Es war einer dieser Abende, die man verflucht, sobald man das Haus verlassen hat. Es war neulich in Hamburg. Feiner Nieselregen kroch einem in den Kragen und ließ die schwarzen Schneehaufen an den Straßenrändern zu Matsch zerlaufen. Meine Füße waren schon nass, bevor ich die erste Kreuzung überquert hatte. Es war dunkel. Meine Brille war nass. Außerdem tat mein linkes Knie weh, woran allerdings weder Hamburg noch das Wetter schuld waren. Ein anstrengender Arbeitstag lag hinter uns allen. Eigentlich wäre ich lieber auf dem Sofa versackt. Aber ich war verabredet. Mit sehr netten und spannenden Kollegen, von denen ich nicht wusste, ob ich sie so bald wiedersehen würde. Also: Brille putzen und rein ins Vergnügen.

Montag bis Samstag

Morgenpost der Chefredaktion

Die ersten News des Tages – direkt von der Chefredaktion. Montag bis Samstag um 6:30 Uhr.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Das italienische Restaurant war fast leer. Wir kamen zu dritt, zwei Kolleginnen von insgesamt 15 erwarteten uns am Tisch. Am anderen Ende des Raums saß ein anderes Paar und unterhielt sich leise. Von den Kolleginnen wurden wir mit einer seltsamen Frage empfangen. „Mögt ihr Herbert Grönemeyer?“ Seufzend setzte ich mich. Small Talk finde ich öde, Musikvorlieben erst recht. Doch die Kolleginnen insistierten. „Ist keine von euch Grönemeyer-Fan?“

Sie deuteten auf zwei Konzertkarten auf dem Tisch. Und erzählten eine unglaubliche Geschichte. Die Karten waren für ein Unplugged-Grönemeyer-Konzert am selben Abend. Das Paar am anderen Ende des Raums habe ihnen gerade diese Karten geschenkt. „Sie kamen einfach rüber, meinten, sie seien zu müde für das Konzert und wollten lieber ins Hotel gehen“, berichten die Kolleginnen. „Dann haben sie uns gefragt, ob wir die Karten haben wollen.“ Sie wiederum fänden: Die Karten sollten die Kollegen bekommen, die die glühendsten Grönemeyer-Fans seien.

„Und der Mensch heißt Mensch, weil er vergisst, weil er verdrängt.“

Wir lachten und wunderten uns und fühlten uns einen Moment wie Teenager, die ein Meet & Greet mit einem angehimmelten Tiktok-Star gewonnen haben. Grönemeyer hatte ich einmal im Leben in echt gesehen, in der Waldbühne, es war ein ergreifendes, schönes, aber auch trauriges Konzert. Damals, um 2002, war sein Album „Mensch“ erschienen, in dem er den Tod seiner Frau und seines Bruders verarbeitete. Sie waren beide an Krebs gestorben. Ich glaube, mindestens die Hälfte des Publikums weinte. Gleichzeitig füllte der Sänger die Waldbühne mit seiner unglaublichen Präsenz. „Und der Mensch heißt Mensch, weil er vergisst, weil er verdrängt / Und weil er lacht, weil er lebt.“ Bei Grönemeyer hat jeder das Gefühl, er singe für sie persönlich.

„Nein“, sagte ich der Kollegin, „ich bin kein Grönemeyer-Fan, auch wenn ich ihn gut finde. Und auch zu müde.“ Doch eine andere sagte: „Aber ich!“ Im Frühjahr, erzählte sie, habe sie noch überlegt, sich Karten für genau dieses Konzert zu kaufen. „Aber dann fand ich, ich muss vernünftig sein. Schließlich wusste ich schon, dass wir heute unsere Tagung haben würden.“ Außerdem war da der Preis. Die Karten hatten zusammen fast 250 Euro gekostet. „Ich kann es einfach nicht glauben, dass mir so etwas passiert“, wiederholte sie immer wieder. Fassungslos. Gerührt.

„So etwas passiert einem nur einmal im Leben!“

Nach der Pizza lief die Kollegin Richtung Konzert los, gemeinsam mit einem Kollegen aus dem „Pott“, ebenfalls Fan. Wir anderen dachten über Großzügigkeit nach. Und über Glück. Warum das Paar die Karten wohl nicht mehr haben wollte? Waren sie reich? Oder es war etwas in ihrem Leben passiert, weswegen sie nicht ins Konzert wollten? Sie hätten die Karten ja auch einfach verfallen lassen können. Oder versuchen, sie zu verkaufen. Ob sie überhaupt mitbekommen hatten, wie unbändig sich unsere beiden Kollegen über die Karten gefreut hatten? Ich hoffe es sehr.

Am nächsten Morgen kam die Kollegin heiser und gut gelaunt zur Arbeit. Grönemeyer sei toll wie immer gewesen, erzählte sie. „Und wir hatten sogar Sitzplätze ganz vorn!“ – „So etwas passiert einem nur einmal im Leben“, meinte eine andere Kollegin. Und wir beschlossen, das Ereignis als Zeichen zu nehmen, dass gute Dinge manchmal auch einfach so passieren. Wenn man es am wenigsten erwartet. Selbst bei Regen, Schneematsch und schlechter Laune.

Die Kolumne „Stadtflucht“: Hier schreibt Morgenpost-Redakteurin Uta Keseling über die Merkwürdigkeiten des Alltags in Berlin und manchmal auch auf dem Land.