTRO: Morgenpost-Tasting April Beast
Saffron Negroni mit Hummberbisque und Rinderfilet-Praline. © FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Heute ist das „Beast Berlin“ modern, fancy und klar auf Events ausgerichtet. Nach einem holperigen Start übernahm Philipp Bergk in der Küche. Vielen dürfte er noch als Executive Chef im „Borchardts“ bekannt sein, später wirkte er im „Telegraphenamt“ in Mitte. Im „Beast“ stellte er die Küche vom Kopf auf die Füße und serviert heute dort erfolgreich Gerichte rund um Fleisch, Fisch und Meeresfrüchte. Für das Tasting hat Bar-Managerin Khatia Dvali drei extrem aromenstarke Cocktails kreiert: einen Saffron Negroni mit intensivem Safran, einen Pacific auf einer Basis aus Southern Comfort mit einem Shiso-Blatt und einen Silk Road zum Dessert, der die Erdbeere in Szene setzt. Komplettiert wird das mit einem außergewöhnlichen Bier und einem noch außergewöhnlicheren Rotwein, einem waschechten Barolo.

Bergk serviert dazu ein Best of seiner Küche: Tatar auf Brotchip, Hummerbisque mit Rinderfiletpraline, Thunfisch mit Wasabi-Kartoffelpüree, Wagyu-Bäckchen und einen Loveball. So knapp die Zeit zwischen Zusage und Termin vergangenen Dienstag war, alles überzeugte restlos. Ich bin sicher, auch Sie werden Ihren Spaß haben, auch dank des sehr aufmerksamen Service. Das Ganze für 55,90 Euro, da kann man wirklich nicht meckern.

Malatang: ein neuer Trend in Berlin?

Malatang Restaurants Berlin
Zwischen 80 und 100 Zutaten können beim Malatang gewählt werden. Hier im „Yangguofu“ in Steglitz.© Franz Michael Rohm | Franz Michael Rohm

Der Ablauf in einem Restaurant ist normalerweise klar. Entweder man holt sich etwas vom Buffet oder man bestellt beim Service und bekommt das Essen an den Tisch geliefert. Es dürfte die meisten eher seltsam anmuten, erst einmal an ein großes Kühlregal zu gehen, um sich die Zutaten zusammenzustellen.

Das jedoch ist das Prinzip von Malatang-Restaurants. In Kühlregalen lagern zwischen 80 und 100 Zutaten, darunter verschiedene Gemüse, Garnelen, Hähnchen- und Rindfleisch, Schwein, von Würstchen über Schinkenröllchen bis Schweinebauch, kann gewählt werden. Gäste aus Asien schätzten Rinderkutteln und Schweinedarm als Suppeneinlage. Mit seinem Körbchen geht man dann zur Kasse, wo alles gewogen wird. 100 Gramm kosten 3,19 Euro, mindestens 400 Gramm muss man drin haben. Eine Suppe kostet also um die 13 Euro.

Dann kann man sich noch eine Brühe in verschiedenen Schärfegraden aussuchen, in der die Zutaten wenige Minuten gekocht werden. Fertig ist der Feuertopf für Singles. Das Prinzip ist logisch, denn Hotpots sind eigentlich ein geselliges Vergnügen, nicht nur in China, wo es riesige Restaurants für Feuertöpfe gibt. Hier kommen jetzt Individualisten zum Zug.

Malatang Restaurants Berlin
Mitinhaberin Jennifer Gu im „Yangguofu“.© Franz Michael Rohm | Franz Michael Rohm

Bislang gibt es nur wenige Malatang-Restaurants in Berlin, aber vielleicht sehen wir hier den Beginn eines neuen Trends? Wer weiß. Zeit wäre es ja wieder einmal, dass etwas Neues die „Influencer:innen“ und „Content Creator:innen“ dieser Stadt flasht. Vielleicht also die Feuertöpfe in Selbstbedienung. Franz Michael Rohm hat sich nach anfänglichem Zögern auf die Spur der Malatang-Restaurants begeben und berichtet Ihnen hier von seinen durchaus positiven Erfahrungen. Eine Empfehlung also auch für Menschen, die keine Follower beglücken müssen.

