„Ganz ehrlich, die große Liebe meines Lebens war sie nicht, wohl sicher noch nicht einmal die kleine. Besser als nichts, dachte ich aber oft, besser, als einsam und allein auf der Straße zu leben, ohne einen Partner, ein Gegenüber, ohne Schutz und Zärtlichkeit. Und guter Sex verband uns auch – nach einer Dusche und wenn wir einen Ort für uns hatten, wo wir das auch leben konnten.“

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Ich bin mir sicher, ich gebe diesen Bericht recht genau wieder. Obwohl es jetzt etwa 15 Jahre her ist. Tim war da Mitte dreißig, bereits über zehn Jahre obdachlos. Und er war regelmäßiger Gast der Bahnhofsmission Zoo, in der ich als Sozialarbeiter tätig war. Wenige Tage zuvor hatten er und seine Freundin Jana sich getrennt, nach sechs Jahren Partnerschaft auf der Straße.
Rund 80 Prozent der Menschen, die in Deutschland obdachlos auf der Straße leben, sind Männer. Der deutlich überwiegende Teil von ihnen lebt allein. Im Gegensatz zu wohnungslosen Menschen, die zwar ohne eigene Wohnung sind, aber in sozialen Einrichtungen leben. Hier sind 34 Prozent Paare, oft mit Kindern. Doch wie alle Menschen verlieben sich natürlich auch Menschen, die auf der Straße leben. Warum nicht? Und zu zweit ist das Leben leichter. Sie schützen sich gegenseitig vor Gewalt, geben sich emotionale Unterstützung, gemeinsame Ressourcen wie Geld und Essen können besser geteilt werden und man fühlt sich nicht einsam.
Leben auf der Straße: Jana kämpft mit Sucht und Übergriffen
Als Tim Jana kennenlernte, war sie gerade 18 Jahre alt. Sie war ein Jahr zuvor zu Hause rausgeflogen. Sie hatte psychische Probleme, bereits als Jugendliche. Und alle Hilfen brachten keine Heilung oder Linderung. Sie hörte Stimmen, hatte Wahnvorstellungen, nahm Drogen und trank viel Alkohol. Und sie erlebte eine Menge Übergriffe. So sah ihr erstes Jahr auf der Straße aus. Laut Tim war sie für etliche Männer „Freiwild“, wie er es nannte. „Und es waren nicht nur obdachlose Männer, die ihr zu nahe kamen.“
War es Mitleid, ein Beschützerinstinkt, die eigene Einsamkeit, der Wunsch nach Nähe oder einfach auch der Umstand, dass Jana ein richtig nettes Menschenkind war? Für Tim war es von allem etwas. „Oft aber schaute ich sie einfach sehr gerne an.“
Der Anfang ihrer Beziehung bedeutete über Monate viel Krankenpflege. Jana hatte körperlich massiv abgebaut, wog nur noch 45 Kilo. Typen vertreiben, gutes, regelmäßiges Essen, am Gewicht arbeiten, die Finger von den Drogen lassen: Tim, der Ältere und Erfahrenere, konnte sehr streng sein. Man konsumierte nur noch Alkohol, gemeinsam, manchmal in Unmengen, aber dennoch war es besser für sie. Jana nahm zu, es ging ihr besser, richtig gut aber wohl selten. Denn immer wieder ließ ihre Seele sie im Stich. „Das kam immer in Wellen, war oft richtig schlimm und manchmal musste ich sie versorgen wie ein Kleinkind.“
Das Hilfesystem trennt obdachlose Paare und erschwert den Ausstieg
In all dem Durcheinander und den widrigen Lebensumständen aber stabilisierte sich Jana zunächst dennoch. Waren beide alkoholabhängig? Vermutlich. Eigentlich kann man etwas dagegen tun, kann sich Hilfen suchen. Nur: Als Paar war dies schwierig bis unmöglich. Es gab Notunterkünfte für Männer, es gab Frauenhäuser, Therapieeinrichtungen, aber alle wollten die beiden trennen. Selbst in Notübernachtungen gibt es auch heute noch getrennte Schlafsäle. „Paarzimmer“ waren ein Fremdwort für das Hilfesystem. Wenn du sonst im Leben aber nichts mehr hast, klammerst du dich an deinen Liebsten oder deine Liebste. Egal, welche Ratschläge die Ärzte und Sozialarbeiter geben.
Tim und Jana wollten es gemeinsam schaffen. Und scheiterten. Das Leben auf der Straße machte beide von Jahr zu Jahr mürber, Liebe verleiht nur selten Flügel, Alkohol ist ein Moloch und bekommt nie genug. Und die Straße ist eben keine Therapieeinrichtung.
In einer Therapieeinrichtung war Jana nun aber bereits seit Wochen. Tim hatte geredet und geredet und sie dort schließlich persönlich abgeliefert. Denn gemeinsam wären beide vor die Hunde gegangen. Ihr ging es besser. Hoffentlich. Und Tim fühlte sich unendlich allein. Ein bisschen stolz war er dennoch. Und vielleicht …
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