Die noch unbekannten Attentäter, die im vergangenen September die Stromversorgung des Technologieparks Adlershof drei Tage lahmlegten, haben sich das sicher anders gedacht. Sie haben laut ihres Bekennerschreibens Berlins wichtigsten Wirtschaftsstandort vor allem deswegen angegriffen, um eine Hinwendung von Forschern, Gründern und Unternehmern hin zur Sicherheits- und Verteidigungstechnologie, sogenannter Defense-Tech, aufzuhalten. Das ging aber nach hinten los.

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Die Bereitschaft der Adlershofer Community, sich mit „Def-Tech“ zu befassen, ist auch durch den Anschlag deutlich gewachsen. Sprach man im Berliner Südosten noch vor einigen Jahren nur sehr diskret darüber, dass die dort entwickelten und produzierten Technologien auch für das Militär interessant sein könnten, befürworten heute drei Viertel der 600 Unternehmen und elf außeruniversitären Forschungseinrichtungen in Deutschlands größtem Wissenschafts- und Technologiepark die Hinwendung zur Verteidigungs- und Sicherheitstechnik. Nur sehr wenige ziehen in Erwägung, Berlin wegen erhöhter Anschlagsrisiken oder anderer Gefahren zu verlassen. „Es gibt eher eine Trotzreaktion: Jetzt erst recht“, interpretiert Roland Sillmann von der landeseigenen Betreibergesellschaft Wista die Ergebnisse der jährlichen Umfrage unter den Standortpartnern.

Alexander Hammer hat zudem einen positiven Werbe-Effekt „in unserer Nische“ registriert. Hammer ist Gründer des Start-ups Dunia Innovations, das Künstliche Intelligenz einsetzt, um neue Materialien zu erforschen und zu entwickeln. Die im Bekennerschreiben aufgezählten Kompetenzen in Adlershof haben große Wagniskapitalgeber aus den USA auf den Standort aufmerksam gemacht. „Dass Adlershof Ziel eines solchen Anschlags wird, ist Marketing“, so der Jungunternehmer.

Die Reaktion verdeutlicht den Schwenk, den Berlins Wirtschaft und Politik seit der „Zeitenwende“ bezüglich Rüstung vollzogen haben. Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) sprach es auf der Adlershofer Jahrespressekonferenz deutlich aus. Dass in Adlershof auch militärisch nutzbare Technologien entstehen und eingesetzt werden, sei einer der „Angriffsgründe“ gewesen. „Natürlich ist Adlershof ein Ort, an dem an vielen Themen geforscht und gearbeitet wird, die im Dual Use nutzbar sind“, sagte Giffey. Sensoren, Photonik, Halbleiter, Drohnen, Satelliten, neue Materialien – all das könne eben zivil, aber auch militärisch genutzt werden. Der Senat hat sich dazu bekannt: „Ein Defense-Tech-Ökosystem ist ein politisches Ziel.“ Der Standort Adlershof sei dafür wichtig.

Ein Brandanschlag unter anderem auf diesen Strommast legte den Technologiepark im September 2025 drei volle Tage lahm.
Ein Brandanschlag unter anderem auf diesen Strommast legte den Technologiepark im September 2025 drei volle Tage lahm. © Jens Kalaene/dpa | Jens Kalaene

Aber natürlich hätten die Adlershofer gerne auf die drei Tage ohne Strom im September verzichtet. Die Schäden bezifferte der Wista-Chef eher vage auf 30 bis 70 Millionen Euro. Es reiche nicht aus, Produktionsausfall zu berechnen. Viele Forscher wurden zurückgeworfen, manche Start-ups erzielen noch gar keine Umsätze. „Der Stromausfall hat bei uns Versuchsreihen zerstört“, sagte Christian Vollmann vom Start-up C1, das an grünen Chemikalien arbeitet. Da sei der wirtschaftliche Schaden schwer zu beziffern.

Fabian Bannasch kann für sein Unternehmen Evologics auch Zahlen nennen. 2,5 Millionen Euro habe der Hersteller von maritimer Technologie wie Unterwasserrobotern und Tsunami-Warnsystemen in die Sicherheit seines Standortes gesteckt, habe Notstromaggregate angeschafft und über Antennen auf dem Dach die Kommunikation im Krisenfall abgesichert. „Das geht auf die Preise“, sagte Bannasch. Und man überlege, ob das KI-Training für die Tsunami-Warnung weiter in Berlin passieren solle. „Dabei sind wir verdammt auf sicheren Strom angewiesen“, so der Chef der 100-Leute-Firma.

Die Wista hat auf den Stromausfall reagiert und will vor allem die Energieinfrastruktur sicherer machen. 30 Millionen Euro Fördergeld hat man beim Bundeswirtschaftsministerium beantragt. So soll das Adlershofer Blockheizkraftwerk des Energieanbieters BTB so umgestellt werden, dass es im Notfall auch losgelöst vom umgebenden Stromnetz arbeiten kann. Für zwei Gebäude sollen modellhaft Konzepte entstehen, wie bei einem Stromausfall vorgegangen wird. Wer braucht Strom am dringendsten und kommt an die Notversorgung? Wer kann eventuell kurzzeitig abgeschaltet werden? Wie werden die Lasten unter den Mietern verteilt?

Ein Defense-Tech-Ökosystem ist ein politisches Ziel. Der Standort Adlershof ist dafür wichtig.

Franziska Giffey (SPD), Berlins Wirtschaftssenatorin

Auch die Wirtschaftssenatorin riet den Unternehmen und Instituten dringend, etwa die Solaranlage auf dem Dach mit einem eigenen Speicher auszustatten, um Ausfälle zum Teil überbrücken zu können. Oder Anschlüsse für Dieselgeneratoren leicht erreichbar zu machen.

Insgesamt hat der Stromausfall den Technologiepark ein bis zwei Prozentpunkte Wachstum gekostet. Gleichwohl legten die Umsätze und Fördermittel 2025 um fünf Prozent auf 4,2 Milliarden Euro zu. Die Zahl der Beschäftigten wuchs um knapp zwei Prozent auf 29.600. Auch für 2026 erwarten 39 Prozent der Firmen und Institute steigende Umsätze, die Hälfte geht von gleichbleibenden Geschäften aus. Für den Technologiepark werde ein Plus von vier Prozent erwartet, sagte Wista-Chef Sillmann.

Generell wird damit gerechnet, dass der Standort von der unsicheren geopolitischen Lage sogar profitieren kann. Für Defense-Tech werden in den kommenden Jahren Milliarden ausgegeben. Auch das Bestreben, Europa in vielen Technologien unabhängiger von den USA und China zu machen, dürfte sich im Berliner Südosten niederschlagen. Schon 2025 nahmen die Forschungsinstitute 27 Prozent mehr Drittmittel aus der Industrie ein. Deutlich mehr Adlershofer Unternehmen bezeichneten die enge Kooperation mit der Wissenschaft als essenziell.