Wie die Cocktails nach Berlin kamen

Bar im Hotel Majestic in Berlin 1935
Die Bar im Hotel „Majestic“ in Berlin um das Jahr 1935.© FUNKE Foto Services | akg-images

Woran denken Sie, wenn es um Berliner Trinkkultur geht? Also mir fallen da spontan „Schulli“, Korn und Berliner Weiße ein. Wat‘n „Schulli“ is`? Naja, ein „Schultheiss-Bier“ natürlich, diese traditionsreiche Marke, die wir schon als Abiturienten als Molle zu zischen pflegten. Weniger denkt man da an Cocktails.

Und doch: Die gemixten Drinks haben in Berlin eine ebenso lange Tradition wie das „Schulli“. Seit dem 19. Jahrhundert werden Cocktails in der Hauptstadt getrunken, weiß der Historiker Michael C. Bienert in seinem Buch „Cocktails in Berlin“ zu berichten. Da der Cocktail in Amerika erfunden wurde, hießen die Bars denn auch hierzulande folgerichtig „American Bars“. 1870 wurde die erste schriftlich in einer Annonce erwähnt und war Unter den Linden 61 in Mitte zu finden. Was wurde serviert? „Sehr angesagt war der Sherry Cobbler: Eis, Sherry, frisches Obst – serviert mit einem Strohhalm, der war damals noch nicht üblich – und so kam der Strohhalm nach Berlin“, so Bienert. Und: „Es war der erste Cocktail, der auf Eis geshaked wurde.“

Ihre Blütezeit hatten die Bars natürlich in den Goldenen Zwanzigern, den „Roaring Twenties“. Unter den Nazis kamen saure Zeiten. Jazzmusik mit schwarzen Musikern und fancy Drinks passten nicht zur Deutschtümelei der selbst ernannten arischen „Herrenrasse“. „Aber dennoch sind viele Nazis in Bars gegangen – Wasser predigen und Cocktails trinken!“, so der Historiker. Allerdings wurden die Drinks schlechter, aufgrund hoher Importzölle. Wem das nicht bekannt vorkommt. Nur eine reiche Oberschicht konnte sich einen Barbesuch noch leisten. Nachtigall, ick hör dir trapsen.

Als dieser mörderische Wahnsinn endlich vorbei war, dauerte es eine Weile, bis sich wieder eine Barkultur in Berlin etablierte. In den 1960er- bis 1990er-Jahren öffneten viele Orte, eine Zeit, an die ich mich gut erinnere. Nur zog es uns damals mehr in Kneipen mit Flippern und Billardtischen als an Orte, wo es kunstvolle Drinks gab. Und Jazz, das war eine Musik, die mein Vater liebte, die mir aber zu verstaubt und vor allem zu kompliziert war. Letzteres empfinde ich bis heute so.

Velvet Bar
Moderne Kreation: Der Drink Meerrettich in der „Velvet Bar“.© Velvet Bar | Sarah Swantje Fischer

Heute ist die Barkultur in Berlin bunt, vielfältig und sehr kreativ. Was da in die Gläser kommt, das sind Kunstwerke, die im kulinarischen Bereich längst einen Stern bekommen hätten, wenn nicht mehr. Stefanie Hofeditz hat Bienert getroffen und sich von ihm die faszinierende Geschichte der Cocktails in Berlin erzählen lassen.

Bleibt mir nur, Ihnen ein frohes und gesegnetes Osterfest beziehungsweise geruhsame Feiertage zu wünschen. Erholen Sie sich bei einem guten Drink, einem Feuertopf zum Selbstzusammenstellen oder demnächst beim Morgenpost-Tasting im „Beast Berlin“. Ihnen alles Gute, bleiben (oder werden) Sie gesund und haben Sie bitte eine genussvolle Woche, egal ob im Glas, auf dem Teller oder beim Osterspaziergang.

Herzlich, Ihr

Alexander Uhl

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